Die Grünen haben am Montag, den 1. Juni 2026, in Wien einen Fünf-Punkten-Plan zur Stärkung der LGBTIQ-Rechte präsentiert. Die Partei fordert unter anderem ein Verbot von Konversionstherapien und eine Null-Toleranz-Politik gegenüber queerfeindlicher Gewalt, wobei sie sich insbesondere an die Regierungsparteien ÖVP und SPÖ wendet.
Der Auftakt zum Pride Month ist in diesem Jahr weniger eine Feier als vielmehr ein politisches Signal. Mit der Präsentation ihres Programms machen die Grünen deutlich, dass die rechtliche Absicherung sexueller und geschlechtlicher Minderheiten in Österreich nach Ansicht der Partei noch immer lückenhaft ist. Im Zentrum steht die Überzeugung, dass gesellschaftliche Gerechtigkeit untrennbar mit den Rechten der LGBTIQ-Community verbunden ist.
Die fünf Kernforderungen der Grünen für die LGBTIQ-Community
Die Strategie der Grünen, wie sie laut einem Bericht von sn.at dargelegt wurde, konzentriert sich auf fünf spezifische legislative und soziale Hebel. Es geht dabei nicht nur um symbolische Gesten, sondern um konkrete rechtliche Änderungen.

- Null-Toleranz gegen Hass: Eine strikte Politik gegen queerfeindliche Gewalt und Hassrede gegenüber Menschen, die sich als lesbisch, schwul, bisexuell, transsexuell, intergeschlechtlich oder anderen sexuellen Minderheiten zugehörig identifizieren.
- Verbot von Konversionstherapien: Die gesetzliche Unterbindung von Praktiken, die darauf abzielen, die sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität einer Person zu ändern.
- Schließung von Lücken im Gleichbehandlungsgesetz: Eine Erweiterung des bestehenden Diskriminierungsschutzes, um bestehende rechtliche Grauzonen zu beseitigen.
- Vollständige Kostenübernahme für PrEP: Die komplette Abgeltung des Medikaments zur HIV-Prävention durch die Sozialversicherung.
- Schutz intergeschlechtlicher Kinder: Ein Verbot von medizinisch nicht notwendigen geschlechtsverändernden Operationen an intergeschlechtlichen Kindern.
Die Dringlichkeit dieser Forderungen begründet die Partei mit der aktuellen Sicherheitslage. Für die Justizsprecherin der Grünen, Alma Zadic, ist die Angst vieler Menschen, ihre Identität offen zu leben, kein vernachlässigbares Detail.
Zadic betonte, dass es hierbei nicht um ein Randthema gehe, sondern primär um Sicherheit.
Der politische Kampf um das Konversionstherapien-Verbot
Besondere Brisanz besitzt die Forderung nach einem Verbot von Konversionstherapien. David Stögmüller, LGBTIQ+-Sprecher der Grünen, bezeichnete die Realität in diesem Bereich als erschreckend und verwies auf eine europäische Studie, der zufolge eine von vier Personen aus der Community mit solchen Therapien konfrontiert wurde.
Interessant ist hier die Diskrepanz zwischen den politischen Forderungen und dem tatsächlichen Gesetzgebungsverfahren. Während die Grünen öffentlich Druck ausüben, befinden sich die Verhandlungen hinter den Kulissen in einer kritischen Phase. Die Tiroler Tageszeitung berichtet, dass aus Verhandlerkreisen eine Einigung noch vor dem Sommer angestrebt werde, ein Scheitern der Gespräche jedoch weiterhin im Raum stehe.
Dieser Zustand verdeutlicht die Zerreißprobe innerhalb der Regierungsdynamik. Die Grünen werfen den anderen Regierungspartnern vor, notwendige Schritte zu verzögern, obwohl die administrativen Grundlagen bereits existieren.
Es gibt ein fertiges Gesetz im Justiz- und Gesundheitsressort.
Vorwürfe an die SPÖ und die Bilanz der Justizministerin
Die politischen Pfeile der Grünen richten sich in diesem Jahr besonders stark gegen die SPÖ. Alma Zadic, die fünf Jahre lang als Justizministerin in einer Koalition mit der ÖVP tätig war, wies Kritik an ihrer eigenen Bilanz entschieden zurück. Sie argumentierte, dass sie gegen den Widerstand der ÖVP bereits wichtige Reformen durchgesetzt habe, darunter die rechtliche Absicherung von Regenbogenfamilien sowie die Aufhebung des Blutspendeverbots für homosexuelle Männer.

Nun fordert sie von der SPÖ die gleiche Entschlossenheit, insbesondere bei der Einschränkung von Konversionstherapien und dem Schutz intergeschlechtlicher Menschen. Wie der Kurier berichtet, reiht sich diese Kritik in eine Reihe von offensiven Angriffen der Grünen-Chefin Leonore Gewessler auf die Regierungsarbeit der SPÖ ein.
Die politische Spannung ergibt sich daraus, dass die SPÖ zwar seit Jahren Diskriminierungsschutz im privaten Bereich fordert, dieser jedoch nicht in das aktuelle Regierungsprogramm der schwarz-rot-pinken Koalition aufgenommen wurde. Damit bleibt eine Lücke, die die Grünen nun im Rahmen des Pride Month instrumentalisieren, um die Regierungsparteien in die Pflicht zu nehmen.
Zwischen Feierlaune und Budgetkürzungen: Wien im Pride Month
Parallel zu den politischen Forderungen finden die traditionellen Feierlichkeiten statt. Die „Vienna Pride“ läuft bereits seit dem 29. Mai und wird ihren Höhepunkt mit der 30. Regenbogenparade am 13. Juni finden. Die Parade zieht unter dem Motto „Sichtbar seit 1996“ einmal „andersrum“ um den Wiener Ring, wobei die Veranstalter mit mehreren hundert Besuchern rechnen.

Doch der Glanz der Parade wird durch finanzielle Realitäten getrübt. Aufgrund einer angespannten budgetären Lage muss das Pride-Village am Wiener Rathausplatz in diesem Jahr drastisch zusammengestrichen werden: Statt der üblichen drei Tage wird es nur noch eintägig realisiert. Dies zeigt, dass die gesellschaftliche Akzeptanz, die in Form von Demos und Partys gefeiert wird, nicht zwangsläufig mit einer entsprechenden finanziellen Priorisierung durch die Stadt geht.
Trotz dieser Einschränkungen in der Hauptstadt ist ein Trend zur Dezentralisierung erkennbar. Die Pride-Bewegung ist längst nicht mehr auf die Metropolen beschränkt. In jüngster Zeit kam es zu Paraden in kleineren Städten, wie etwa der „Mistelbach Pride“ oder der ersten LGBTIQ-Parade in Wels Mitte Mai.
Letztlich bleibt die Frage, ob der politische Druck der Grünen und die Sichtbarkeit der Paraden ausreichen, um die blockierten Gesetzgebungsverfahren – insbesondere beim Konversionstherapien-Verbot – vor dem Sommer zu lösen. Die kommenden Wochen werden zeigen, ob die „heiße Phase“ der Verhandlungen in einem tatsächlichen Gesetz gipfelt oder ob die Forderungen der Community erneut an den politischen Differenzen der Regierungsparteien scheitern.