Ein Zivilprozess um eine angebliche Gruppenvergewaltigung im Chi-Phi-Verbindungshaus an der Cornell University im Oktober 2024 hat eine neue Untersuchung und scharfe Debatten über die Kultur des griechischen Lebens an US-Universitäten ausgelöst. New Yorks Gouverneurin hat nun die Generalstaatsanwältin als Sonderermittlerin eingesetzt.
Die Ereignisse um eine damals 20-jährige Studentin, die in juristischen Dokumenten als Jane Doe geführt wird, belasten seit Wochen die Öffentlichkeit in den Vereinigten Staaten. Nach einer Party am 19. Oktober 2024 im Haus der Verbindung Chi Phi kam es zu schwerwiegenden Vorwürfen. Die Studentin beschuldigt sieben Mitglieder der Vereinigung, sie nach der Zufuhr von Alkohol, Marihuana und Ketamin über mehrere Stunden in einem Zimmer des Hauses gemeinschaftlich vergewaltigt zu haben wie Aljazeera berichtet. Alle sieben Männer haben die Vorwürfe bestritten; verhaftet oder im Zusammenhang mit der Klage strafrechtlich angeklagt wurde keiner von ihnen.
Warum die Staatsanwaltschaft den Fall zunächst schloss und nun neu aufrollt
Im November 2024 wandte sich die Betroffene erstmals an die Polizei der Cornell University und gab eine förmliche Erklärung ab. Der zuständige Bezirksstaatsanwalt des Tompkins County, Matthew Van Houten, lehnte es damals jedoch ab, strafrechtliche Anklage zu erheben. Wie die Nachrichtenagentur AP berichtet, begründete Van Houten seine Entscheidung damit, dass die von der Polizei zusammengefasste und von der Studentin unterzeichnete Erklärung das Geschehen als freiwillig und einvernehmlich dargestellt habe. Der Staatsanwalt erklärte, ihm habe damals kein vollständiges Protokoll der polizeilichen Vernehmungen vorgelegen und es habe an Hinweisen auf eine unfreiwillige Verabreichung von Betäubungsmitteln gefehlt.
Dies änderte sich, nachdem die Klägerin im September eine umfassende Zivilklage eingereicht hatte, die das öffentliche Interesse massiv anfachte. Im Zuge der darauffolgenden Kontroversen sah sich der Bezirksstaatsanwalt veranlasst, die Ermittlungen wieder aufzunehmen. AP hält fest, dass die Debatte vor allem durch die Veröffentlichung von Vernehmungsprotokollen Fahrt aufnahm, in denen die Klägerin schilderte, wie sich die Situation nach anfänglichem einvernehmlichen Kontakt mit zwei Männern drastisch verschärft habe.

Jane Doe sagte laut AP News: „Ich kann mit 100-prozentiger Sicherheit sagen, dass ich vergewaltigt wurde.
Welche Maßnahmen die Universitätsleitung und die Politik ergriffen
Die Reaktionen der Hochschule ließen im Herbst 2024 nicht auf sich warten. Noch am Tag der ersten polizeilichen Anzeige belegte die Universitätsleitung die Chi Phi-Verbindung mit einer vorläufigen Suspendierung und schloss das Haus vom Campusleben aus. Mehrere beteiligte Studenten wurden daraufhin exmatrikuliert oder suspendiert, wobei genaue Zahlen unter Hinweis auf den Datenschutz nicht genannt wurden.

Die politische Führung des US-Bundesstaates schritt im Oktober 2026 weiter ein. New Yorks Gouverneurin Kathy Hochul entzog dem Bezirksstaatsanwalt faktisch die alleinige Zuständigkeit und ernannte die Generalstaatsanwältin Letitia James zur Sonderermittlerin.
Welche Rolle studentische Warnungen und die Vorgeschichte des Campus spielen
Die Vorwürfe gegen das Verbindungswesen stoßen auf eine Vorgeschichte, die von studentischer Kritik und früheren Polizeiberichten begleitet wird. Gothamist dokumentiert, dass der Studierendenrat der Cornell University bereits im Dezember 2022 eine Resolution verabschiedet hatte, in der eine weitverbreitete Vergewaltigungskultur in den Studentenverbindungen angeprangert wurde. Auslöser für jenen Appell waren polizeiliche Warnungen aus dem November 2022, die innerhalb einer einzigen Woche fünf gemeldete Fälle von untergeschobenen Krypto- oder Betäubungsmitteln und zwei Verdachtsfälle von sexuellen Übergriffen an Verbindungsetablishments verzeichneten.
Ehemalige Vertreter der Studentenschaft kritisierten rückblickend, dass die Universitätsleitung damals zu zögerlich reagiert und strukturelle Probleme ignoriert habe. Die Debatte hat inzwischen eine landesweite Diskussion über die Machtverhältnisse, das institutionelle Schweigen und die Absicherung problematischer Verhaltensweisen innerhalb des traditionellen US-Verbindungssystems entfacht. Studien zeigen jedoch, dass Mitglieder von Studentenverbindungen statistisch häufiger von Berichten über sexuelle Aggressionen betroffen sind.
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