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Gesundheit

Studie: Mikroplastik bildet in Kontakt mit Wasser reaktionsfreudige Radikale

Plastikfragmente erzeugen beim Kontakt mit Wasser spontan hochreaktionsfreudige Radikale, wie eine im Oktober 2026 veröffentlichte Studie im Fachjournal Nature zeigt. Die an der Oberfläche ablaufenden chemischen Prozesse könnten erklären, warum Mikroplastik mit Gesundheitsrisiken wie Entzündungen und Zellschäden in Verbindung gebracht wird.

Jahrzehntelang galt Kunststoff in der breiten Anwendung als chemisch inert und stabil. Genau diese Eigenschaft begründete seinen Siegeszug in Lebensmittelverpackungen, Trinkflaschen und medizinischen Produkten. Eine gemeinsame Untersuchung von Forschern der Columbia University und der University of California, Berkeley, bricht nun mit dieser Grundannahme. Die am 14. Oktober 2026 in der Fachzeitschrift Nature veröffentlichte Arbeit weist nach, dass winzige Kunststoffpartikel in wässriger Umgebung unerwartet aktiv werden.

Oberflächenaktivität an Mikroplastik- und Nanoplastikpartikeln

Wenn größere Plastikteile durch Verwitterung und mechanischen Abrieb in Mikro- und Nanoplastik zerfallen, vervielfacht sich ihre spezifische Oberfläche rasant. Ein Kreditkarte aus Plastik setzt bei einer Zerkleinerung auf Partikel von rund zehn Mikrometern Durchmesser beispielsweise eine mehr als 200-fache Oberfläche frei, wie Wei Min, Chemiker an der Columbia University, erläutert. Ein noch feineres Mahlen auf einen Mikrometer steigert die Gesamtoberfläche sogar um das mehr als 2.000-Fache.

Diese immens vergrößerte Kontaktfläche verändert die physikochemischen Bedingungen grundlegend. Laboruntersuchungen der Forschungsgruppe zeigten, dass sechs gängige Kunststoffe — darunter Polypropylen, Polyethylen, Polystyrol, PVC, PET und Acryl — in Kontakt mit Wasser spontan hydroxylfreie Radikale bilden. Diese stark reaktiven Sauerstoffspezies entstehen gänzlich ohne äußere Auslöser wie UV-Licht oder chemische Zusätze.

Studie: Mikroplastik bildet in Kontakt mit Wasser reaktionsfreudige Radikale
Foto: Yahoo Health

Hydrophobe Eigenschaften und molekulare Reaktionen im Wasser

Die Stärke der Radikalbildung hängt stark von der Wasserabweisung des jeweiligen Materials ab. Kunststoffe wie Polyethylen und Polypropylen, die aus reinen Kohlenstoff-Wasserstoff-Ketten bestehen und besonders hydrophob sind, zeigten die intensivste chemische Aktivität. Acryl hingegen weist eine geringere Wasserabweisung auf und erzeugte im Test die wenigsten Radikale.

Um die theoretischen Abläufe zu ergründen, nutzte das Team um Teresa Head-Gordon an der UC Berkeley Computersimulationen und dynamische Modelle. Die Berechnungen verdeutlichen, wie Wassermoleküle an hydrophoben Plastikoberflächen ihre üblichen Wasserstoffbrückenbindungen nicht mehr frei ausbilden können. Hydroxid-Ionen, die sich in unmittelbarer Nähe dieser Grenzflächen befinden, verlieren dadurch leichter ein Elektron und wandeln sich in aggressive Hydroxylradikale um.

Teresa Head-Gordon sagte: „Man kann sich das wie eine spezielle chemische Umgebung vorstellen, die entsteht, wenn zwei ansonsten vertraute Materialien miteinander in Kontakt kommen.

Studie: Mikroplastik bildet in Kontakt mit Wasser reaktionsfreudige Radikale
Foto: Bioengineer.org

Mögliche Auswirkungen auf menschliche Zellen und Gewebe

Die biologischen Konsequenzen dieser Reaktionen untersuchten die Wissenschaftler an Proteinen und roten Blutzellen. In Labortests beschädigten die durch Plastikoberflächen erzeugten Radikale Proteine und führten bei roten Blutkörperchen dazu, dass diese aufbrachen. Da menschliches Blut zu rund 50 Prozent aus Wasser besteht und menschliche Zellen zu 60 bis 80 Prozent, sehen die Forscher in diesen wasserreichen Umgebungen einen potenziellen Nährboden für oxidativen Stress.

Frühere Studien brachten Mikro- und Nanoplastik bereits mit gesundheitlichen Beschwerden wie Herzinfarkten, Schlaganfällen, entzündlichen Darmerkrankungen und Demenz in Verbindung. Martin Wagner, Biologe und Toxikologe an der norwegischen Universität für Wissenschaft und Technologie, der nicht an der aktuellen Untersuchung beteiligt war, bezeichnet die Ergebnisse als einen neuen Weg zum Verständnis der Plastikverschmutzung. Die Arbeit liefere Belege dafür, dass Mikroplastik selbst oxidativer Stressfaktor ist, dessen Wirkung nicht erst sekundär entsteht.

Studie: Mikroplastik bildet in Kontakt mit Wasser reaktionsfreudige Radikale
Foto: DongA Science

Nächste Schritte und offene Fragen in der Toxikologie

Trotz der neuen Einblicke betonen die Studienautoren, dass noch unklar ist, wie sich die Reaktionen in lebenden menschlichen Körpern bei realistischen Dosen auswirken. Die Laborversuche belegen zwar die Bildung schädlicher Radikale an Partikeloberflächen, doch direkte Kausalitätsnachweise für Erkrankungen beim Menschen stehen weiterhin aus. Im April kündigte das US-Gesundheitsministerium ein Programm im Umfang von 144 Millionen US-Dollar an, um Messmethoden und Instrumente zur Erforschung und Entfernung von Mikro- und Nanoplastik im Körper zu entwickeln.

Als unmittelbare Vorsichtsmaßnahme empfiehlt Studienmitautorin Dr. Patel den Verzicht auf das Erhitzen von Lebensmitteln in Plastikbehältern, da Hitze die Freisetzung von Partikeln stark erhöht. Auch der Griff zu Glas- oder Edelstahlgefäßen reduziert die alltägliche Exposition gegenüber den allgegenwärtigen Partikeln.

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Dr. Lena Hartmann

Über den Autor

Dr. Lena Hartmann leitet das Gesundheitsressort von Germanic Nachrichten. Sie berichtet seit ueber zehn Jahren ueber Praevention, Medizinpolitik und digitale Gesundheit und legt besonderen Wert auf verstaendliche, quellenbasierte Einordnung.

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