Zum ersten Mal in der 29-jährigen Geschichte der Wiener Staatsoper ziert ein Kunstwerk eines verstorbenen Künstlers den Eisernen Vorhang. Das 176 Quadratmeter große Werk von Herbert Brandl zeigt eine abstrakte Wasser-Himmel-Hybrid-Komposition und wurde am Mittwoch, den 9. September 2026, vor rund 1.000 geladenen Gästen enthüllt.
Die diesjährige Enthüllung des Eisernen Vorhangs in der Wiener Staatsoper brachte eine bedeutende Änderung in das traditionelle Ausstellungsformat, das seit 1998 vom Verein museum in progress organisiert wird. Erstmals stammt das Motiv von einem Maler, der nicht mehr am Leben ist. Herbert Brandl starb am 27. Juli 2025 in seinem Atelier, noch bevor er das Projekt persönlich verwirklichen konnte.
Herbert Brandls postumes Werk und die Entstehung des Pazifik-Motivs
Die ursprüngliche Einladung an den steirischen Künstler erfolgte kurz vor dessen unerwartetem Tod. Laut Thomas Angermair, einem Vertrauten und Sammler des Malers, hatte Brandl geäußert, als erster Künstler keine vergrößerte Reproduktion eines bestehenden Motivs nutzen zu wollen, sondern die riesige Fläche von 167 beziehungsweise 176 Quadratmetern selbst bemalen zu wollen wie die Tageszeitung berichtet.
Zu dieser direkten Umsetzung kam es durch Brandls Tod nicht mehr. Aus seinem Nachlass wählte eine international besetzte Jury, bestehend aus Daniel Birnbaum, Bice Curiger und Hans-Ulrich Obrist, ein großformatiges Werk aus Brandls bekannter „Pazifik-Serie von 2022/23 aus. Das Bild zeigt auf sattblauem Hintergrund weiße, luftige Gebilde und Einsprengsel, die Betrachter als Wolken oder Gischt deuten können. Bei der Konzeption der Vorlagen hatte sich der Künstler von Fotografien aus dem Weltall sowie von Wasseraufnahmen inspirieren lassen.
Schauen wir nach unten? Nach oben? In den Himmel? Oder ins Meer?
Bei der offiziellen Präsentation am Mittwochvormittag sprach Jurymitglied Daniel Birnbaum von einem Augenblick der Freude, der jedoch von Trauer begleitet werde, da Herbert Brandl nicht bei uns ist. Der Kunsthistoriker zog in seiner Ansprache Zitate von Friedrich Hölderlin heran, um die Raumtiefe des Gemäldes zu beschreiben.
Der historische Kontext und das Erbe von Rudolf Hermann Eisenmenger
Das Kunstprojekt von museum in progress verdeckt seit fast drei Jahrzehnten jährlich den ursprünglichen Eisernen Vorhang der Staatsoper. Dieser stammt aus dem Jahr 1959 von dem Maler und NSDAP-Mitglied Rudolf Hermann Eisenmenger, der zwischen 1902 und 1994 lebte und dessen Werk Orpheus und Eurydike
seit 1998 regelmäßig von zeitgenössischen Interventionen überdeckt wird. In früheren Ausgaben der Reihe waren unter anderem Arbeiten von internationalen und österreichischen Größen wie David Hockney, Maria Lassnig und zuletzt Anselm Kiefer zu sehen.

Direktor Bogdan Roščić würdigte den im Vorjahr verstorbenen Künstler vor rund 1.000 anwesenden Gästen im Opernhaus.
Er war schlicht und einfach einer der größten Meister dieses Landes.
Kritische Töne zur Kulturpolitik bei der Saisoneröffnung
Neben der künstlerischen Würdigungnutzte der Staatsopern-Chef die Bühne für eine scharfe Bemerkung zur aktuellen Wiener Kulturpolitik. Roščić kritisierte den von der Stadt Wien diskutierten „Kultureuro als Abgabe auf Kulturtickets. Mit Blick auf historische Parallelen spottete er über die Schwierigkeiten, die bereits Wolfgang Amadeus Mozart mit Musikabgaben gehabt habe, und fügte hinzu, man würde sich freuen, wenn das Publikum die Staatsoper in guter Erinnerung behalte, falls es die Institution in einem Jahr nicht mehr gibt.

Das Publikum bekommt das monumentale Wasser-Himmel-Hybrid-Werk regulär erstmals am Mittwochabend im Rahmen der Aufführung von „Le nozze di figaro zu Gesicht. Das Vorhang-Projekt markiert damit seine 29. Spielzeit in der Wiener Staatsoper.
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