Lufthansa feiert heute ein Jahrhundert Luftfahrt, doch der Glanz des Jubiläums verblasst angesichts einer beispiellosen Streikwelle. Während in Frankfurt im neuen Besucherzentrum „Hangar One“ die politische Elite zusammenkommt, bleiben die Maschinen am Boden. Es ist ein bitteres Paradoxon: Gerade als die Airline auf ihre 100-jährige Geschichte zurückblickt, bricht der interne Konflikt mit dem Personal in einer Intensität aus, die den Flugplan der kommenden Tage in Trümmer legt.
Das Kabinenpersonal legt die Arbeit nieder
Seit Mitternacht herrscht in den Cockpits und Kabinen eine beunruhigende Stille. Die Gewerkschaft Unabhängige Flugbegleiter Organisation (UFO) hat rund 20.000 Flugbegleiterinnen und Flugbegleiter zum Ausstand aufgerufen. Dieser Streik dauert bis Donnerstagabend an. Die Auswirkungen sind massiv. Alle Abflüge der Lufthansa aus den Drehkreuzen Frankfurt und München fallen weg. Auch die Regionaltochter Cityline ist betroffen, wobei hier eine ganze Reihe deutscher Städte betroffen ist: Frankfurt, München, Hamburg, Bremen, Stuttgart, Köln, Düsseldorf, Berlin und Hannover.
Besonders im Norden Deutschlands spüren die Reisenden die Folgen deutlich. Am Hamburg Airport fallen an beiden Tagen jeweils mehr als 40 Starts und Landungen aus. In Hannover sind es über ein Dutzend Flüge pro Tag. In Bremen sieht es noch düsterer aus; dort gibt es heute laut offiziellen Angaben keinen einzigen Flug mehr in Richtung Frankfurt oder München. Die Passagiere stehen vor den Scherben ihrer Reisepläne und müssen auf Ersatzbeförderungen oder Entschädigungen hoffen.
Die Piloten setzen nach
Kaum ist der zweitägige Ausstand der Piloten vom Montag und Dienstag abgeklungen, kündigt die Vereinigung Cockpit (VC) die nächste Eskalation an. Für diesen Donnerstag und Freitag rufen sie ihre Mitglieder erneut zum Streik auf. Die betroffenen Bereiche sind breit gefächert: Die Kernmarke Lufthansa, die Frachtsparte Lufthansa Cargo und die Tochter Cityline werden am Donnerstag und Freitag bestreikt. Der Ferienflieger Eurowings ist nur am Donnerstag betroffen.
Die Zahlen aus der vergangenen Woche zeigen, wie verwüstend solche Maßnahmen sind. Allein in Frankfurt waren rund 50.000 Fluggäste von Umbuchungen und Ausfällen betroffen, als hunderte Starts und Landungen gestrichen wurden. Die Reisenden müssen sich also darauf einstellen, dass die Woche im April 2026 kaum besser verlaufen wird als die letzte.
Ein tiefer Graben bei Renten und Gehältern
Hinter den Flugausfällen stehen harte Forderungen. Die Piloten kämpfen primär um die betriebliche Altersversorgung. Bei Lufthansa und Lufthansa Cargo liegt laut VC-Präsident Andreas Pinheiro schlichtweg kein Angebot zur betrieblichen Altersversorgung vor. Bei Eurowings wird das vorliegende Angebot als „inakzeptabel“ und auf einem viel zu niedrigen Niveau bezeichnet. Bei Cityline geht es zudem um einen tragfähigen neuen Vergütungstarifvertrag.
Pinheiro lässt keinen Zweifel an seiner Frustration. Er spricht von einer völligen Bewegungslosigkeit der Arbeitgeberseite. Die Gewerkschaft sieht sich zu diesen drastischen Schritten gezwungen, weil ernstzunehmende Angebote ausblieben – selbst nachdem man bewusst auf Streiks über die Osterfeiertage verzichtet hatte. Parallel dazu streitet das Kabinenpersonal mit der UFO über einen neuen Manteltarifvertrag.
Politisches Theater am Jubiläumsfest
Die zeitliche Überschneidung mit dem 100-jährigen Bestehen der Lufthansa verleiht dem Konflikt eine besondere politische Dimension. Kanzler Friedrich Merz und Verkehrsminister Patrick Schnieder sind heute im „Hangar One“ in Frankfurt geladen. Die UFO nutzt diesen Rahmen für eine Protestkundgebung. Sie wollen ein Zeichen gegen die „Politik der harten Hand“ im Unternehmen setzen. Auch die Piloten der VC unterstützen diesen Aufruf.
Ein Ausweg scheint zumindest theoretisch möglich. Die Vereinigung Cockpit schlägt ein Schlichtungsverfahren vor, um den Konflikt zu beenden. Lufthansa zeigt sich grundsätzlich offen für diesen Weg, sofern die Schlichtung alle Tarifthemen umfasst und eine „nachhaltige Befriedung“ bringt. Ob dieser diplomatische Ansatz die bereits angekündigten Streiks am Donnerstag und Freitag noch verhindern kann, bleibt abzuwarten.
Welche Flüge sind aktuell genau betroffen?
Momentan streikt das Kabinenpersonal (UFO). Betroffen sind alle Lufthansa-Abflüge aus Frankfurt und München sowie alle Cityline-Abflüge aus Frankfurt, München, Hamburg, Bremen, Stuttgart, Köln, Düsseldorf, Berlin und Hannover. Diese Maßnahmen dauern bis Donnerstagabend an.
Wann streiken die Piloten erneut?
Die Vereinigung Cockpit hat für Donnerstag und Freitag zum Streik aufgerufen. Lufthansa, Lufthansa Cargo und Cityline sind an beiden Tagen betroffen. Bei Eurowings findet der Ausstand nur am Donnerstag statt.
Was ist der Kern des Streits zwischen den Piloten und Lufthansa?
Im Zentrum stehen die betriebliche Altersversorgung (Renten) bei Lufthansa, Cargo und Eurowings sowie die Vergütungsstrukturen bei der Tochtergesellschaft Cityline. Die Gewerkschaft VC beklagt eine mangelnde Gesprächsbereitschaft der Arbeitgeber.
Gibt es eine Chance, dass die Flüge am Wochenende wieder normal laufen?
Das hängt von der vorgeschlagenen Schlichtung ab. Die VC hat ein Schlichtungsverfahren angeboten, und Lufthansa hat signalisiert, dass sie dafür offen ist, sofern alle Themen gelöst werden. Sollte dies scheitern, bleibt die Lage angespannt.