Russische Familien suchen nach dem ukrainischen Einmarsch in die Region Kursk im August 2024 nach Hunderten Vermissten. Viele Betroffene kritisieren die unzureichende staatliche Hilfe, das späte Evakuieren und die Berichterstattung der staatlichen Fernsehsender, während sie monatelang in Ungewissheit lebten.
Mehr als zwei Jahre nach dem ukrainischen Vorstoß in die russische Region Kursk ringen zahlreiche Angehörige noch immer um Gewissheit über das Schicksal ihrer vermissten Verwandten. Nach Angaben des lokalen Gouverneurs gelten in der Region weiterhin mehr als 300 Menschen als vermisst, wobei laut Berichten der BBC niemand die genaue Gesamtzahl kennt.
Verlorenes Vertrauen und Kritik an der Staatsführung
Die Vorwürfe gegen die russischen Behörden wiegen schwer. Lyubov, eine Bewohnerin aus der Region Darino, drückte gegenüber der BBC ihre Enttäuschung aus: I used to have complete faith in our country
, sagte sie, während sie heute eine tiefe Verbitterung gegenüber dem Staat spürt. Sie wirft den staatlichen Fernsehsendern vor, die Bevölkerung durch Berichte, wonach alles unter Kontrolle sei und die Situation in wenigen Tagen geregelt sein würde, in falscher Sicherheit gewogen zu haben.
Ukrainische Streitkräfte hatten im August 2024 innerhalb von sechs Tagen mehr als 777 Quadratkilometer (300 Quadratmeilen) russisches Territorium eingenommen, nachdem sie zwei Grenzkontrollpunkte durchbrochen, rund 40 Soldaten gefangen genommen und einen Konvoi bombardiert hatten. Rund 2.000 Menschen blieben Schätzungen der russischen Behörden zufolge in den besetzten Ortschaften zurück, während für die folgenden acht Monate Mobil- und Internetverbindungen weitgehend gekappt blieben.
Suche in Eigenregie und das Warten auf Antworten
Da offizielle Unterstützung weitgehend ausblieb, organisierten sich betroffene Familien selbst. Fast 200 Russen richteten einen Brief an den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, den russischen Präsidenten Wladimir Putin sowie an die Vereinten Nationen mit der Bitte um einen humanitären Korridor für Zivilisten – ein Vorhaben, das jedoch folgenlos blieb.

Freiwillige wie der Dorfratvorsitzende Juri Tkachew nahmen die Evakuierung von Leichen aus Straßen und Feldern auf sich. Kosten für Benzinkanister und Leichensäcke mussten die Freiwilligen und spendende Bürger selbst tragen; behördliche Hilfe blieb aus. Auch mehrere Treffen regionaler Offizielle mit Angehörigengruppen in der zweiten Hälfte des Jahres 2025 brachten laut Angaben der Familien kaum spürbare Erleichterung.
„It’s hard for people to know – or rather not to know – what has happened to their loved ones, whether they’re being held captive or have died, and where they died,“
Yuri Tkachev, head of one local village council
Identifizierung und verstreute Asche
Erst im Oktober des Folgejahres brachte ein Besuch im Leichenschauhaus in Kursk für Lyubov traurige Gewissheit. Sie erkannte das Gesicht ihrer Mutter und einen alten Arbeitsjulover. Zwar hatte sie bereits im Januar eine DNA-Probe abgegeben, diese war jedoch verloren gegangen, weshalb der Leichnam monatelang unidentifiziert geblieben war.
Da eine Beerdigung in ihrer Heimatdorf nach der fast vollständigen Zerstörung des Ortes und der vorherigen schweren Kämpfe derzeit unmöglich ist, wurde die Verstorbene kremiert. Ihre Asche befindet sich seither in Lyubovs Wohnung in Belgorod, rund 100 Meilen entfernt. Anfragen der BBC zu den Vorwürfen blieben vom Büro des Gouverneurs von Kursk, der russischen Menschenrechtsbeauftragten sowie dem Russischen Roten Kreuz unbeantwortet.
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