Die Charité Berlin hat Mitte Juni 2026 eine mit 2,3 Millionen Euro geförderte Multizentren-Studie gestartet, um das Hormon DHEA als Zusatztherapie bei therapieresistenten Depressionen zu prüfen. Das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) unterstützte Projekt untersucht an neun Zentren, ob der körpereigene Botenstoff die klinische Verfassung von Patienten verbessert, die auf Standard-Antidepressiva nicht ansprechen.
Die DHEA-Studie der Charité und der „Jungbrunnen“-Ansatz
In der klinischen Praxis gibt es eine Gruppe von Patienten, bei denen herkömmliche Medikamente trotz konsequenter Einnahme keine ausreichende Wirkung zeigen. Diese Form der behandlungsresistenten Depression stellt eine besondere Herausforderung dar, da die Betroffenen oft über Jahre hinweg verschiedene Wirkstoffklassen testen, ohne eine signifikante Besserung zu erfahren. Für diese Betroffenen sucht die Charité – Universitätsmedizin Berlin nach neuen Ansätzen. Im Fokus steht dabei das Hormon Dehydroepiandrosteron (DHEA).
DHEA wird in den Nebennieren produziert und dient als Vorstufe für Testosteron und Östrogen. Es handelt sich um ein Steroidhormon, das eine modulierende Wirkung auf das zentrale Nervensystem ausübt. Ab dem 25. bis 30. Lebensjahr sinkt der körpereigene Spiegel kontinuierlich, ein Prozess, der in der Medizin teilweise als Adrenopause bezeichnet wird. Aufgrund dieser biologischen Abnahme wird das Hormon in den USA oft als Nahrungsergänzungsmittel zur Stimmungssteigerung oder als Anti-Aging-Produkt vermarktet. In Deutschland ist es hingegen als Medikament eingestuft und unterliegt strengeren regulatorischen Auflagen.
„Es ist bekannt, dass Menschen mit Depression häufig niedrigere DHEA-Spiegel im Körper haben als gesunde Personen. Erste Studien legen zudem nahe, dass die Gabe von DHEA depressive Symptome verbessern könnte.
Prof. Christian Otte, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Campus Benjamin Franklin der Charité
Die aktuelle Studie folgt dem wissenschaftlichen Goldstandard: Es handelt sich um ein doppelblindes, randomisiertes Design. In diesem Verfahren wissen weder die behandelnden Ärzte noch die Patienten, wer das aktive Hormon und wer ein Placebo erhält, um subjektive Erwartungseffekte auszuschließen. Teilnehmende erhalten über sechs Wochen entweder DHEA oder ein Placebo zusätzlich zu ihrer bestehenden Therapie. Neben der antidepressiven Wirkung untersuchen die Forscher auch Effekte auf den Blutzucker, die Blutfette und den allgemeinen Stoffwechsel, um potenzielle Nebenwirkungen oder systemische Wechselwirkungen zu erfassen.
Entzündungsblocker aus der Rheumatologie als neue Option
Parallel zur Hormonforschung verschiebt sich der Fokus einiger Forscher weg von reinen Botenstoffen im Gehirn wie Serotonin oder Dopamin hin zum Immunsystem. Dieser Ansatz basiert auf der Hypothese, dass chronische Entzündungsprozesse im Körper die Blut-Hirn-Schranke beeinflussen und so depressive Zustände auslösen oder verstärken können. Die University of Bristol untersuchte in einer Pilotstudie den Wirkstoff Tocilizumab, der normalerweise zur Behandlung rheumatoider Arthritis eingesetzt wird.

Der Ansatz basiert auf der Beobachtung, dass etwa jeder dritte Mensch mit Depressionen erhöhte Entzündungswerte im Blut aufweist, insbesondere ein Protein namens Interleukin-6 (IL-6). IL-6 ist ein proinflammatorisches Zytokin, das bei Entzündungen ausgeschüttet wird. Tocilizumab blockiert den Rezeptor für dieses Protein und dämpft so die Entzündungsreaktionen im Körper. Es handelt sich hierbei um ein Beispiel für „Drug Repurposing“, bei dem bereits zugelassene Medikamente für neue Indikationen geprüft werden.

Die Ergebnisse, die in der Fachzeitschrift veröffentlicht wurden, zeigen versprechende Ansätze für eine neuartige Behandlungsstrategie:
- Remissionsrate: 54 Prozent der behandelten Patienten erreichten eine Remission, im Vergleich zu 31 Prozent in der Placebogruppe.
- Symptomlinderung: Teilnehmer berichteten von einer Reduktion von Angstgefühlen, Müdigkeit und Erschöpfung.
- Lebensqualität: Die allgemeine Lebensqualität der Patienten stieg während der vierwöchigen Beobachtungsphase an.
Aufgrund der geringen Teilnehmerzahl sind die statistischen Beweise noch nicht endgültig. Eine große Phase-III-Studie ist jedoch bereits geplant, um zu prüfen, ob diese Immuntherapie als Standardbehandlung für eine spezifische Untergruppe von Patienten etabliert werden kann, bei denen Entzündungsmarker nachweisbar sind.
Diabetes-Medikamente und die Rolle des Stoffwechsels
Auch Wirkstoffe aus der Stoffwechseltherapie zeigen Potenzial. Eine am 11. Juni veröffentlichte Studie im Lancet Psychiatry testete Liraglutid, einen GLP-1-Rezeptor-Agonisten aus der Diabetes-Behandlung, bei Patienten mit Major Depression. GLP-1-Rezeptoren kommen nicht nur im Darm und in der Bauchspeicheldrüse vor, sondern auch in verschiedenen Regionen des Gehirns, was die theoretische Grundlage für eine antidepressive Wirkung bildet.
Die Daten belegen eine Responserate von 30 Prozent in der Behandlungsgruppe, während die Placebogruppe lediglich eine Rate von 15 Prozent aufwies. Eine signifikante Verbesserung der Symptome wurde ab der vierten Woche beobachtet. Sollten die laufenden Phase-III-Studien erfolgreich verlaufen, wird eine Zulassungsprüfung durch die FDA (Food and Drug Administration) in den USA und die EMA (European Medicines Agency) in Europa ab 2029 erwartet.
Zusätzlich bleiben Ketamin-Infusionen ein wichtiges Instrument bei akuten Krisen. Im Gegensatz zu klassischen Antidepressiva, die oft Wochen bis Monate benötigen, wirkt Ketamin schnell auf das Glutamat-System im Gehirn. Metaanalysen bestätigen, dass der Wirkstoff nicht nur Kernsymptome mildert, sondern auch suizidale Tendenzen signifikant reduziert. Die Langzeitsicherheit bei wiederholter Gabe bleibt jedoch ein kritischer Punkt, für den Fachleute weitere Daten fordern, insbesondere im Hinblick auf kognitive Effekte und Abhängigkeitspotenziale.
KI-gestützte Wirkstoffsuche und Neuromodulation
Neben chemischen Ansätzen forcieren deutsche Universitäten technologische Innovationen. An der Universität Regensburg wird im Rahmen der COIL/STOP-D-Studie die repetitive transkranielle Magnetstimulation (rTMS) untersucht. rTMS ist ein nicht-invasives Verfahren, bei dem mittels magnetischer Impulse spezifische Areale der Großhirnrinde stimuliert werden. Mit Hilfe von Neuronavigation, die auf individuellen MRT-Daten basiert, soll die Zielgenauigkeit der Magnetwellen erhöht werden, wobei eine einwöchige Intensivbehandlung gegen die mehrwöchige Standardtherapie getestet wird. Die Teilnahme ist bis Ende 2026 möglich.

Gleichzeitig arbeitet die Universität Jena an der Beschleunigung der Medikamentenentwicklung. Mit einem ERC Advanced Grant in Höhe von drei Millionen Euro des Europäischen Forschungsrats wird das KI-Verfahren „BindingShadows“ entwickelt. Das System soll bioaktive Moleküle aus Massenspektren vorhersagen. Traditionelle Screening-Methoden erfordern oft das physische Testen tausender Substanzen; „BindingShadows“ zielt darauf ab, durch computergestützte Vorhersagen neue therapeutische Ansätze schneller zu identifizieren und die Zeit bis zum klinischen Test zu verkürzen.
Neue Verordnungsregeln für Long-COVID-Patienten
Die Notwendigkeit diversifizierter Therapieoptionen spiegelt sich auch in regulatorischen Anpassungen wider. Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA), das höchste Gremium der gemeinsamen Selbstverwaltung von Ärzten, Krankenkassen und Krankenhäusern in Deutschland, hat am 11. Juni die Verordnungsfähigkeit von zwei Wirkstoffen erweitert.
Agomelatin und Vortioxetin dürfen künftig auch für Patienten mit Long-COVID verschrieben werden, sofern diese unter Fatigue oder kognitiven Defiziten leiden. Diese Entscheidung schließt eine Versorgungslücke für Betroffene, die aufgrund chronischer Erschöpfung neurologische und psychische Beeinträchtigungen zeigen, für die es bislang keine spezifisch zugelassenen Therapien gab. Die Erweiterung ermöglicht es Ärzten, diese Medikamente im Rahmen der gesetzlichen Krankenversicherung zu verordnen.
Die Summe dieser Entwicklungen markiert einen Paradigmenwechsel in der Psychiatrie. Weg von der Einheitslösung über Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, hin zu einer personalisierten Medizin, die biologische Marker wie Entzündungswerte, Hormonspiegel und Stoffwechselparameter nutzt, um das passende Medikament für den individuellen Patienten zu finden.
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