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Welt

Chemieindustrie: Standortkrise gefährdet Versorgungssicherheit in Deutschland

Die deutsche Chemieindustrie steht unter massivem Druck: Während der Iran-Krieg kurzfristig für eine Sonderkonjunktur sorgt, gefährden strukturelle Wettbewerbsnachteile und Standortschließungen die Versorgungssicherheit. Experten warnen, dass insbesondere essenzielle Güter in den Bereichen Ernährung, Medizin und Verteidigung bei weiteren Abwanderungen der Branche nicht mehr ausreichend gesichert sein könnten.

Standortdebatte bei BASF und Evonik

Die deutsche Chemiebranche befindet sich in einer tiefen Krise. Der Chemieriese BASF plant derzeit die Übernahme des Spezialchemieanbieters Evonik. Parallel dazu setzt sich eine Welle von Stellenstreichungen fort: Evonik kündigte den Abbau tausender Arbeitsplätze an, was an die Entwicklung bei BASF in den vergangenen zwei Jahren anknüpft. Laut Anna Wolf, Expertin am Ifo-Institut, halten große Chemieunternehmen den Produktionsstandort Deutschland offensichtlich nicht mehr für wettbewerbsfähig.

Große Unternehmen der Chemie halten den Produktionsstandort offensichtlich nicht mehr für wettbewerbsfähig.

Anna Wolf, Ifo-Expertin

Der Iran-Krieg als zweischneidiges Schwert

Überraschend profitiert die deutsche Chemieindustrie derzeit vom Iran-Krieg. Da asiatische Lieferketten durch den Konflikt im Nahen Osten stärker unter Druck stehen, steigt die Nachfrage nach deutschen Chemieprodukten, was es den Unternehmen ermöglichte, ihre Preise entgegen dem Trend der vergangenen Jahre zu erhöhen. Doch diese Entlastung ist trügerisch.

Laut Wolf sind die Wettbewerbsnachteile der Branche nur kurzfristig maskiert. Die energieintensive Grundstoffchemie leidet unter hohen Energiepreisen und strenger Regulatorik. Zusätzlich drängen Basischemikalien aus China auf den europäischen Markt, während protektionistische Maßnahmen der USA Produkte nach Europa umlenken. Da die Qualität der standardisierten Produkte oft durch Vorgaben gesichert ist, bleibt den deutschen Unternehmen als einzige Stellschraube die Reduzierung der Personalkosten.

Gefahren für die Versorgungssicherheit

Die chemische Industrie ist ein Grundversorger der gesamten Wirtschaft. Ihre Erzeugnisse sind in Kunst- und Baustoffen sowie in Reinigungsmitteln enthalten und bilden den Anfang zahlreicher Lieferketten. Eine weitere Abwanderung deutscher Unternehmen – oft in Richtung China, wo BASF bereits Standorte ausbaut – bewertet Wolf als brandgefährlich.

  • Aufbau strategischer Reserven für Chemikalien in den Bereichen Ernährung, Verteidigung und pharmazeutische Erzeugnisse nach dem Vorbild kritischer Rohstoffe.
  • Bürokratieabbau und beschleunigter Ausbau der Energieinfrastruktur, insbesondere für Wasserstoff.
  • Stärkere Eigenproduktion in der EU, um die Abhängigkeit von globalen Lieferketten bei geopolitischen Spannungen zu verringern.

Der Wettbewerbsdruck erstreckt sich zudem auf Zukunftsfelder wie die Spezialchemie für Rechenzentren und den KI-Bereich, in denen Asien seine Kapazitäten massiv ausbaut. Ob und wie schnell die Branche ihre Wettbewerbsfähigkeit am Standort Deutschland stabilisieren kann, bleibt angesichts der angekündigten weiteren Stellenstreichungen und Standortschließungen ungewiss.

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Anna Richter

Über den Autor

Anna Richter leitet das Weltressort von Germanic Nachrichten. Sie berichtet ueber internationale Politik, Diplomatie und geopolitische Entwicklungen mit Fokus auf Kontext, Verlaesslichkeit und Relevanz fuer deutschsprachige Leser.

Alle Beiträge erscheinen nach redaktioneller Prüfung gemäß unseren Redaktionsrichtlinien.