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Technik und Wissenschaft

Doris Leuthard räumt Fehleinschätzung bei Strombedarf ein

Die frühere Schweizer Energieministerin Doris Leuthard hat in einem Live-Talk überraschend eingeräumt, den Strombedarf ab 2035 bei der damaligen Energiestrategie deutlich unterschätzt zu haben. Ihre Aussagen kurz vor der Volksabstimmung über das AKW-Neubauverbot sorgen bei Befürwortern und Umweltschutzverbänden für heftige Reaktionen.

Doris Leuthard räumt Prognose-Fehler bei der Schweizer Energiestrategie ein

Vor dem Hintergrund der anstehenden Abstimmung über die Zukunft der Kernenergie in der Schweiz am 28. Februar hat sich Alt-Bundesrätin Doris Leuthard in einer neuen Live-Talk-Reihe des früheren Moderatorengesichts Stephan Klapproth geäussert. Die Politikerin, die nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima im Jahr 2011 als Energieministerin den Ausstieg aus der Atomkraft vorantrieb, korrigiert heute ihre damaligen Annahmen.

Mit den Berechnungen des Strombedarfs ab 2035 sei man damals viel zu bescheiden gewesen, erklärte die frühere Bundespräsidentin. Als wesentlichen Grund für die Fehlprognose nannte sie den massiven Zuwachs von energieintensiven Rechenzentren, deren heutiger Strombedarf die damaligen Prognosen weit übersteigt. Regierungsarbeit bedeute eben auch, dazuzulernen, so Leuthard: Das war vielleicht falsch, aber in der damaligen Zeit richtig. Niemand ist perfekt. Der Atomausstieg von 2017 stand unter dem Eindruck des Super-GAUs in Fukushima, wobei Abklärungen mit Experten damals gezeigt hatten, dass Neubauten deutlich teurer würden und grössere Risiken mit sich brächten, wie sich die Aargauerin erinnert. Das Stimmvolk hat dem Entscheid damals zugestimmt, und diesen Schritt scheint die Landesregierung für sie nach wie vor zu rechtfertigen, da das Volk glücklicherweise ebenfalls zugestimmt hat und ihr diese Fehlprognose keine schlaflosen Nächte bereitet.

Doris Leuthard Strombedarf AKW-Verbot
Foto: nau.ch

Politische Reaktionen zwischen Enttäuschung und Genugtuung

Die Äußerungen der ehemaligen Ministerin kurz vor der Volksabstimmung über die Aufhebung des AKW-Neubauverbots aus dem Jahr 2017 haben Kontroversen ausgelöst. Grüne und Umweltverbände haben dagegen das Referendum eingereicht, da im Februar das Stimmvolk erneut über die Zukunft der Atomenergie in der Schweiz entscheidet, namentlich darüber, ob das AKW-Neubau-Verbot von 2017 aufgehoben werden soll.

Nationalrätin Katharina Prelicz-Huber von den Grünen zeigte sich enttäuscht über die Aussagen und kritisierte den Zeitpunkt kurz vor dem Urnengang als sehr unfair, fügte aber nach kurzer Überlegung an, dass sie die Aussagen womöglich falsch interpretiert haben könnte und Leuthard an ihrer Seite wissen möchte, da deren Verdienst in diesem Bereich gross sei. Ganz anders fällt das Echo im bürgerlichen Lager aus. SVP-Nationalrat Christian Imark fühlte sich bestätigt. FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen, der seit bald 20 Jahren in der Grossen Kammer sitzt, bezeichnete den damaligen Schritt als kopflose Überreaktion, während der Ausstieg aus der Kernenergie für ihn ein Ausstieg ins Nichts gewesen sei; er forderte, dass Alt-Bundesrätin Leuthard keine Tipps verteilen, sondern ihren Fehler endlich eingestehen solle. Der damalige SVP-Präsident Albert Rösti hatte bei der Einreichung der Referendums-Unterschriften gegen das Energiegesetz ebenfalls betont, dass es unter den heutigen AKW-Betreibern keinen einzigen gebe, der ein solches Kraftwerk bauen würde, und wenn selbst die Betreiber das sagten…

Neue AKW-Technologien und der Blick nach Kanada

Obwohl Leuthard ihre Fehleinschätzung eingestand, bleibt sie skeptisch gegenüber dem sofortigen Bau neuer Atomkraftwerke in der Schweiz.

Dabei verwies sie auf ein Pilotprojekt in Kanada, bei dem Nuklearabfall aufbereitet und wiederverwendet werden soll. Zwar befinde sich dieses Verfahren noch in der Versuchsphase und sei noch nicht spruchreif, merkte die ehemalige CVP-Bundesrätin an, doch wenn man den Atommüll statt zu verlochen wiederaufbereiten könnte, wäre das gescheit und genial.

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Clara Vogt

Über den Autor

Clara Vogt verantwortet das Ressort Technik und Wissenschaft. Sie schreibt ueber KI, Digitalisierung, Forschung und Innovation und uebersetzt komplexe Entwicklungen in klaren, belastbaren Journalismus.

Alle Beiträge erscheinen nach redaktioneller Prüfung gemäß unseren Redaktionsrichtlinien.