Mark Carney hat das Unmögliche geschafft. In einem politischen Manöver, das in der kanadischen Geschichte seinesgleichen sucht, hat der Premierminister seine Liberale Partei an die absolute Mehrheit im Parlament geführt. Das Besondere daran ist die Art und Weise: Carney brauchte keine landesweiten Neuwahlen, um seine Macht zu zementieren. Er kombinierte strategische Siege bei Nachwahlen mit einer Serie von Überläufern aus der Opposition. Damit beendet er die Ära der fragilen Minderheitsregierungen und schafft sich den nötigen Spielraum, um Kanada gegen den wirtschaftlichen und politischen Druck aus Washington zu wappnen.
Der „Anti-Trump“-Effekt als Machtbasis
Carney ist nicht einfach nur ein Politiker. Er ist das kalkulierte Gegenmodell zu Donald Trump. Während der US-Präsident mit Nationalismus, Zöllen und sogar Annexionsdrohungen arbeitet, setzt der ehemalige Notenbank-Chef auf nüchternen Realismus und internationale Kooperation. Diese Positionierung hat sich als politisches Gold erwiesen. Viele Kanadier sehen in Carney den einzigen Mann, der die fachliche Kompetenz besitzt, den Handelskrieg und die Einschüchterungen aus dem Weißen Haus abzuwehren.
Ein Wendepunkt war seine Rede beim Weltwirtschaftsforum in Davos. Dort kritisierte er offen, wie Großmächte wirtschaftlichen Druck auf kleinere Staaten ausüben. Die Wirkung war unmittelbar. Seine Zustimmungswerte in der Heimat schossen auf 60 Prozent hoch. Er sprach nicht als Parteisoldat, sondern als Staatsmann. Dieser Auftritt überzeugte sogar politische Gegner. Mehrere Abgeordnete der Konservativen wechselten die Seiten, weil sie in Carney eine Führungspersönlichkeit sahen, die Kanada in einer Zeit globaler Instabilität stabilisieren kann.
Ein rasanter Aufstieg aus dem politischen Scherbenhaufen
Wer Carney heute sieht, vergisst leicht, wie tief die Liberalen vor einem Jahr sanken. Unter Justin Trudeau war die Partei am Boden, sie hinkte den Konservativen in den Umfragen um 20 Punkte hinterher. Carney übernahm im März 2025 das Ruder, als Trudeau zurücktrat, und startete eine der schnellsten politischen Aufholjagden der kanadischen Geschichte. Er verschob die Partei strategisch in Richtung Mitte-rechts, um breitere Schichten der Bevölkerung anzusprechen.
Die letzte Hürde zur absoluten Mehrheit nahm er nun durch gezielte Nachwahlen. Die Siege in den Distrikten University-Rosedale und Scarborough Southwest in Ontario waren die entscheidenden Puzzleteile. Zusammen mit fünf Überläufern aus der Opposition in den letzten fünf Monaten hat er eine Position erreicht, die ihm bis zu den nächsten nationalen Wahlen im Jahr 2029 Sicherheit gibt. Er muss nun keine Kompromisse mehr mit anderen Parteien eingehen, um Gesetze zu verabschieden.
Sofortmaßnahmen und wirtschaftliche Autarkie
Carney verschwendet keine Zeit mit Siegesfeiern. Er nutzt seine neue Macht sofort für konkrete Entlastungen. Als erste Amtshandlung setzte er die Kraftstoffsteuer aus, was die Benzinpreise bis September um etwa sieben Cent pro Liter senkt. Es ist ein Signal an die Wähler: Die Regierung liefert schnelle Ergebnisse.
Sein langfristiger Plan ist jedoch weitaus ambitionierter. Er will die Abhängigkeit Kanadas von den USA drastisch reduzieren. Dazu gehören:
- Der Bau von mehr und vor allem günstigerem Wohnraum.
- Die Stärkung der heimischen Wirtschaft, um weniger anfällig für US-Zölle zu sein.
- Die Förderung von Handelsbeziehungen zu anderen „Middle Powers“.
Das Risiko: Öl, Pipelines und indigene Rechte
Trotz der aktuellen Beliebtheit lauert ein Konfliktpotenzial am Horizont. Experten erwarten, dass Carney nun den Bau einer umstrittenen Öl-Pipeline vorantreibt. Er will Kanada wirtschaftlich unabhängiger machen und die eigenen Ölreserven besser nutzen. Das ist ein riskantes Spiel. Es könnte den Zorn indigener Völker wecken und zu Spannungen in Quebec führen. Carney setzt hier auf die wirtschaftliche Logik: Ein erfolgreiches Kanada braucht seine Ressourcen, auch wenn der Weg dorthin politisch schmerzhaft ist.
Wie hat Mark Carney die absolute Mehrheit erreicht?
Er kombinierte zwei Wege: Erstens gewann seine Partei wichtige Nachwahlen in Ontario (unter anderem in University-Rosedale und Scarborough Southwest). Zweitens wechselten innerhalb kurzer Zeit fünf Abgeordnete aus der Opposition zu den Liberalen.
Warum ist sein Hintergrund als Notenbankchef wichtig?
Seine Erfahrung als Chef der Bank of England und der kanadischen Zentralbank verleiht ihm eine wirtschaftliche Glaubwürdigkeit, die in einem Handelskrieg mit den USA essenziell ist. Er wird als kühler Analytiker wahrgenommen, der Lösungen statt Ideologien anbietet.
Welche Folgen hat diese Mehrheit für die kanadische Politik?
Carney kann nun ohne die Zustimmung anderer Parteien regieren und Gesetze durchdrücken. Das beschleunigt seine Agenda zur wirtschaftlichen Unabhängigkeit von den USA, könnte aber bei Projekten wie der Öl-Pipeline zu starken internen gesellschaftlichen Spannungen führen.