Ein „totaler Reinfall“: Die Realität der Gebotsrunde
Was als strategischer Vorstoß zur energetischen Unabhängigkeit geplant war, endete in einer marktseitigen Ignoranz. Die Versteigerung von Lizenzen für die Küstenebene des ANWR zog kaum Interesse nach sich. Von den angebotenen Flächen blieb die Hälfte komplett ohne Gebote. Lediglich drei Bieter zeigten Interesse, wobei die staatliche Wirtschaftsentwicklungsgesellschaft Alaskas, die Alaska Industrial Development and Export Authority, neun der angebotenen Parzellen sicherte. Zwei kleine Unternehmen kauften jeweils ein einzelnes Grundstück.
Die finanziellen Ergebnisse sind im Vergleich zu den ursprünglichen Erwartungen marginal. Insgesamt wurden nur 14,4 Millionen US-Dollar generiert, wovon die Hälfte an die Bundesregierung und die andere Hälfte an den Staat Alaska fließt.
„Sie haben die Versteigerung im ANWR durchgeführt – das ist geschichtsträchtig. Das wird in die Geschichtsbücher eingehen und die Leute werden darüber sprechen. Aber es ist niemand erschienen.“
Larry Persily, Beobachter der Öl- und Gasindustrie in Alaska
Persily zieht eine gnadenlose Bilanz aus diesem Ereignis. Er bezeichnete die Auktion in den Fachbegriffen der Branche als trockenes Bohrloch
und einen totalen Reinfall
. Während die Politik den Akt der Durchführung feiern könne, sei es unrealistisch zu glauben, dass jemals Öl aus diesem Gebiet gefördert werde.
Die Diskrepanz zwischen politischen Versprechen und Marktwert
Der politische Druck hinter diesen Auktionen war massiv. Bereits 2017 hatte ein republikanisch geführter Kongress die Küstenebene im Rahmen des Tax Cuts and Jobs Act für Bohrungen geöffnet. Die Argumentation lautete damals, dass die Verkäufe und die folgende Ölförderung über ein Jahrzehnt hinweg mehr als 2 Milliarden US-Dollar an staatlichen Einnahmen generieren würden, um so Steuersenkungen mitzufinanzieren.
Wie Yahoo berichtet, hat das mangelnde Interesse der Industrie diese Versprechen nun als falsch entlarvt. Laura Daniel-Davis, die amtierende stellvertretende Innenministerin, kritisierte, dass die gescheiterte Auktion die falschen Versprechen
des Steuergesetzes offengelegt habe.
Die wirtschaftliche Realität klafft weit auseinander mit der Rhetorik von Donald Trump, der mit dem Slogan Drill, baby, drill
eine massive Steigerung der heimischen Energieproduktion versprach. Trotz seiner Ankündigung, dass man bald bohren werde
und das ANWR öffnen werde, scheint die Industrie nicht bereit zu sein, dem politischen Willen zu folgen, wenn die Rendite nicht stimmt.
Ökonomische Hürden und regulatorische Unsicherheit

Warum meiden die großen Player ein Gebiet, in dem der US Geological Survey schätzungsweise zwischen 4,3 und 11,8 Milliarden Barrel technisch gewinnbares Rohöl vermutet? Die Antwort liegt in einer toxischen Mischung aus Kosten, Risiko und Image.
Kara Moriarty, Leiterin der Alaska Oil and Gas Association, räumte ein, dass die Ergebnisse nicht so robust
ausfielen wie erhofft. Sie führte dies auf die brutalen wirtschaftlichen Realitäten
zurück, mit denen die Branche nach den Ereignissen von 2020 konfrontiert ist, ergänzt durch eine anhaltende regulatorische Unsicherheit.
Die Entwicklung der Küstenebene gilt als extrem teuer und riskant. Hinzu kommt ein massiver öffentlicher Druck. Umweltschützer und indigene Gemeinschaften haben eine aggressive Kampagne gegen die Vergabe von Lizenzen geführt. Für viele Unternehmen ist das Reputationsrisiko, eine unberührte Wildnis mit Polarbären, Karibus und arktischen Füchsen zu industrialisieren, schlicht zu hoch.
Der Kampf um ein heiliges Land
Für die Gwich’in und andere indigene Völker Alaskas ist die Küstenebene mehr als nur eine potenzielle Ölquelle. Sie betrachten das Gebiet als heilig. Die industrielle Erschließung wird hier nicht nur als ökologische Katastrophe, sondern als Menschenrechtsverletzung wahrgenommen.
„Das Volk der Gwich’in wusste schon immer, dass Öl- und Gasbohrungen im Reservat nicht nur eine Verletzung unserer Menschenrechte als indigene Völker sind, sondern dass sie unpopulär und schlicht eine schlechte Geschäftsentscheidung sind.“
Raeann Garnett, erste Stammeschefin der Native Village of Venetie Tribal Government
Diese Sichtweise wird von Teilen der Verwaltung geteilt. Laura Daniel-Davis betonte, dass das Desinteresse der Ölgesellschaften widerspiegele, was man ohnehin gewusst habe: Es gebe Orte, die zu besonders und heilig
seien, um sie durch Bohrungen zu gefährden.
Die aktuelle Situation ist kein Einzelfall, sondern Teil eines Musterverlaufs. Bereits eine Auktion im Jahr 2021 endete ähnlich enttäuschend; die meisten der damaligen Gebote stammten ebenfalls von der alaskischen Entwicklungsgesellschaft. Letztlich wurden alle dort verkauften Lizenzen entweder aufgegeben oder vom Innenministerium annulliert.
Um den Kurs zu korrigieren, setzte die Regierung auf hochkarätige Präsenz. Innenminister Doug Burgum, Energieminister Chris Wright und EPA-Chef Lee Zeldin flogen gemeinsam nach Utqiagvik, um das außergewöhnliche Ressourcenpotenzial Alaskas freizusetzen
. Doch physische Präsenz und politische Dekrete können die Kalkulationen von Finanzanalysten und die globalen Ölpreise nicht ersetzen.
Die kommenden Monate werden zeigen, ob die Administration neue Anreize schafft oder ob das ANWR ein Denkmal für die Diskrepanz zwischen politischem Willen und ökonomischer Machbarkeit bleibt. Solange die Industrie die Bohrungen in der Arktis als zu teuer und gesellschaftlich zu riskant einstuft, bleibt die Vision einer Öl-Offensive in der Küstenebene ein bloßes Papierprodukt.