Deutschlands Gasspeicher erreichen kurz vor dem Stichtag am 1. November 2026 nur rund 62 Prozent Füllstand und verfehlen damit das gesetzliche Ziel von rund 70 Prozent deutlich. Während Berlin und die Bundesnetzagentur eine sichere Versorgung für den Winter garantieren, sorgt der Rückstand in Italien für scharfe Kritik an der deutschen Beschaffungspolitik.
Die deutschen Erdgasspeicher sind am Vorabend des entscheidenden Stichtags im Herbst 2026 lediglich zu knapp zwei Dritteln gefüllt. Eigentlich sahen die Verordnungen vor, dass die Speicher in der Summe ein Niveau von rund 70 Prozent erreichen sollten. Tatsächlich meldeten die Anlagen Ende Oktober Füllstände zwischen 61 und 62 Prozent, wie aktuelle Daten der Bundesnetzagentur und Berichte aus dem Wirtschaftsministerium bestätigen.
Hinter diesem Rückstand stehen globale Verwerfungen. Das Ministerium führt die Lücke vor allem auf geopolitische Konflikte in der Straße von Hormus zurück. Die anhaltenden Spannungen trieben die Preise für Erdöl und Erdgas massiv nach oben. Der europäische TTF-Referenzpreis für Gas überschritt im Oktober erstmals seit Dezember 2022 wieder die Marke von 100 Euro je Megawattstunde. Das wirtschaftliche Nachfüllen der Speicher verteuerte sich dadurch drastisch.
Italienische Kritik an Berlins Gaseinkäufen und steigenden Marktpreisen
Die niedrigen Füllstände in Deutschland rufen im europäischen Ausland heftigen Widerspruch hervor. Die Regierung von Giorgia Meloni in Rom wirft Berlin vor, durch zögerliche Befüllung und zusätzliche Großeinkäufe die europäischen Marktpreise künstlich in die Höhe zu treiben.

Alessandro Noce, ein hochrangiger Beamter im italienischen Ministerium für Umwelt und Energiesicherheit, legte die Vorwürfe bei einer Tagung in Mailand offen dar.
Die Preise sind gerade bei 100 Euro [pro Megawattstunde], weil die Deutschen einkaufen, ansonsten wären sie bei 70 Euro.
Alessandro Noce, Beamter im italienischen Ministerium für Umwelt und Energiesicherheit (MASE), via T-Online
Italien, das seine eigenen Speicher frühzeitig und mit staatlichen Mitteln forciert hatte, blickt mit Sorge auf die kommenden Wintermonate. Noce warnte vor den Folgen eines Kälteeinbruchs in Nordeuropa.
Wenn der Januar warm wird, haben wir kein Problem. Wenn der Januar wie letztes Jahr wird, als es in Nordeuropa, in Polen, in Litauen und Deutschland sehr kalt war, dann haben wir Probleme.
Alessandro Noce, Beamter im italienischen Ministerium für Umwelt und Energiesicherheit (MASE), via T-Online
Das Bundeswirtschaftsministerium wies diese Schuldzuweisungen aus Rom entschieden zurück. Eine Ministeriumssprecherin erklärte, der Vorwurf, die Einspeicherung des staatlich kontrollierten Konzerns Sefe treibe den europäischen Preis, sei unbegründet. Auch den Vorwurf, Berlin habe wegen geplanter Privatisierungen absichtlich auf eine ausreichende Befüllung verzichtet, wies die Behörde zurück.

Bundesregierung und Netzagentur bewerten die Versorgung als stabil
Trotz verfehlter Zielwerte geben die Verantwortlichen in Berlin Entwarnung. Sowohl das Wirtschaftsministerium als auch die Bundesnetzagentur betonen, dass für den kommenden Winter keine Gasmangellage zu erwarten ist. Die Situation unterscheide sich grundlegend von der Krise im Jahr 2022 nach dem Lieferstopp aus Russland.
Anders als im Jahr 2022, als sich der Zustand der Gasspeicher in einer kritischen Lage befand, verfügen wir heute über völlig andere Möglichkeiten, zusätzliches Gas zu beziehen.
Sprecher des deutschen Wirtschafts- und Energieministeriums, via Aktien
Die Versorgung stützt sich längst nicht mehr allein auf die Speicher. Deutschland bezieht kontinuierlich Erdgas über Pipelines aus Norwegen sowie Flüssiggas über die im Land errichteten LNG-Terminals. Nach Angaben der Bundesnetzagentur flossen allein zwischen dem 20. und 26. Oktober 18,3 Terawattstunden über Pipelines ein, ergänzt durch LNG-Lieferungen.

Zudem weist das Ministerium darauf hin, dass die Gesamtzahl durch einige wenige, extrem schwach befüllte Anlagen mit Werten unter 40 Prozent nach unten gezogen wird. Der Großteil der einzelnen Speicher meldet dagegen solide Füllstände zwischen 70 und über 90 Prozent. Das deutsche Notfallregime wurde ebenfalls angepasst: Seit Juli 2025 gilt lediglich die Frühwarnstufe, nachdem das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie die langjährige Alarmstufe aufgehoben hatte.
Analysten warnen vor Risiken bei strengem Frost
Ungeachtet der offiziellen Entwarnung mahnen externe Marktbeobachter zur Vorsicht. Der Energieanalyst Tobias Federico warnt, dass bereits wenige Tage extremer Kälte zu einer kurzzeitigen Mangellage führen könnten, wenn das Gas aus den niedrigen Speichern wegen des sinkenden Drucks nicht schnell genug abfließt.
Sollte es zu Engpässen kommen, müssten im Zweifel bestimmte Industriebetriebe ihren Verbrauch drosseln. Entsprechende Kontaktlisten halten die Fernleitungsbetreiber bereit. Privathaushalte hingegen gelten als gesetzlich geschützte Kunden, die keine unmittelbaren Einschränkungen befürchten müssen. Für Verbraucher steigen jedoch die Kosten: Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) bezifferte den durchschnittlichen Gaspreis für Haushalte in Einfamilienhäusern im laufenden Jahr auf 11,93 Cent je Kilowattstunde, während Neukundentarife laut Vergleichsportalen im Herbst Tendenzen nach oben zeigen.