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Kessler tritt nach nur neun Monaten als SIHF-Präsident zurück – Verband in tiefster Krise

Urs Kessler hat am Montag, 1. Juni 2026, mit sofortiger Wirkung als Präsident des Schweizer Eishockeyverbandes (SIHF) zurückgetreten – nur neun Monate nach seinem Amtsantritt und kurz nach dem verlorenen WM-Final der Schweizer Nationalmannschaft gegen Finnland.

Der Rücktritt markiert das dritte Mal innerhalb von zwei Jahren, dass der Verband nach internen Machtkämpfen und strukturellen Konflikten einen neuen Präsidenten sucht. Kesslers Amtszeit war geprägt von anhaltenden Intrigen, gescheiterten Reformversuchen und einer tiefen Spaltung zwischen Verband und Liga. Sein Nachfolger soll Marc Lüthi werden, dessen erfolgreiche Zeit als Präsident des SC Bern gerade erst im April endete.

Ein Präsident, der am System scheiterte

Kessler, der zuvor die Jungfraubahnen erfolgreich geleitet hatte, trat sein Amt im September 2025 an – mit dem Ziel, die zerrissenen Strukturen des SIHF zu kitten. Doch schon bald wurde klar, dass die Realität im Verband anders aussah. Laut der NZZ war er bereits am Wochenende vor seinem Rücktritt in Medienkreisen als „Spielball der Interessen“ beschrieben worden. Intern wurde er mehrfach desavouiert, etwa als ihm mitgeteilt wurde, seine Präsenz bei der Übergabe des Pokals an den HC Sierre nicht nötig sei. Solche Demütigungen häuften sich, bis Kessler in einer internen Abstimmung sogar scheiterte, als er versuchte, den CEO Martin Baumann abzusetzen – ein Zeichen für die tiefe Erosion von Autorität und Loyalität im Verband.

Ein Präsident, der am System scheiterte
cluster (priority): 20 Minuten

„Die fortwährenden Diskussionen haben mir gezeigt, dass ich dafür nicht die richtige Person bin“, erklärte Kessler in einer Mitteilung des Verbandes. Sein Rücktritt fällt mit dem bitteren WM-Fiasko zusammen, das die Schweizer Eishockey-Nation tief erschütterte. Doch die eigentlichen Probleme liegen tiefer: Der Verband ist seit der Abspaltung der National League (NL) 2022 strukturell überfordert. Die Bürokratie, die Kessler vorfand, war nicht reformierbar – und seine Versuche, sie zu durchbrechen, scheiterten an internen Machtkämpfen und einer Kultur der Blockade.

„Der Verband ist mit seinen Strukturen seit der Abspaltung der National League nicht mehr in der Lage, die Geschäfte in den Griff zu bekommen“, analysiert der Blick. Kesslers Amtszeit war die kürzeste in der Geschichte des SIHF – ein Symbol für das chronische Versagen der Führungsetage, seit der Verband 2023 bereits Stefan Schärer nach internen Konflikten ablöste. Damals musste Schärer eine Verschwiegenheitsklausel unterschreiben, weshalb er sich bis heute nicht zu den „haarsträubenden internen Vorgängen“ äußert.

Die „Causa Fischer“ und der Vertrauensverlust

Ein zentraler Moment, der Kesslers Glaubwürdigkeit untergrub, war die sogenannte „Causa Fischer“. Wenige Wochen vor der Heim-WM 2026 in Zürich und Freiburg musste Nationaltrainer Patrick Fischer nach einem aufgeflogenen Corona-Zertifikatsschwindel um die Olympischen Spiele 2022 in Peking zurücktreten. Der Verband und damit Kessler räumten Fehler ein – doch der Schaden war bereits angerichtet. Die Affäre offenbart ein Muster: Der SIHF ist nicht nur strukturell schwach, sondern auch in der Lage, Vertrauen zu verlieren, wenn es auf die Probe gestellt wird.

Kessler selbst sagte kurz vor der WM in einer Medienkonferenz: „Ich verstehe, dass diese Möglichkeit im Raum steht. Wir haben Fehler gemacht, aber jetzt einen führerlosen Verband kurz vor der Heim-WM, das wäre nicht förderlich.“ Doch genau diese Führungsschwäche wurde nun zur Realität. Die „fortwährenden Diskussionen“ – wie Kessler es formuliert – sind kein Zufall, sondern Symptom einer Kultur, in der Entscheidungen nicht mehr durchsetzbar sind. Selbst der Verwaltungsrat, das oberste strategische Gremium, wusste laut 20 Minuten bis zum Rücktritt nichts von Kesslers Plänen.

Wer kommt jetzt? Marc Lüthi als Hoffnungsträger

Als Nachfolger soll Marc Lüthi ins Rennen gehen – ein Name, der für Kontinuität und Erfolg steht. Lüthi beendete erst im April seine lange und erfolgreiche Amtszeit als Präsident des SC Bern, eines der traditionsreichsten Vereine der Schweizer Eishockey-Liga. Doch ob er die tiefen Risse im Verband kitten kann, bleibt fraglich. Die National League, die sich 2022 abspaltete, bleibt ein zentraler Konfliktpunkt. Kessler hatte versucht, die Risse zwischen Liga und Verband zu überwinden, doch seine Versuche scheiterten an der Bürokratie und den internen Machtkämpfen.

Wer kommt jetzt? Marc Lüthi als Hoffnungsträger
cluster (priority): SRF
Wer kommt jetzt? Marc Lüthi als Hoffnungsträger
cluster (priority): Blick

Besonders brisant: Die National League hatte bereits unter Kesslers Vorgänger Stefan Schärer geschlossen hinter dem Ex-Ambri-Sportchef Paolo Duca gestanden – doch der damalige CEO Martin Baumann unterstützte stattdessen den unerfahrenen Patrick von Gunten. Eine weitere verpasste Chance, die Fronten zu beruhigen. Jetzt steht Lüthi vor der Aufgabe, ein System zu reformieren, das seit Jahren an seinen eigenen Strukturen scheitert.

„Die Risse zwischen Liga und Verband sind tiefer als jemals zuvor“, schreibt der Blick. Lüthi wird es schwerfallen, diese Gräben zu überbrücken – doch ohne einen Neuanfang ist der Verband nicht überlebensfähig. Die Frage ist nicht mehr, ob ein Wechsel nötig ist, sondern ob dieser Wechsel diesmal gelingt.

Was kommt als Nächstes? Drei offene Fragen

  • Kann Lüthi die Strukturreformen durchsetzen? Kesslers Scheitern zeigt: Ohne klare Machtbefugnisse und Loyalität im Verband ist jede Reform zum Scheitern verurteilt. Lüthi muss schnell handeln, um Vertrauen zurückzugewinnen – doch die Bürokratie in Glattbrugg ist mächtig.
  • Wird die National League wieder an einen Tisch mit dem Verband kommen? Die Abspaltung 2022 hat tiefe Spuren hinterlassen. Ohne eine Versöhnung droht der Schweizer Eishockey-Szene eine weitere Zersplitterung – mit unabsehbaren Folgen für die WM-Bewerbungen und die Liga-Strukturen.
  • Was bedeutet der Rücktritt für die WM-Nachbereitung? Die Niederlage gegen Finnland hat die Nation erschüttert. Doch ohne stabile Führung droht der Verband auch bei der Aufarbeitung der WM zu scheitern – und damit eine weitere Chance auf einen Neuanfang zu verspielen.

Eines ist klar: Der SIHF steht vor einem historischen Wendepunkt. Die Frage ist nicht mehr, ob ein Umbruch nötig ist, sondern ob er diesmal gelingt. Die Uhr tickt – und die nächste WM ist schon in Sicht.

Kesslers Rücktritt ist kein Einzelfall, sondern Symptom einer tiefen Krise. Die Schweizer Eishockey-Elite muss jetzt handeln – bevor es zu spät ist.

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Jonas Becker

Über den Autor

Jonas Becker verantwortet das Nachrichtenressort von Germanic Nachrichten. Sein Fokus liegt auf schneller, praeziser und sauber verifizierter Berichterstattung zu Politik, Gesellschaft und aktuellen Entwicklungen in Deutschland.

Alle Beiträge erscheinen nach redaktioneller Prüfung gemäß unseren Redaktionsrichtlinien.

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