Das österreichische Bundesministerium für Klimaschutz (BMK) analysiert derzeit die Rahmenbedingungen für die geplante Stilllegung von Gasverteilernetzen. Hintergrund ist das im Juli 2024 in Kraft getretene EU-Gas- und Wasserstoffmarktpaket, das Netzbetreiber zur proaktiven Planung bei sinkender Methan-Nachfrage verpflichtet, um kostspielige gestrandete Vermögenswerte zu vermeiden.
Das EU-Gas- und Wasserstoffmarktpaket und die regulatorische Wende
Die europäische Energielandschaft befindet sich in einem fundamentalen Umbruch. Mit dem Gas- und Wasserstoffmarktpaket wurden die Rechte und Pflichten von Infrastrukturbetreibern und Versorgern auf dem Gasmarkt neu definiert. Dieser regulatorische Rahmen wurde nach einer Abstimmung im Europäischen Parlament am 11. April 2024 und der Annahme durch den Rat der Europäischen Union am 21. Mai 2024 im Juli 2024 offiziell in Kraft gesetzt.
Die neue Richtlinie verfolgt ein duales Ziel: Sie ebnet den Weg für den Einstieg in den Wasserstoffmarkt und schafft gleichzeitig eine strukturierte Grundlage für den schrittweisen Ausstieg aus der Nutzung fossiler Gase. Damit reagiert die EU auf die Notwendigkeit, die Transportanforderungen und Netzplanungsanforderungen an eine dekarbonisierte Zukunft anzupassen.
Rechtliche Details des EU-Pakets
Die rechtliche Grundlage bilden die Richtlinie (EU) 2024/1788 und die Verordnung (EU) 2024/1789. Diese Instrumente verpflichten die Mitgliedstaaten dazu, die Koordination zwischen Gas- und Wasserstoffnetzen zu stärken. Ein zentraler Akteur in diesem Prozess ist die European Network of Transmission System Operators for Gas (ENTSO-G), die durch das neue Paket eine erweiterte Rolle bei der Erstellung von integrierten Netzentwicklungsplänen erhält. Diese Pläne müssen nun die Interoperabilität zwischen dem bestehenden Erdgasnetz und der aufzubauenden Wasserstoff-Infrastruktur berücksichtigen, um eine Fragmentierung der europäischen Energieversorgung zu vermeiden. Ein wesentliches Element ist die Einführung des Hydrogen Network Development Plan (HNDP), der die Grundlage für die großskalige Wasserstoffinfrastruktur in Europa bilden soll. Zudem sieht das Paket vor, dass die Europäische Kommission die Fortschritte bei der Netzplanung regelmäßig überwacht, um die Konvergenz der nationalen Strategien sicherzustellen.
Schutz vor gestrandeten Vermögenswerten und steigenden Netzentgelten
Ein zentrales Problem der Energiewende ist die Gefahr sogenannter gestrandeter Vermögenswerte. Wenn die Nachfrage nach Methan sinkt, drohen bestehende Netzinfrastrukturen wertlos zu werden, ohne dass die damit verbundenen Kosten vollständig gedeckt sind. Dies könnte zu einer massiven finanziellen Belastung für die verbleibende Kundengruppe führen, da die Netzentgelte steigen müssten, um die Infrastruktur aufrechtzuerhalten.
Um diesen Effekt zu verhindern, sieht die Richtlinie vor, dass Netzbetreiber verpflichtet sind, Stilllegungsplanungen auf der Ebene der Verteilernetze vorzunehmen, sofern ein Rückgang der Methannachfrage zu erwarten ist. Durch diese frühzeitige Planung soll die Planungssicherheit erhöht und die Vermeidung gestrandeter Kosten ermöglicht werden.
Ökonomische Mechanismen und die Rolle der E-Control
Ein kritischer Aspekt der BMK-Untersuchung betrifft die sogenannte „Tarifspirale“. Mit der zunehmenden Elektrifizierung des Wärmesektors – etwa durch den verstärkten Einsatz von Wärmepumpen – sinkt die Anzahl der aktiven Gasanschlüsse. Da die Infrastrukturkosten der Verteilnetzbetreiber (DSOs) jedoch weitgehend fix sind, müssen diese Kosten auf eine geringere Anzahl von Kunden verteilt werden. Dies führt zu einem Anstieg der spezifischen Netznutzungsentgelte pro verbrauchter Energieeinheit. In diesem Kontext nimmt die E-Control, die österreichische Regulierungsbehörde, eine entscheidende Rolle ein. Sie muss sicherstellen, dass die Kostenallokation während der Übergangsphase fair bleibt und die verbleibenden Gasnutzer nicht überproportional belastet werden, während gleichzeitig die finanzielle Stabilität der Netzbetreiber gewahrt bleibt. Die Studie untersucht hierbei auch die Auswirkungen auf die Investitionssicherheit (CapEx) der Betreiber, um einen vorzeitigen Rückbau aus rein finanziellen Gründen zu verhindern.
Die BMK-Studie zur Identifizierung von Umsetzungshürden
In Österreich liegt der Fokus nun auf der praktischen Umsetzung dieser EU-Vorgaben. Das BMK hat eine Studie in Auftrag gegeben, um die erforderlichen Rahmenbedingungen für die Stilllegung von Teilen des Gasverteilernetzes detailliert zu analysieren. Das Ziel der Untersuchung ist es, bestehende Lücken und Barrieren zu identifizieren, die einer effizienten Stilllegung entgegenstehen könnten.
Die Ergebnisse der Analyse sollen dazu dienen, notwendige Ergänzungen und Anpassungen im regulatorischen Rahmen vorzuschlagen. Damit soll sichergestellt werden, dass der Übergang von fossilen Gasen zu neuen Energieträgern wie Wasserstoff nicht nur ökologisch notwendig, sondern auch ökonomisch stabil erfolgt.
Technische und regulatorische Prüffelder der Analyse
Die BMK-Studie geht über rein finanzielle Fragen hinaus und untersucht auch die technische Machbarkeit des Übergangs. Ein wesentlicher Untersuchungsgegenstand ist das „Blending“, also das Beimischen von Wasserstoff in das bestehende Erdgasnetz. Hierbei müssen die regulatorischen Rahmenbedingungen für die Materialverträglichkeit der Rohrleitungen und der Gasstationen geklärt werden, um Leckagen oder technische Defekte zu vermeiden. Die Studie analysiert zudem die Strategien für das Asset Management, um zu bestimmen, welche Netzabschnitte durch eine Umrüstung auf Wasserstoff technisch erhalten bleiben können und welche eine vollständige physische Stilllegung erfordern. Dabei wird geprüft, wie die Stilllegungsverfahren mit den Bestimmungen des österreichischen Gasgesetzes harmonisiert werden können. Ein weiteres Ziel ist die Klärung der Verantwortlichkeiten bei der Übernahme von Infrastruktur durch neue Wasserstoff-Netzbetreiber sowie die Analyse der Anforderungen an die „Netzstilllegungsmeldungen“, die Netzbetreiber künftig an die nationale Regulierungsbehörde und die EU-Kommission übermitteln müssen.

Industrielle Perspektiven und Versorgungssicherheit
Die österreichische Gaswirtschaft (ÖOG) mahnt in diesem Zusammenhang zur Vorsicht hinsichtlich des Zeitplans für den Netzausstieg. Branchenvertreter weisen darauf hin, dass die Gasinfrastruktur eine essenzielle Rolle bei der Absicherung der Versorgungssicherheit spielt, insbesondere während der sogenannten „Dunkelflaute“ – Perioden, in denen Wind- und Solarenergie nicht ausreichen, um den Strombedarf zu decken. Ein zu forcierter oder schlecht koordinierter Rückbau der Gasverteilernetze könnte die Flexibilität des Energiesystems einschränken, bevor ausreichende Speicher- und Wasserstoffkapazitäten bereitstehen. Die Forderung der Industrie lautet daher nach einer technologieoffenen und systemintegrierten Planung, die die physische Verfügbarkeit von Gas als Backup-Option berücksichtigt. Dies umfasst auch die Notwendigkeit, die Netzkapazitäten für industrielle Großabnehmer, die auf konstante Gaslieferungen angewiesen sind, länger aufrechtzuerhalten.