Die Butterfly Foundation verzeichnet einen stetigen Anstieg von Anrufen älterer Frauen an ihre Helpline, während eine aktuelle Befragung von 1005 Australiern zeigt, dass das Körpervertrauen mit dem Alter sinkt. Nur 9 Prozent der 61- bis 80-Jährigen fühlen sich sehr selbstbewusst in ihrem Körper, verglichen mit 20 Prozent der Generation Z und Y.
Der Druck, dem Altern zu trotzen, ist längst kein Randphänomen mehr, sondern ein milliardenschwerer Industriezweig. Zwischen Longevity-Supplements, Menopause-Produkten und einer obsessiven Anti-Aging-Kultur entsteht ein toxischer Mix, der insbesondere Frauen in der zweiten Lebenshälfte unter Stress setzt. Während die Medizin Fortschritte macht, bleibt das Schönheitsideal statisch, was viele Frauen in einen permanenten Krieg mit ihrem eigenen Körper führt.
Die Butterfly Foundation und das Paradoxon des Körpervertrauens
Für Frauen in den 60ern ist die aktuelle Situation eine kumulative Belastung. Dies ist die erste Generation, die eine lebenslange Exposition gegenüber Massenwerbung für Idealformen, kommerziellen Gewichtsverlust und sozialen Medien erlebt hat.
Die Butterfly Foundation, eine nationale Organisation zur Unterstützung bei Körperbildstörungen und Essstörungen, stellt fest, dass ältere Frauen zunehmend Hilfe suchen. Eine von der Organisation in Auftrag gegebene Studie zeichnet ein deutliches Bild der geschlechtsspezifischen und altersbedingten Diskrepanzen beim Körpergefühl:
| Altersgruppe / Geschlecht | Gefühl: „Sehr selbstbewusst“ | Gefühl: „Sehr unsicher“ |
|---|---|---|
| Gen Z (17–30) & Gen Y (31–45) | 20 Prozent | – |
| Baby Boomer (61–80) | 9 Prozent | – |
| Männer (allgemein) | Doppelt so wahrscheinlich wie Frauen | – |
| Frauen (allgemein) | – | Doppelt so wahrscheinlich wie Männer |
Professor Jayashri Kulkarni, Direktorin des HER Centre der Monash University und Expertin für psychische Gesundheit von Frauen, erklärt, dass diese Probleme lange Zeit unsichtbar blieben, weil ältere Frauen in der Forschung traditionell unterrepräsentiert waren.
„Permanent Personhood“: Das Einfrieren des Selbstbildes
Die moderne Anti-Aging-Bewegung geht über einfache Hautpflege hinaus. Dr. Sarah Lamb, eine Anthropologin an der Brandeis University, untersucht in ihrer ethnografischen Forschung das Konzept der „permanent personhood“. Dabei frieren Menschen ihr Selbstkonzept zeitlich ein – meist im Alter von 35 bis 40 Jahren – und erwarten, dass sie nie von diesem Ideal abweichen.
Dieser psychologische Zustand führt zu einer Frustration über das sogenannte „erfolgreiche Altern“. Die Definition von Erfolg wird hier zu einem binären System: Man altert entweder „gut“ oder man scheitert am Altern.
Die Realität in Städten wie Dallas verdeutlicht diesen Druck. Eine dort lebende Frau mit einem Doktortitel in Literatur beschreibt die Atmosphäre als fast unwiderstehlich:
„Du weißt nicht, wie es hier ist. Jeder lässt sich ein Facelift machen, wenn er es sich leisten kann, und jeder hat sich etwas machen lassen. Ich bin bis ins Mark Feministin, aber wenn ich das Geld hätte, würde ich im Handumdrehen ein Deep-Plane-Facelift machen lassen. Ich spare gerade für meinen Hals.“
Andrea, Bewohnerin von Dallas
Die historische Verschiebung: Vom Respekt zum Altersdiskriminierung
Die heutige Abneigung gegen das Altern ist historisch gesehen ein relativ neues Phänomen. In den 1600er und 1700er Jahren machten Menschen über 65 nur etwa 2 Prozent der Bevölkerung aus und wurden hoch verehrt. Laut dem Buch „Aging in America“ (2023) von der Soziologin Dr. Deborah Carr gaben sich modebewusste Menschen damals teilweise sogar älter aus, um soziales Ansehen zu gewinnen.
Mit der Industrialisierung und dem steigenden Bedarf an Effizienz änderte sich die soziale Stellung älterer Menschen massiv. Eine linguistische Studie zeigt, dass Altersstereotype über 200 Jahre hinweg linear negativer wurden. Etwa um 1880 kippte die Wahrnehmung: Das Alter wurde nicht mehr als positiv, sondern als negativ besetzt.
Parallel dazu entwickelte sich die Wissenschaft. Der russische Wissenschaftler Elie Metchnikoff prägte Anfang des 20. Jahrhunderts den Begriff Gerontologie. In einem Interview von 1904 formulierte er die Vision einer wissenschaftlich verlängerten Lebensspanne:
„Ich glaube, dass es in Zukunft möglich sein wird, das Leben über die Grenzen hinaus zu verlängern, die es heute erreicht. Der Mensch erreichte in biblischen Zeiten ein wesentlich höheres Alter als heute, und die Bemühungen der Wissenschaft sollten darauf ausgerichtet sein, einen ähnlichen Zustand in der heutigen Zeit herbeizuführen.“
Elie Metchnikoff, Wissenschaftler
Biologische Trigger und soziale Faktoren im Midlife
Die psychische Belastung in der Midlife-Phase ist oft eine Kombination aus hormonellen und sozialen Umbrüchen. Professor Kulkarni weist darauf hin, dass mit dem Rückgang der schützenden Wirkung weiblicher Sexualhormone in der Lebensmitte frühere Probleme mit Essstörungen oder anderen psychischen Erkrankungen wieder aufflammen können.
Zusätzlich verstärken gesellschaftliche Trends die Unsicherheit. Das Phänomen der sogenannten „Grey Divorce“ – die Zunahme von Trennungen und Scheidungen in der Lebensmitte und darüber hinaus – trägt laut Kulkarni dazu bei, dass Körperbildprobleme bei reiferen Frauen zunehmen.
Gleichzeitig entsteht ein neuer Druck durch die Sichtbarkeit von „Age-Defying“-Vorbildern. Zwar sei es positiv, mehr Models über 60 auf den Laufstegen oder Fitness-Influencer im Alter zu sehen, doch die ständige Vergleichbarkeit setze die Frauen unter zusätzlichen Stress. Kulkarni betont, dass Körperformen sich über die Jahre verändern und dies gefeiert werden sollte, anstatt es „chirurgisch zu verändern oder irgendwie zu verwerfen“.
Für viele Frauen ist dies eine Phase extremer Mehrfachbelastungen: Die Pflege älterer Verwandter, die Erziehung junger Erwachsener und die Aufrechterhaltung einer Karriere treffen auf den boomenden Markt für Langlebigkeit und Anti-Aging-Supplemente. Das Ergebnis ist, wie Clare Loewenthal es beschreibt, ein „problematischer Mix“ aus Wellness-Bewegungen und der biologischen Realität des Körpers.
Bitte konsultieren Sie bei psychischen Belastungen oder Fragen zu hormonellen Veränderungen in den Wechseljahren Ihren Arzt oder eine qualifizierte Gesundheitsfachkraft.
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