Brent-Rohöl hat mit über 114 Dollar pro Barrel den höchsten Stand seit mehr als fünf Monaten erreicht, obwohl die Ölexporte aus dem Nahen Osten seit September wieder gestiegen sind. Marktbeobachter führen diese paradoxe Entwicklung auf explodierende Transportkosten, geopolitische Risiken und veränderte Nachfragemuster chinesischer Raffinerien zurück.
Die Beratungsfirma Kpler schätzt, dass in der Woche bis zum 18. Oktober durchschnittlich mehr als 24 Millionen Barrel pro Tag aus dem Nahen Osten abgeleitet wurden (Ainvest). Acht Monate nach Beginn des Iran-Krieges zeigt sich an den internationalen Energiemärkten ein ungewohntes Bild. Trotz steigender Ausfuhren aus der Golfregion klettern die Futures für die globale Referenzsorte Brent weiter nach oben. Das liegt über dem Vorkriegsniveau von 23,3 Millionen Barrel.
Ähnliche Zählungen des Datenunternehmens Vortexa verorten die Ausfuhren in der Woche bis zum 23. Oktober bei über 17’000’000 Barrel pro Tag (b/d) (20min). Dennoch hat sich der Brent-Preis im gleichen Zeitraum deutlich verteuert. Der physische Markt entkoppelt sich damit von den reinen Fördermengen, weil die tatsächlichen Transportwege mit massiven Zusatzkosten belastet sind.
Frachtraten und Umgehungsrouten im Golf steigen
Mehr als ein Drittel der Warenversendungen im Golfmeer umgeht mittlerweile die Strasse von Hormus. Vor dem Krieg war es lediglich ein Sechstel. Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate nutzen verstärkt Pipelines zum Roten Meer und zum Golf von Oman, um ihre Frachten aus der unmittelbaren Gefahrenzone zu steuern (Vermoegenszentrum). Saudi-Arabien hat Teile seiner beschädigten Ost-West-Pipeline wieder in Betrieb genommen und transportiert einen grossen Teil seiner Ausfuhren unter amerikanischem Schutz durch die Strasse von Hormus (Vermoegenszentrum).
Diese Umleitungen erfordern komplexe Logistikketten. Flotten staatseigener Tanker müssen heimlich durch die Strasse von Hormus fahren, Ladung aufnehmen und diese im Golf von Oman auf andere Schiffe umladen, die teils tagelang auf die Weiterfahrt warten. Das bindet Frachtkapazitäten und treibt die Kosten weltweit in die Höhe. Frachtraten machten früher vier bis sieben Prozent der Lieferkosten für chinesische Abnehmer aus, während sie sich im Oktober auf 25 bis 30 Prozent beliefen (20min).
Laut Daten des maritimen Analyseunternehmens Windward sind die Prämien für Kriegsrisiken auf bis zu zehn Prozent des Schiffswertes angeschwollen; vor dem Konflikt lagen sie unter drei Prozent (Ainvest). Seefahrerteams erhalten teils erhebliche Prämien von 25.000 Dollar für Fahrten, die ein bis zwei Wochen dauern. Die Einnahmen der Tankerbetreiber haben sich im Jahresvergleich verzehnfacht (Ainvest).
Chinas Nachfrage treibt den Spotmarkt an
China prägt die Nachfrageseite entscheidend mit. Nachdem die Regierung im März den Export von Raffinerieprodukten untersagt hatte, griffen heimische Raffinerien auf Lagerbestände zurück und drosselten ihre Rohölimporte zwischen Februar und Juni um rund sechs Millionen Barrel pro Tag (20min).
Im Sommer sorgte eine Entspannung im Verhältnis zwischen dem Iran und den USA kurzzeitig für sinkende Preise. Chinesische Raffinerien drängten auf die Aufhebung des Exportverbots, da blockierte Golf-Ausfuhren und Angriffe auf russische Raffinerien ihnen andernorts Rekordmargen bescherten (20min). Ab Juli nahm China die Ausfuhren wieder auf.
Neil Crosby von der Beratungsfirma FGE NexantECA weist darauf hin, dass die chinesischen Importe in den drei Wochen bis zum 16. Oktober um mehr als 3’000’000 Barrel pro Tag über dem Juni-Niveau lagen (20min). Statt langfristig geplanter Terminlieferungen deckte sich China überwiegend auf dem Spotmarkt ein. Nach Angaben von Tom Reed von der Preibeobachtungsagentur Argus Media führte diese Nachfrage zu einem erhöhten Bedarf an Tankern, was die Frachtkosten zusätzlich anheizte (20min).
Sicherheitsrisiken schüren die Angst vor Störungen
Der Iran hat im Oktober mindestens 30 Schiffe angegriffen, was den höchsten monatlichen Wert seit Kriegsbeginn darstellt (20min). Der Hauptgrund für das hohe Preisniveau liegt jedoch in der permanenten Furcht vor neuen Störungen. Zugleich verzeichneten britische Seeverkehrs- und Überwachungsdaten in den ersten zwanzig Oktobertagen über zwanzig Angriffe auf Schiffe im Bereich der Strasse von Hormus (Ainvest).
Gleichzeitig sind die iranischen Exporte seit der Wiedereinführung der amerikanischen Seeblockade im Juli massiv eingebrochen. Schätzungen zufolge fielen die Auslieferungen auf rund 200’000 Barrel pro Tag und damit auf weniger als ein Zehntel der früheren Mengen (Vermoegenszentrum). Teheran verliert dadurch zwar an direkter Marktmacht, doch Experten warnen, dass der wachsende wirtschaftliche Druck die Wahrscheinlichkeit weiterer Sabotageakte gegen Tanker, Pipelines und Energieanlagen erhöht (Vermoegenszentrum).
Morgan Stanley analysierte, dass im Monat bis zum 22. Oktober an sieben von acht Tagen mit sprunghaften Kursbewegungen von mehr als 2,50 Dollar per Barrel entsprechende Nachrichten über Friedensgespräche oder eine Eskalation ursächlich waren (20min).
Das ist mehr als nur die Höhe der Schlagzeilen – das ist der Grund, warum die Preise für Futures weiter steigen. Die Preise werden anhand des Risikos einer nächsten Störung bewertet, nicht anhand der aktuellen Menge an Rohöl, die fliesst.
Natascha Kaneva, JPMorgan via Ainvest
Inflation und Notenbanken spüren die Energiepreise
Die anhaltend hohen Energiepreise belasten die globalen Notenbanken. Nachdem sinkende Energiekosten im Vorjahr den Inflationsdruck gedämpft hatten, sorgen sie im laufenden Jahr für Gegenwind (Vermoegenszentrum). In der Schweiz stieg die Teuerung im September auf 1 Prozent, angetrieben unter anderem durch höhere Preise für Heizöl, Benzin und Diesel (Vermoegenszentrum). In den USA lag die Inflation im August bei 3,4 Prozent, in der Eurozone bei 3,2 Prozent (Vermoegenszentrum).
Terminmärkte preisen deshalb eine Fortsetzung der straffen Geldpolitik ein. Für die Schweiz wird im kommenden Jahr ein erster Zinsschritt erwartet, während in den USA und der Eurozone Zinserhöhungen bereits für Dezember eingepreist werden (Vermoegenszentrum).
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