Europäische Hauptstädte bereiten sich auf einen potenziellen hybriden Grossangriff vor, der Todesopfer fordern könnte. Angesichts zunehmender Sabotageakte, Drohnenüberflüge und Cyberspionage in NATO-Mitgliedstaaten debattieren Diplomaten über Abwehrmassnahmen, während Geheimdienste und Experten vor einer strategischen Eskalation aus Moskau warnen.
Die wachsende Angst vor dem hybriden Ernstfall in Europa
In vertraulichen Runden und auf diplomatischer Ebene schrillen in europäischen Hauptstädten die Alarmglocken. Wie Politico, beraten Vertreter aller 27 Mitgliedstaaten in einem streng abgeschirmten Format über ein Szenario, das lange Zeit als Albtraum galt: einen grossangelegten hybriden Angriff, der das Leben mehrerer Bürger fordert.
Die Besorgnis ist nicht abstrakt. In den vergangenen Wochen und Monaten registrierten Geheimdienste und Regierungen eine drastische Zunahme von Sabotageakten und Störungen, die unterhalb der Kriegsschwelle liegen, aber physische Zerstörung und wirtschaftlichen Schaden verursachen.
Ein Vorfall im August brachte das veränderte Risikobewusstsein auf den Punkt: Auf dem Flughafen Leipzig-Halle wurde eine mit Sprengstoff beladene Drohne entdeckt, die nach Einschätzung von Experten bei erfolgreicher Detonation katastrophale Folgen hätte haben können. Ein Flughafenmitarbeiter fand das Flugobjekt zufällig.

Leider hat uns Leipzig gezeigt, dass ein sehr ernsthafter Vorfall, etwas, das mehrere Todesopfer fordert, nicht völlig ausgeschlossen ist.
Thomas Ahrenkiel, der Leiter des dänischen Verteidigungsgeheimdienstes, warnte vor einem geringen, aber wachsenden Risiko, dass Russland militärische Kräfte innerhalb benachbarter NATO-Länder einsetzt, um die Allianz zu spalten. Laut Analysen von Chatham House und Berichten britischer Medien versuchen Moskau und der Kreml gezielt, Länder abseits der unmittelbaren Grenze als weichere Ziele ins Visier zu nehmen, da diese oft am wenigsten auf solche Bedrohungen vorbereitet sind.
Sabotage, Drohnen und Schattengriffe an der NATO-Ostflanke
Die Liste der Vorfälle, die von Geheimdiensten und Regierungen mit Moskau in Verbindung gebracht werden, ist lang und vielschichtig. In Polen berichtete der polnische Vize-Verteidigungsminister Cezary Tomczyk von täglichen Belastungsproben durch Drohnenflüge, Raketen und Sabotageversuche.
Ermittler untersuchten zudem einen verheerenden Brand im Jahr 2024, der das Einkaufszentrum Marywilska 44 in Warschau komplett zerstörte – eine Anlage mit einer Fläche von 15 Hektar und mehr als 1.400 Händlern. Forscher bringen russische Akteure mit mehr als 150 dokumentierten Brandstiftungs- und Sabotageakten in ganz Europa seit 2024 in Verbindung.
Auch in Deutschland warnt der Bundesnachrichtendienst vor einer Verschärfung der Lage. Beobachter und Diplomaten an der NATO-Ostflanke verweisen darauf, dass russische Operationen nach dem Prinzip ablaufen, wie viele verdeckte Aktionen durchgeführt werden können, ohne erwischt zu werden. Zudem kam es im Rahmen von Eskalationsschritten zu Vorfällen wie dem Abfeuern von Leuchtkugeln durch eine russische Fregatte auf einen dänischen Hubschrauber sowie zu Sabotageakten an Fabriken und Drohnenincursions.

Strategische Ziele hinter der Grauzonen-Kriegsführung
Hinter der Welle verdeckter Operationen steht nach Einschätzung von Experten ein kalkuliertes Ziel: Die Bevölkerung in westlichen Demokratien soll das Vertrauen in die Schutzfähigkeit ihrer Regierungen verlieren. Claudia Major, eine Verteidigungsexpertin beim German Marshall Fund, betonte, dass Wladimir Putin nicht nur die Kosten für die Ukraine-Hilfe sichtbarer machen will, sondern gezielt das Vertrauen der Bürger in den demokratischen Staat untergräbt.
Elizabeth Braw, Senior Fellow beim Atlantic Council, beschreibt diese Aktivitäten treffend als einen Krieg der Subversion. Russland nehme solche potenziell tödlichen Konsequenzen billigend in Kauf und zeige sich unbeeindruckt davon, ob westliche Geheimdienste die Spuren aufdecken. Laut Hannah Note, Autorin eines Buches über Moskaus Strategie, ist das Schüren von Furcht seit langem ein integraler Bestandteil der russischen Doktrin, die bereits in Analysen des Hardliners Sergei Karaganov gefordert wurde.
Zusätzlich nutzen bestimmte politische Parteien und Akteure in Europa die Situation aus. Laut Medienberichten und Analysen werden Parteien wie die Alternative für Deutschland (AfD) sowie das Rassemblement National von Marine Le Pen in Frankreich wiederholt von Medien wegen der Verbreitung von Kreml-Propaganda kritisiert, während die Debatte über hybride Bedrohungen in der westlichen Öffentlichkeit anhält.

Europas Suche nach einer koordinierten Antwort
Während traditionelle Abschreckungswirkung einen offenen, konventionellen Einmarsch in ein NATO-Land bislang verhindert hat, fehlt es den europäischen Staaten an einem reibungslosen Mechanismus zur Abwehr asynchroner Angriffe. David Cutler vom Center for European Policy Analysis mahnt, dass Regierungen im Vorfeld finanzielle Mittel und rechtliche Befugnisse verankern müssten, um nicht nach jedem Vorfall in monatelange politische Debatten zu verfallen.
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen brachte in ihrer Arbeit zur Stärkung der europäischen Sicherheitsarchitektur neue Instrumente ins Gespräch. Diplomaten weisen jedoch darauf hin, dass Vorschläge zur Errichtung eines Europäischen Sicherheitsrates und neuer Protokolle auf Widerstand stossen, da einige Hauptstädte eine Überschneidung mit den Kernfunktionen der NATO befürchten.
Experten wie Oana Lungescu, ehemalige NATO-Sprecherin und gegenwärtig Fellow bei RUSI, betonen, dass EU-interne Diskussionen zu Verwirrung bei Entscheidungsträgern führen können. Diplomaten aus Staaten der NATO-Ostflanke äusserten zudem Bedenken hinsichtlich der Weitergabe sensibler Geheimdienstinformationen innerhalb der EU-Gremien COREPER, da befürchtet wird, dass Details unmittelbar an die Öffentlichkeit oder nach Moskau gelangen.