Zum Inhalt springen
Technik und Wissenschaft

Ivanpah-Solarprojekt: 1.000 Tiere, 56 Millionen Dollar

Ursprüngliche Erhebungen im kalifornischen Mojave-Gebiet prognostizierten für das umstrittene Solarprojekt Ivanpah maximal 32 Wüstenschildkröten. Während der Bauarbeiten förderten Bautrupps jedoch fast 1.000 Tiere zutage, was zu einer dreimonatigen Zwangspause und 56 Millionen US-Dollar Kosten für Evakuierungsmaßnahmen führte.

Bevor die schweren Maschinen im Ivanpah Valley anrollten – unweit der Grenze zu Nevada –, schickte das Unternehmen BrightSource Biologen auf das 3.500 Hektar große Gelände, um die dort lebenden Wüstenschildkröten zu zählen. Die erste offizielle Zählung ergab gerade einmal 16 Exemplare. Verfeinerte Prognosen setzten die Obergrenze schließlich bei 32 Tieren an. Entsprechend legten Bundesbehörden die Auflagen fest: Das auf 2,2 Milliarden US-Dollar veranschlagte Großprojekt durfte maximal 38 ausgewachsene Schildkröten umsiedeln, wobei pro Jahr höchstens drei versehentliche Todesfälle toleriert wurden. Jede Überschreitung dieser strengen Grenzen drohte, den gesamten Bau zu stoppen.

Warum die Zählungen im Wüstensand versagten

Das Problem lag in der Biologie der Tiere selbst begründet. Wüstenschildkröten verbringen bis zu 95 Prozent ihres Lebens in unterirdischen Höhlen. Jungtiere sind oft nicht größer als ein Keks, farblich perfekt an den Boden angepasst und geben keinen Laut von sich. Eine klassische Begehung erfasst daher nur jene Individuen, die sich an der Oberfläche aufhalten, während der weitaus größere Teil unsichtbar im Erdreich ruht.

Hinzu kamen klimatische Faktoren. Die Untersuchungen vor Baubeginn fanden während einer Dürreperiode statt, in der die Reptilien tief eingegraben verharrten. Als in den Jahren 2010 und 2011 die Bautrupps anrückten, fielen feuchtere Wetterphasen mit den Erdarbeiten zusammen. Plötzlich krochen die Tiere in Massen an die Oberfläche. Arbeiter und Umweltbeobachter stießen auf eine Population, die alle Vorhersagen sprengte. Am Ende korrigierten Biologen ihre Schätzungen auf 162 ausgewachsene Tiere und 608 Jungtiere – insgesamt rund 770 Schildkröten auf einem Areal, das laut offiziellen Prognosen nahezu leer hätte sein müssen. Bundesprüfer kalkulierten zudem, dass im Umkreis von wenigen Meilen um die Zäune weitere 2.300 Jungtiere lebten.

Millionenaufwand für die aufwendigste Schildkrötenrettung

Die unerwartete Funddichte führte im Jahr 2012 zu einer dreimonatigen Zwangspause auf der Baustelle. Um das Prestigeprojekt zu retten, setzte das Unternehmen auf eine beispiellose Evakuierung. BrightSource engagierte spezialisierte Beratungsteams, deren Biologen mit bis zu 1.000 US-Dollar pro Tag berechnet wurden, um die Tiere aufzuspüren, auszugraben und umzusiedeln.

Es entstand eine komplexe Infrastruktur zur Betreuung der Tiere. Das Unternehmen errichtete eine eigene Aufzuchtstation direkt vor Ort, verpflichtete sich zu fünf Jahren Nachbetreuung und zog rund 50 Meilen Schutzzäune ein. Allein die Errichtung dieser Barrieren kostete bis zu 50.000 US-Dollar pro Meile, um die umgesiedelten Tiere am Rückweg zu hindern. Bis die riesigen Spiegelanlagen des Kraftwerks schstimmten, beliefen sich die Gesamtkosten für den Schutz und Transport der Reptilien auf 56 Millionen US-Dollar. Heruntergebrochen auf die tatsächlich betreuten Tiere avancierten die Ivanpah-Schildkröten damit zu den teuersten Wildtieren, die jemals umgesiedelt wurden.

Rückschläge und dauerhafte Veränderungen für die Solarbranche

Der finanzielle Aufwand garantierte jedoch keinen reibungslosen Ablauf. Berichte dokumentierten schwere Rückschläge: Schildkröten wurden unter Fahrzeugreifen zerquetscht, im provisorischen Aufzuchtgelände fielen Jungtiere Ameisenkolonien zum Opfer, und ein kleines Exemplar wurde sogar von einem Steinadler in ein Nest getragen, während der in seinem Panzer verankerte Mikrochip noch schwach funkte. Auch die Umsiedlung selbst birgt enorme Risiken, da vertriebene Tiere oft versuchen, in ihr altes Revier zurückzulaufen, und dabei häufig Raubtieren oder extremer Hitze zum Opfer fallen.

Surveys at the Ivanpah solar site in the Mojave predicted at most 32 desert tortoises, and crews then unearthed close to
Photo: Spacedaily

Die Erfahrungen im Ivanpah Valley veränderten die Planungsstandards für nachfolgende Großprojekte in der Mojave-Wüste grundlegend. Spätere Solarkraftwerke gingen mit mehrjährigen Bestandsaufnahmen und von Beginn an deutlich aufgestockten Budgets an den Start. BrightSource selbst hatte bereits während des Genehmigungsverfahrens reagiert: Das Projekt wurde um 12 Prozent verkleinert und die Zahl der geplanten Solartürme von sieben auf drei reduziert, um den Eingriff in den Lebensraum der Tiere im Vorfeld abzumildern.

Teilen Facebook X WhatsApp E-Mail
Clara Vogt

Über den Autor

Clara Vogt verantwortet das Ressort Technik und Wissenschaft. Sie schreibt ueber KI, Digitalisierung, Forschung und Innovation und uebersetzt komplexe Entwicklungen in klaren, belastbaren Journalismus.

Alle Beiträge erscheinen nach redaktioneller Prüfung gemäß unseren Redaktionsrichtlinien.

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.