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Welt

Eisenkot wirft Netanyahu vor, Fundament der Demokratie zu beschädigen

Nach der Parlamentswahl in Israel im Oktober 2026 mit einer Rekordwahlbeteiligung von 77,7 Prozent stehen sich das Lager von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und die Opposition in einem Patt gegenüber, während manipulierte Betrugsvorwürfe heftige politische Debatten auslösen.

Die israelische Parlamentswahl hat nach Auszählung aller Stimmen ein unentschiedenes Ergebnis gebracht, das die politische Landschaft des Landes tief gespalten zurücklässt. Während der Block von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu nach Angaben des Zentralen Wahlausschusses auf 53 Sitze kommt, erreicht das Oppositionsbündnis unter Führung von Gadi Eisenkot 48 Mandate. Beide politischen Lager verfehlen damit klar die für eine Regierungsbildung notwendige Mehrheit von 61 der insgesamt 120 Sitze in der Knesset.

Besonders auffällig ist die historische Beteiligung an den Urnen. Die Wahlbeteiligung kletterte auf 77,7 Prozent – den höchsten Wert seit mehr als 25 Jahren. Getragen wurde dieser Anstieg unter anderem von arabisch geprägten Kommunen im Land, wo die Wahlbeteiligung stellenweise nahe an 90 Prozent herankam. In der Stadt Sachnin im Norden Israels beteiligten sich beispielsweise 86,8 Prozent der Wahlberechtigten an der Abstimmung.

Eisenkot wirft Netanyahu vor, Fundament der Demokratie zu beschädigen
Foto: Spiegel

Starker Stimmenzuwachs für arabische Listen und neue Konstellationen

Der hohe Andrang in den Stimmbezirken bescherte den Parteien, die die arabische Minderheit von rund 21 Prozent der Bevölkerung vertreten, einen beispiellosen Erfolg. Die islamische Raam-Partei sowie das linke Bündnis Gemeinsame Liste kommen zusammen auf 19 Sitze im Parlament – so viele Mandate wie seit 27 Jahren nicht mehr. Damit nehmen diese Parteien eine entscheidende Scharnierfunktion ein, die in den Diskussionen um eine mögliche Regierungsbildung sofort zu heftigen Kontroversen führte.

Während die linksliberalen Demokraten um Jair Golan und andere Oppositionskräfte offen für eine Zusammenarbeit oder Tolerierung durch arabische Listen werben, um einen Machtwechsel herbeizuführen, sperren sich andere Teile des politischen Spektrums strikt dagegen. Naftali Bennett vom Mitte-rechts-Bündnis Beyachad sowie Avigdor Lieberman von Israel Beitenu schlossen eine Koalition mit nicht-zionistischen Kräften vor der Wahl kategorisch aus. Dennoch appellierten Kulturschaffende und hunderte Demonstranten in Jerusalem, Tel Aviv und Haifa in offenen Briefen und Kundgebungen an die Opposition, diesen historischen Schritt zu wagen. Der Vorsitzende der Vereinten Liste, Jussef Dschabarin, erklärte am Tag nach der Wahl, man sei bereit, den Weg für den Sturz der Regierung zu ebnen, und nannte die jüdisch-arabische Partnerschaft den Weg zum Wandel.

Gadi Eisenkot Accuses Netanyahu of Undermining Israel’s Election Results | NewsX World

Unterdessen traf sich der Politiker Jair Golan eigenen Angaben zufolge sowohl mit dem bisherigen Oppositionsführer Jair Lapid als auch mit Gadi Eisenkot, um über Wege aus der Krise zu beraten, und betonte auf der Plattform X, dass die Rettung des Landes auf dem Spiel stehe.

Manipulationsvorwürfe und scharfe Angriffe auf das Wahlergebnis

Kaum waren die Stimmbezirke geschlossen, entbrannte ein erbitterter Streit um die Integrität der Abstimmung. Netanjahus rechtskonservative Likud-Partei warf den arabischen Parteien vor, die Wahl gestohlen zu haben. Die Vorwürfe lösten umgehend offizielle Untersuchungen aus. Die Wahlleitung sowie der Inlandsgeheimdienst Schin Bet schalteten sich ein und bestätigten zwar laufende Prüfungen von Betrugsbehauptungen, betonten jedoch rasch, dass es keine Grundlage für die Annahme gebe, die Integrität des Urnengangs sei systematisch beeinträchtigt worden; es gehe keineswegs darum, eine gesamte Gemeinschaft pauschal zu beschuldigen, die auf legalem und demokratischem Weg abgestimmt hat.

Eisenkot wirft Netanyahu vor, Fundament der Demokratie zu beschädigen
Foto: WELT

Oppositionsführer Gadi Eisenkot reagierte scharf auf die Kampagne des Regierungslagers und warf dem amtierenden Premierminister vor, gezielt das Fundament der Demokratie zu beschädigen.

Es ist bereits klar, dass Likud und Netanjahu eine koordinierte, organisierte Kampagne gestartet haben, die darauf abzielt, die Ergebnisse der Wahl zu delegitimieren.

Gadi Eisenkot, Oppositionsführer

Politikexperten wie der an der Reichman-Universität leistende Professor Eytan Gilboa äußerten zudem die Einschätzung, Netanjahus Vorgehen ziele darauf ab, jegliche Form der arabisch-jüdischen Kooperation zu delegitimieren und eine von außen tolerierte Minderheitsregierung seines Rivalen zu verhindern.

Eisenkot wirft Netanyahu vor, Fundament der Demokratie zu beschädigen
Foto: n-tv.de

Auswege aus der politischen Blockade und internationale Reaktionen

Vor dem Hintergrund des ungelösten Patts und der anhaltenden Kämpfe im Nahen Osten beraten die politischen Akteure über mögliche Szenarien. Netanjahu hat nach Medienberichten bereits Gespräche mit den Vertretern der Partei Religiöser Zionismus, Bezalel Smotrich, sowie mit Itamar Ben-Gvir von der Partei Ozma Jehudit geführt und strebt zugleich den Kontakt zu den ultraorthodoxen Parteien an. Mehrere Medienberichte verweisen zudem auf Konstellationen, in denen eine stabile Regierung ohne die extremen Kräfte gesucht wird.

Sollten alle Koalitionsgespräche scheitern, drohen dem Land im kommenden Frühjahr Neuwahlen. Ungeachtet der offenen Regierungsfrage wird das israelische Parlament in den kommenden Wochen plangemäß zu seiner konstituierenden Sitzung zusammentreten, während das vorläufige amtliche Endergebnis für den kommenden Donnerstag erwartet wird.

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Anna Richter

Über den Autor

Anna Richter leitet das Weltressort von Germanic Nachrichten. Sie berichtet ueber internationale Politik, Diplomatie und geopolitische Entwicklungen mit Fokus auf Kontext, Verlaesslichkeit und Relevanz fuer deutschsprachige Leser.

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