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Gesundheit

Chemieindustrie wusste seit 1974 von Mikroplastik im Körper

Historische Dokumente offenbaren, dass Vertreter der Chemieindustrie bereits im Jahr 1974 über das Risiko von Mikroplastik im menschlichen Körper informiert waren. Während Kunststoffpartikel heute in Organen und Blut nachgewiesen werden, debattieren Forscher und Industrie über Grenzwerte und die tatsächlichen gesundheitlichen Folgen der weltweiten Verschmutzung.

Die Entdeckung auf der Tagung in New York im Jahr 1974

Die Sorge um winzige Kunststoffteilchen ist keineswegs neu. Bereits am 17. Mai 1974 präsentierte der deutsche Gastroenterologe Gerhard Volkheimer auf einer wissenschaftlichen Tagung in einem New Yorker Hotel eine Untersuchung, die erstmals zeigte, dass verschluckte Partikel den Magen-Darm-Trakt überwinden können. Vor versammelten Fachleuten aus aller Welt demonstrierte der Forscher aus Berlin, dass winzige PVC-Teilchen durch die Darmwand von Tieren schlüpfen und über Blut- und Lymphbahnen in Gehirn, Leber sowie weitere innere Organe wandern.

Unter den 289 Teilnehmern der Konferenz befanden sich neben Regierungsvertretern, Akademikern und Gewerkschaftern auch Wissenschaftler von Großkonzernen wie Dow Chemical, Exxon Corp. und Monsanto. Der Begriff Mikroplastik war damals noch nicht geprägt worden. Dennoch lösten Volkheimers Beobachtungen bei Vertretern der Chemie- und Kunststoffbranche sofort große Besorgnis aus.

Interne Dokumente der Chemieindustrie und der Umgang mit den Risiken

Aus später entdeckten Firmenunterlagen geht hervor, wie intensiv die Industrie die Ergebnisse verfolgte.

Chemieindustrie wusste seit 1974 von Mikroplastik im Körper
Foto: Harvard Health

Craig Davis, ein Vertreter des Chemie-Handelsverbands, äußerte Zweifel an der Relevanz von Volkheimers Arbeiten und wies darauf hin, dass der deutsche Forscher seinen Tierversuchen täglich zwischen 100 und 200 Gramm PVC verfütterte. Für einen erwachsenen Menschen entspräche dies nach seiner Rechnung etwa 650 Gramm oder rund 1,5 Pfund. Dennoch zeigte eine vom Chlorine Institute in Auftrag gegebene Untersuchung mit dem Titel „Interpretive Evaluation of the Potential Human Health and Environmental Effects of Vinyl Chloride and Polyvinyl Chloride, dass das Beratungsunternehmen CanTox Volkheimers Forschungen nutzte, um aufzuzeigen, dass dieser gängige Kunststoff vom Körper aufgenommen werden und sich im Laufe der Zeit in lebenden Geweben ansammeln kann.

Jahrzehntelang nutzte die Industrie diese Gegenargumente intern. Noch in späteren Berichten des Chlorine Institute analysierten Gutachter die Befunde, um das Verhalten von PVC im Gewebe zu bewerten. Tracey Woodruff, Professorin für Epidemiologie und Populationsgesundheit an der Stanford University, verglich die Aktenlage mit anderen bekannten Umweltskandalen, bei denen die Verantwortlichen trotz interner Warnungen schwiegen.

Wissenschaftliche Debatte über das, was die Beweise zeigen, ist kein Schweigen. So entwickeln sich solide Wissenschaft und effektive Politik.

Craig Davis, Vertreter des Chemie-Handelsverbands

Nachweise im menschlichen Körper und chemisch aktive Partikel

Heute tauchen die winzigen Fragmente in fast allen Bereichen des menschlichen Körpers auf. Forscher haben Mikroplastik im Blut, im Urin, in der Plazenta, in der Muttermilch sowie in arteriellen Plaques im Halsbereich identifiziert. Nach Angaben von Dr. David Christiani, Professor für Umweltgenetik an der Harvard T.H. Chan School of Public Health, sind die Partikel allgegenwärtig in Nahrung, Wasser und Atemluft. Zu den weiteren betroffenen Geweben im menschlichen Körper zählen neben dem Gehirn, dem Herzen und der Leber auch der Magen, die Eierstöcke, die Hoden, die Lymphknoten sowie das Mekonium als erster Stuhl eines Neugeborenen, außerdem Samenflüssigkeit.

Zusätzlich zu den physischen Partikeln zeigen aktuelle Analysen neue physikochemische Mechanismen auf. Teresa Head-Gordon, Wei Min und beteiligte Forscher wiesen im Fachjournal Nature nach, dass herkömmliches Mikroplastik in Kontakt mit Wasser spontan reaktive Sauerstoffspezies erzeugt, was zu einer potenziellen Gewebetoxizität beitragen kann.

Chemieindustrie wusste seit 1974 von Mikroplastik im Körper
Foto: Los Angeles Times

Offene Fragen und die Forderung nach strengeren Methoden

Die genauen gesundheitlichen Langzeitfolgen bleiben komplex und umstritten. Wissenschaftler weisen auf methodische Herausforderungen hin, etwa die Möglichkeit einer umgekehrten Kausalität, bei der eine bestehende Erkrankung den Stoffwechsel so verändern könnte, dass der Körper anders mit den Partikeln umgeht. Zudem enthalten Kunststoffe Tausende verschiedener Chemikalien, von denen ein Großteil als potenziell gefährlich eingestuft wird.

Obwohl die US-Umweltschutzbehörde EPA und internationale Organisationen inzwischen Maßnahmen zur Erfassung von Partikeln im Trinkwasser vorantreiben, betonen Wirtschaftsverbände, dass weitere Studien erforderlich sind. Ross Eisenberg, Präsident von America’s Plastic Makers, kritisierte in einer Werbeanzeige, dass die öffentliche Debatte dem wissenschaftlichen Stand vorauslaufe.

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Dr. Lena Hartmann

Über den Autor

Dr. Lena Hartmann leitet das Gesundheitsressort von Germanic Nachrichten. Sie berichtet seit ueber zehn Jahren ueber Praevention, Medizinpolitik und digitale Gesundheit und legt besonderen Wert auf verstaendliche, quellenbasierte Einordnung.

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