Mehr als zwei Jahre nach dem ukrainischen Vormarsch in der russischen Region Kursk suchen Hunderte Familien weiterhin nach ihren vermissten Angehörigen. Betroffene beklagen mangelnde staatliche Unterstützung und kritisieren, dass offizielle Stellen die Lage zu Beginn verharmlost hätten, während die Zahl der Vermissten nach Angaben des lokalen Gouverneurs bei über 300 liegt.
Die Region Kursk stand im August 2024 im Zentrum militärischer Auseinandersetzungen, als ukrainische Truppen nach Angaben von BBC News die Grenze durchbrachen. Innerhalb von sechs Tagen überrannten die Streitkräfte damals mehr als 777 Quadratkilometer russisches Territorium. Rund 2.000 Zivilisten verblieben nach Schätzungen russischer Behörden in den von der Ukraine eingenommenen Ortschaften.
Für Lyubov, deren Mutter in einem Dorf in der Nähe von Sudzha lebte, war der Kontakt kurz nach dem Einmarsch abgerissen. Gegenüber BBC News äußerte sie ihre Enttäuschung über die Informationspolitik: Staatliche Fernsehsender hätten den Eindruck vermittelt, alles sei unter Kontrolle und die Situation in wenigen Tagen vorüber. Sie wirft der offiziellen Berichterstattung vor, Menschen von einer rechtzeitigen Evakuierung abgehalten zu haben.
Monatelange Ungewissheit und private Suchinitiativen in Kursk
Da offizielle Stellen nach Angaben von Angehörigen nur wenig zur Aufklärung beitrugen, organisierten sich Betroffene in privaten Gruppen. Eine Anwohnerin erstellte demnach eine Liste mit Namen von Vermissten und Personen, die nach ihnen suchten, basierend auf Videos des ukrainischen Militärs und von Journalisten.
Schwere Kämpfe erschütterten im späten Herbst 2024 unter anderem das Dorf Darino, in dem Lyubov und ihre Mutter gewohnt hatten. Behördenangaben zufolge wurden rund 90 Prozent des Ortes zerstört. Nach Rückeroberung des Territoriums durch die russischen Streitkräfte liefen Evakuierungen und Bergungsarbeiten an. Freiwillige wie der Dorfratvorsitzende Yuri Tkachev beteiligten sich an der Suche nach zivilen Opfern in Straßen und Feldern.
„It’s hard for people to know – or rather not to know – what has happened to their loved ones, whether they’re being held captive or have died, and where they died,“
Yuri Tkachev, head of one local village council
Tkachev erklärte gegenüber BBC News, dass Ausgaben für Leichensäcke und Sprit für die Evakuierungsbusse von Freiwilligen selbst oder durch Spenden getragen worden seien, nicht jedoch von den Behörden.
Identifizierung und Kritik am staatlichen Krisenmanagement
Obwohl regionale Beamte in der zweiten Jahreshälfte 2025 mehrfach mit der Suchgruppe zusammentrafen, blieben konkrete Resultate für viele Familien aus. Lyubov fand die Gewissheit über das Schicksal ihrer Mutter erst im Oktober im Leichenschauhaus in Kursk. Obwohl sie bereits im Januar eine DNA-Probe abgegeben hatte, erfuhr sie dort, dass diese verloren gegangen war. Die Leiche ihrer Mutter war dadurch monatelang unidentifiziert geblieben.
Die Asche der Verstorbenen befindet sich mittlerweile in Belgorod, etwa 100 Meilen entfernt. Die Betroffene zeigt sich bitter darüber, dass die Regierung die Grenzübertritte nicht verhindern konnte und Einwohner nicht rechtzeitig evakuierte.
Auf Anfrage von BBC News zu den Vorwürfen reagierten weder der Gouverneur der Region Kursk noch die russische Menschenrechtsbeauftragte oder das Russische Rote Kreuz.
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