Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG) warnt vor einer massiven Untererfassung obdachloser Frauen in den offiziellen Statistiken Deutschlands. Laut der Organisation bleiben viele Betroffene unsichtbar, da sie aus Sicherheitsgründen oder Scham keine staatlichen Notunterkünfte aufsuchen, sondern in prekären Abhängigkeitsverhältnissen oder bei Bekannten unterkommen.
Lücken in der staatlichen Erfassung obdachloser Frauen
Die Diskrepanz zwischen offiziellen Zahlen und der realen Lage resultiert laut der BAG aus der Methodik der Datenerhebung. Staatliche Statistiken basieren häufig auf der Belegung von Notunterkünften oder Meldungen bei Sozialbehörden. Frauen, die in sogenannten „versteckten Obdachlosigkeit“ leben, tauchen in diesen Listen nicht auf.
In Deutschland wird rechtlich und statistisch oft zwischen „Obdachlosigkeit“ (dem Fehlen eines Dachs über dem Kopf) und „Wohnungslosigkeit“ (dem Fehlen einer eigenen, dauerhaften Wohnung) unterschieden. Während Menschen in Heimen oder Übergangseinrichtungen oft als wohnungslos registriert werden, fallen diejenigen, die in informellen Arrangements überleben, häufig durch das Raster beider Kategorien. Diese Gruppe umfasst Frauen, die kurzfristig bei Bekannten auf Sofas schlafen, in Autos übernachten oder in instabilen Wohnverhältnissen leben, in denen sie jederzeit vor die Tür gesetzt werden können.
Die BAG berichtet, dass diese Form der Obdachlosigkeit bei Frauen häufiger vorkommt als bei Männern, da die Hemmschwelle, in öffentlichen Notunterkünften zu übernachten, höher liegt. Viele Frauen vermeiden den Gang zu den Behörden, um nicht in ein System von Kontrollen und Registrierungen zu geraten, das ihre prekäre Lage nicht ausreichend absichert.
Sicherheitsrisiken und die Flucht vor Gewalt
Ein wesentlicher Grund für die statistische Unsichtbarkeit ist die Angst vor Gewalt. Der Bundesverband Frauenhäuser weist darauf hin, dass Frauen, die vor häuslicher Gewalt fliehen, staatliche Unterkünfte oft meiden, wenn diese nicht geschützte, geheime Standorte bieten. In gemischten Notunterkünften sehen sich Frauen einem erhöhten Risiko von Übergriffen und Belästigungen ausgesetzt.
Diese Problematik steht im Kontext der Istanbul-Konvention, dem Übereinkommen des Europarates zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt. Deutschland hat sich mit der Ratifizierung dieses Vertrags verpflichtet, eine ausreichende Zahl von spezialisierten Unterkünften bereitzustellen. Die Realität der „versteckten Obdachlosigkeit“ zeigt jedoch, dass die Umsetzung dieses Mandats Lücken aufweist.
Die Entscheidung gegen eine offizielle Registrierung ist oft eine Überlebensstrategie. Wer in einer Notunterkunft registriert wird, hinterlässt eine Spur, die es Tätern ermöglichen könnte, den Aufenthaltsort ausfindig zu machen. Dies führt dazu, dass Betroffene lieber in prekären, aber unauffälligen privaten Abhängigkeiten verbleiben, anstatt staatliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. In diesen informellen Unterbringungen riskieren Frauen zudem neue Formen der Ausbeutung, da sie für den Schlafplatz oft emotionale oder finanzielle Gegenleistungen erbringen müssen.
Die aktuelle Zählweise erfasst lediglich die Spitze des Eisbergs. Frauen, die aus Angst vor Gewalt im Verborgenen leben oder in instabilen Abhängigkeiten unterkommen, existieren in den offiziellen Statistiken schlichtweg nicht. BAG Wohnungslosenhilfe
Auswirkungen auf die Ressourcenplanung und Finanzierung
Die Untererfassung hat direkte Folgen für die Verteilung von Fördermitteln und den Ausbau von Kapazitäten. Da die Bedarfsplanung an den offiziellen Zahlen orientiert ist, fehlen oft die Mittel für frauenspezifische Angebote. Der Bundesverband Frauenhäuser meldet regelmäßig einen Mangel an Plätzen, während die staatliche Planung auf Basis der Untererfassung eine ausreichende Versorgung suggeriert.
Ein strukturelles Problem stellt dabei die Finanzierung dar. Die Wohnungslosenhilfe ist in Deutschland eine kommunale Aufgabe, was bedeutet, dass die Verantwortung und die Budgetierung bei den Städten und Gemeinden liegen. Viele Frauenhäuser und spezialisierte Einrichtungen sind zudem auf Projektförderungen angewiesen, die zeitlich befristet sind. Dies verhindert eine langfristige Kapazitätsplanung, die auf den tatsächlichen, aber nicht erfassten Bedarfen basieren würde.
Wenn Frauen nicht in den Statistiken auftauchen, wird ihr spezifischer Bedarf an niedrigschwelligen, geschützten Wohnformen politisch nicht priorisiert. Dies zementiert einen Teufelskreis: Fehlende sichere Plätze führen zu mehr versteckter Obdachlosigkeit, was wiederum die offiziellen Zahlen niedrig hält und neue Investitionen verhindert.
Forderungen nach neuen Erhebungsmethoden
Um die Dunkelziffer zu reduzieren, fordern Hilfsorganisationen eine Abkehr von der reinen Belegungsstatistik. Vorgeschlagen werden stattdessen „Point-in-Time“-Zählungen, bei denen Streetworker und Sozialbehörden zu einem bestimmten Zeitpunkt gezielt im öffentlichen Raum und in informellen Netzwerken suchen. Dieses Verfahren, das international bereits angewandt wird, zielt darauf ab, eine Momentaufnahme der tatsächlichen Lage zu erhalten, anstatt sich auf administrative Meldungen zu verlassen.
Zudem wird eine engere Verzahnung von Polizeistatistiken zu häuslicher Gewalt und den Obdachlosenstatistiken gefordert. Nur wenn die Kausalität zwischen Gewaltflucht und Wohnungslosigkeit systematisch erfasst wird, könne die tatsächliche Zahl der betroffenen Frauen ermittelt werden. Streetwork-Teams, die direkt mit den Betroffenen in Kontakt stehen, berichten regelmäßig von einer Diskrepanz zwischen ihren Beobachtungen und den offiziellen Berichten der Kommunen.
Die aktuelle Situation zeigt, dass die Definition von Obdachlosigkeit in Deutschland zu eng gefasst ist. Solange nur die sichtbare Obdachlosigkeit auf der Straße oder in Heimen zählt, bleiben die spezifischen Risiken und Bedürfnisse von Frauen in prekären Wohnsituationen für die Politik unsichtbar.