Trotz strenger Gesetze und Repressionen im Iran widersetzen sich Frauen offen der Pflichtverschleierung. Während Hardliner wie Kayhan-Chefredakteur Hossein Shariatmadari und die Basij-Miliz eine härtere Verfolgung und schärfere Strafen fordern, zeigen jüngste Beobachtungen und Berichte anhaltenden zivilen Widerstand auf den Straßen Tehrans.
Der alltägliche Protest auf den Straßen Tehrans
Für viele Frauen in Iran ist das einfache Gehen auf der Straße zu einem täglichen Akt des Widerstands geworden, bei dem sie laut Berichten von Karin Laub und Mohammad Nasir das Risiko von Belästigungen oder Festnahmen durch die Sittenpolizei eingehen, deren Aufgabe die Durchsetzung des nach der 1979 erfolgten Islamischen Revolution auferlegten Dresscodes ist. Zahlreiche Frauen bewegen sich ohne den vorgeschriebenen Hidschab im öffentlichen Raum. Eine 30-jährige Brand- und Feuerschutzberaterin beschrieb die Situation anonym in einer WhatsApp-Audiobotschaft mit den Worten, dass es „wirklich, wirklich angsteinflößend“ sei, zeigte sich jedoch zugleich hoffnungsvoll, da die Behörden die Proteste immer schwerer unterdrücken könnten. Sie erklärte: „Sie rennen hinter uns her, aber können uns nicht fangen. Deshalb glauben wir, dass eine Veränderung stattfinden wird.”
Beobachtungen vor Ort verdeutlichen den Wandel im Straßenbild. Ein Reporter der Nachrichtenagentur Associated Press konnte über den Zeitraum von neun Tagen etwa zwei Dutzend Frauen ohne Hidschab in den Straßen Tehrans ausmachen, hauptsächlich in gehobeneren Vierteln wie Einkaufszentren, an Parkanlagen mit Seen und in Hotel-Foyers. Viele andere Frauen wählten stattdessen locker drapierte, farbige Schals. Selbst im traditionsreichen Großen Basar, der von vielen traditionellen Frauen frequentiert wird, trugen die meisten weiblichen Kundinnen diese lässigen Hidschabs, während eine beachtliche Minderheit weiterhin vollständig in schwarzen Tschadors verhüllt war.
Hardliner fordern härteres Durchgreifen und schärfere Strafen
Der Konflikt um die Kopfbedeckung hat die Iraner in einer Zeit weiter polarisiert, in der das Land unter beispiellosen US-Sanktionen leidet, die seit dem Ausstieg der US-Regierung aus dem Atomabkommen von 2015 verhängt wurden. Konservative und radikale Kräfte drängen auf eine kompromisslose Durchsetzung. Hossein Shariatmadari, Chefredakteur der hardline-zeitung Kayhan, kritisierte Beamte für deren vermeintliche Untätigkeit gegenüber Frauen, die sich dem Mandat widersetzen. Seine Forderung unterstreicht den internen Druck auf das Regime, eine härtere Gangart einzuschlagen, was laut Marktpreisen und Berichten konsistent mit Szenarien ist, in denen das Regime seine Macht konsolidiert und die Wahrscheinlichkeit eines Regimewechsels sinken lässt.
Auch paramilitärische Gruppierungen machen Druck. Minoo Aslani, Leiterin des Frauenflügels der Basij-Miliz, erklärte bei einer Kundgebung:
„Je offener sich Frauen in einer offenen sexuellen Weise kleiden, desto weniger sozialen Frieden werden wir haben, während wir gleichzeitig mit einer höheren Kriminalitätsrate konfrontiert sind.
Eine weitere Kundgebung wurde von mehreren tausend Frauen in Tschadors besucht, wobei ein Schild mit der Aufschrift „Der freiwillige Hidschab ist ein Komplott des Feindeshochgehalten wurde. Die Justiz forderte die Bevölkerung kürzlich dazu auf, Frauen ohne Hidschab zu denunzieren, indem Fotos und Videos an bestimmte Social-Media-Konten geschickt werden.
Reformer warnen vor Zwang und plädieren für zivilen Ungehorsam
Auf politischer Ebene sorgt die Debatte für Reibungspunkte. Während der damalige Präsident Hassan Rouhani und der oberste Führer Ayatollah Ali Khamenei eine mildere Haltung gegenüber Frauen ohne vorschriftsmäßige Kleidung unterstützt haben, gewannen Hardliner an Einfluss, während das Atomabkommen ins Stocken geriet. Die reformorientierte Parlamentarierin Parvaneh Salahshouri kritisierte den staatlichen Zwang deutlich und erklärte: „Was wir sehen, ist, dass die Sittenpolizei ein Fehlschlag war.“ Salahshouri, die selbst aus religiöser Überzeugung einen Kopfschleier trägt, verwies darauf, dass Gesetzesänderungen über das Parlament aufgrund von institutionellen Einschränkungen unwahrscheinlich seien. Stattdessen sollten Frauen gewaltlosen zivilen Ungehorsam leisten, auch wenn dies ein langsamer und schwieriger Weg sei, auf dem „iranische Frauen ihre Bemühungen nicht aufgegeben haben“.””
Der Kampf gegen den Zwangsschleier machte erstmals im Dezember 2017 Schlagzeilen, als eine Frau auf einen Verteilerkasten in der Tehraner Revolution Street kletterte und ihr Kopftuch an einem Stock schwang. Laut Angaben der in New York lebenden iranischen Aktivistin Masih Alinejad wurden seither mehr als drei Dutzend Protestierende festgenommen, darunter neun Personen, die sich weiterhin in Haft befinden.
Wandel der öffentlichen Meinung im historischen Kontext
Die Hidschab-Kontroverse reicht historisch bis in die Mitte der 1930er Jahre zurück, als die Polizei im Rahmen einer Westernisierungspolitik unter Schah Reza Pahlavi Frauen zwang, ihre Hidschabs abzunehmen. Unter dessen Sohn und Nachfolger war die Kopfbedeckung optional, und westliche Kleidung war unter der Elite verbreitet, ehe nach der Islamischen Revolution von 1979 die Pflicht eingeführt wurde.

Umfragen spiegeln den Wandel der Einstellungen wider. Eine Studie eines parlamentarischen Forschungszentrums aus dem Jahr 2018 zeigt, dass die Mehrheit der Frauen einen legeren Hidschab trägt und nur 13 Prozent einen Tschador wählen. Während im Jahr 1980 noch zwei Drittel der Befragten der Ansicht waren, Frauen sollten Hidschabs tragen, befürworten heute weniger als 45 Prozent eine staatliche Einmischung in diese Frage.
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