Das Experiment in Québec: Speedwatching im Kinosaal
Die traditionelle Art, einen Film zu konsumieren, gerät unter Druck. In einem Versuch, die Aufmerksamkeit jüngerer Generationen zurückzugewinnen, hat das Filmfestival Rendez-vous Québec Cinéma einen radikalen Schritt gewagt. Wie watson.ch berichtet, wurde ein Kinostreifen in der 1,5-fachen Geschwindigkeit abgespielt. Damit wird ein Verhalten in den Kinosaal übertragen, das auf Social-Media-Plattformen wie TikTok, Instagram oder YouTube längst Standard ist.
Die Zielgruppen sind klar definiert: Die Gen Z, geboren zwischen 1995 und 2012, sowie die Gen Alpha, die nach 2010 auf die Welt kam. Für diese Gruppen ist die reale Geschwindigkeit eines Films oft zu langsam. Das Problem ist neurologisch: Das schnelle Scrollen und die raschen Schnitte in Online-Videos lösen im Gehirn Dopamin aus. Wer an dieses Tempo gewöhnt ist, empfindet klassisches Kino möglicherweise als zu träge, was die Hemmschwelle für einen Kinobesuch erhöht.
Dieser Trend zum Speedwatching beschränkt sich nicht mehr nur auf kurze Clips. Auch große Streaming-Plattformen wie Netflix haben Funktionen integriert, die es Nutzern ermöglichen, Inhalte beschleunigt zu konsumieren. Die Frage ist nun, ob das Kino als letzte Bastion der entschleunigten Erzählkunst kapitulieren muss, um relevant zu bleiben.
Einbruch der Zuschauerzahlen und die Dopamin-Falle
Die Notwendigkeit solcher Experimente ergibt sich aus einer prekären Datenlage. Die Kinobranche kämpft seit Jahren mit sinkenden Eintrittszahlen, wobei die Konkurrenz durch Heimkinos und Streaming-Dienste wie Disney Plus massiv zugenommen hat.
Die Zahlen verdeutlichen die Krise:
Es gibt zwar Lichtblicke. Der Kinoverband Procinema stellt fest, dass bestimmte Blockbuster wie The Devil Wears Prada 2, das Biopic Michael oder The Odyssey mit Matt Damon für volle Säle sorgen können. Tatsächlich verzeichneten The Devil Wears Prada 2 und Michael das beste Kinowochenende seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie im Jahr 2020. In größeren Schweizer Städten liegen die aktuellen Eintrittszahlen sogar knapp 30 Prozent über dem Vorjahr. Doch diese Spitzenwerte ändern nichts an der langfristig trüben Prognose für das traditionelle Kinoerlebnis.
Die Schweizer Antwort: Blue und Pathé setzen auf Tradition

Während man in Kanada experimentiert, zeigt sich die Branche in der Schweiz skeptisch. Die Frage, ob eine ähnliche Beschleunigung auch in hiesigen Kinos Einzug halten könnte, wurde von den großen Marktteilnehmern vorerst verneint, wie bote.ch thematisiert.
Michael Fenner, Sprecher der Swisscom-Tochter Blue, gab an, dass man Trends und Entwicklungen zwar laufend beobachte, Speedwatching für das Unternehmen aktuell jedoch kein Thema sei.
Noch deutlicher positioniert sich der Konkurrent Pathé. Ein Sprecher des Unternehmens, Herzog, verwies auf die künstlerische Intention der Filmemacher. Die Position von Pathé ist klar: Filme werden so gezeigt, wie die Kreativen ihre Werke ursprünglich erstellt haben. Damit steht die künstlerische Integrität über dem Versuch, sich dem Dopamin-gesteuerten Konsumverhalten der Gen Z anzupassen.
Die Erosion der Aufmerksamkeit als Marktrisiko
Das kanadische Experiment ist mehr als nur eine Kuriosität; es ist ein Symptom für eine tiefgreifende Veränderung der menschlichen Aufmerksamkeitsspanne. Wenn die Industrie beginnt, das Tempo von Kunstwerken an die Algorithmen von TikTok anzupassen, verschiebt sich die Definition dessen, was ein Film ist. Kino war historisch gesehen ein Ort der Immersion, an dem das Publikum die Zeit vergaß. Speedwatching hingegen macht den Film zu einer effizienten Informationseinheit, die so schnell wie möglich abgehakt werden muss.
Für die Studios ergibt sich daraus ein Dilemma. Einerseits müssen sie die Gen Z und Gen Alpha erreichen, da diese die zukünftigen zahlenden Kunden sind. Andererseits riskieren sie, den Kern des Mediums zu zerstören, wenn sie die Erzählgeschwindigkeit manipulieren. Ein Film, der auf Rhythmus, Pausen und Stille setzt, verliert bei einer 1,5-fachen Geschwindigkeit seine emotionale Wirkung.
Die kommenden Monate werden zeigen, ob das Modell aus Québec eine Nische bleibt oder ob der wirtschaftliche Druck die Kinobetreiber dazu zwingt, die künstlerische Vision der Regisseure dem Verlangen nach schnelleren Reizen zu opfern. Sollte sich Speedwatching etablieren, stünde die Branche vor einer Zerreißprobe zwischen kulturellem Erhalt und kommerziellem Überleben.