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Bündner Tierarzt bekommt oft nur drei Stunden Schlaf

Tierärzte in der Schweiz stehen laut einem aktuellen Bericht des SRF unter massivem Druck und kämpfen mit einem extremen Fachkräftemangel. In Graubünden berichtet Tierarzt Fadri Vincenz von Arbeitstagen bis zu 12 Stunden und Nächten mit nur drei Stunden Schlaf, während die psychische Belastung im Berufsstand landesweit zunimmt.

Drei Stunden Schlaf: Der Alltag von Fadri Vincenz in Ilanz

Für viele ist der Beruf des Tierarztes ein Kindheitstraum, doch die Realität in der Praxis sieht oft aus wie ein Kampf gegen die Uhr. Fadri Vincenz, der gemeinsam mit seiner Partnerin eine Praxis in Ilanz im Kanton Graubünden führt, beschreibt einen Alltag, der kaum noch planbar ist. Wenn ein Notruf eingeht, muss er sofort ausrücken – ungeachtet der Uhrzeit.

Die Folge ist eine chronische Erschöpfung. Vincenz berichtet, dass er teilweise nur drei Stunden Schlaf bekommt, da er nie weiß, ob er die Nacht durchschlafen kann oder mitten in der Dunkelheit gerufen wird. Selbst an Tagen, die er als wenig arbeitsintensiv einstuft, spricht er von 12-Stunden-Tagen.

«So weiter machen wie jetzt können wir nicht» Fadri Vincenz, Tierarzt, via nau.ch

Obwohl Vincenz betont, dass es für ihn immer noch sein Traumberuf ist, wird deutlich, dass Tierliebe allein nicht mehr ausreicht, um die systemischen Mängel der Branche zu kompensieren.

Struktureller Mangel: Wenn 120 Absolventen nicht ausreichen

Das Problem in Graubünden ist kein Einzelfall, sondern Symptom einer nationalen Krise. Wie ein Bericht über den Fachkräftemangel in der Schweiz verdeutlicht, lassen sich freie Stellen kaum noch besetzen. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Pro Jahr schließen in der Schweiz lediglich rund 120 Studierende ihr Tierarztstudium ab.

Gleichzeitig trifft die Branche eine doppelte Belastung. Einerseits geht eine große Zahl von Tierärzten der Babyboomer-Generation in Pension, wodurch wertvolles Wissen und Kapazitäten verloren gehen. Andererseits verändert sich die Einstellung der jungen Generation. Viele Absolventen lehnen Vollzeitanstellungen ab, was die Besetzung von Praxen zusätzlich erschwert.

Olivier Glardon, Präsident der Gesellschaft Schweizer Tierärztinnen und Tierärzte, warnt eindringlich, dass die Situation definitiv nicht mehr tragbar sei. Um den Mangel langfristig zu beheben, sollen zusätzliche Studienplätze geschaffen werden, doch diese Maßnahmen greifen erst in Jahren.

Zwischen Erwartungsdruck und psychischem Verschleiß

Die physische Erschöpfung ist nur eine Seite der Medaille. In der Sendung Rundschau wird der Beruf zunehmend als Verschleißjob charakterisiert. Die psychische Belastung ist enorm, was sich in erschreckenden Statistiken widerspiegelt.

Studien belegen, dass Tierärzte im Vergleich zur Gesamtbevölkerung häufiger unter psychischem Druck stehen und ein erhöhtes Suizid-Risiko aufweisen. Die Ursachen sind vielfältig: Der tägliche Umgang mit kranken oder sterbenden Tieren ist emotional zehrend, doch oft ist es der menschliche Faktor, der den Ausschlag gibt.

Tierärztin Sarah Lopez beschreibt den Druck, immer mehr Tiere in immer kürzerer Zeit behandeln zu müssen. Viele Halter haben extrem hohe Erwartungen an die medizinische Versorgung ihrer Tiere, zeigen sich jedoch oft unwillig, die entsprechenden Kosten zu tragen. Dieser Konflikt zwischen medizinischem Anspruch und finanzieller Realität erhöht die psychische Last für das Personal massiv.

Die erfolglose Suche nach Nachwuchs in Europa

Die Verzweiflung der Praxisbetreiber zeigt sich in den extremen Maßnahmen, die sie zur Personalsuche ergreifen. Fadri Vincenz hat nicht nur lokal gesucht, sondern sämtliche deutschsprachigen Universitäten in Europa angeschrieben, die Tierärzte ausbilden.

Die erfolglose Suche nach Nachwuchs in Europa
cluster (priority): Medienportal – SRF

Das Ergebnis war ernüchternd: Es kam keine einzige positive Rückmeldung. Dass selbst eine europaweite Suche ohne Erfolg bleibt, unterstreicht die Tiefe der Krise. Es geht nicht mehr nur darum, dass die Arbeitsbedingungen in einer spezifischen Region schlecht sind, sondern dass das Berufsbild in seiner aktuellen Form für junge Fachkräfte kaum noch attraktiv ist.

Die Situation ist paradox: Während die Nachfrage nach tierärztlicher Versorgung steigt und die Halter anspruchsvoller werden, bricht das Angebot an verfügbaren Fachkräften weg. Ohne eine radikale Änderung der Arbeitsbedingungen und eine schnellere Steigerung der Absolventenzahlen droht die tierärztliche Versorgung in ländlichen Regionen wie Graubünden kollabieren.

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Jonas Becker

Über den Autor

Jonas Becker verantwortet das Nachrichtenressort von Germanic Nachrichten. Sein Fokus liegt auf schneller, praeziser und sauber verifizierter Berichterstattung zu Politik, Gesellschaft und aktuellen Entwicklungen in Deutschland.

Alle Beiträge erscheinen nach redaktioneller Prüfung gemäß unseren Redaktionsrichtlinien.

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