Am 25. Mai 2026 öffnen zum 33. Deutschen Mühlentag hunderte Mühlen bundesweit ihre Tore für Besucher. In Regionen wie Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen sowie Niedersachsen und Bremen präsentieren historische Betriebe ihr Handwerk. Ziel ist es, die Tradition des Mahlens und die Bedeutung regionaler Produkte durch Führungen, Feste und Mitmach-Angebote erlebbar zu machen.
Der Mühlentag ist mehr als ein bloßes Event für Nostalgiker. Er markiert den Schnittpunkt zwischen dem Erhalt denkmalgeschützter Architektur und einer spürbaren Marktwende im Lebensmittelkonsum. Während die industrielle Massenfertigung von Mehl über Jahrzehnte dominierte, zeigt der aktuelle Trend eine Rückbesinnung auf das Handwerkliche und Regionale.
Ostdeutsche Highlights: Von Schnepfenthal bis zur Lausitz
Im Osten Deutschlands konzentriert sich das Interesse besonders auf die Bundesländer Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Laut MDR stehen dabei nicht nur funktionierende Mühlen im Vordergrund, sondern auch die mühsame Arbeit der Rekonstruktion. In Orten wie Schnepfenthal oder Klettbach bei Weimar können Besucher den Wiederaufbau historischer Mühlen aus nächster Nähe verfolgen.
Die Angebote variieren stark je nach Region. Während im Harz und an der Elbe Mühlen-Wanderungen im Fokus stehen, bieten die Betriebe im Erzgebirge und in der Lausitz einen direkten Einblick in den Alltag der Müller. Diese Vielfalt zeigt, dass die Mühle in diesen Regionen als kultureller Ankerpunkt fungiert, der sowohl touristisch als auch bildungstechnisch genutzt wird.
Der Kampf gegen die Industrieware in Niedersachsen
Im Norden, insbesondere in Niedersachsen und Bremen, wird der Mühlentag zum Politikum der Regionalität. In Bardowick im Landkreis Lüneburg betreibt Eckhard Meyer eine historische Galerieholländer-Mühle, die täglich zwei bis drei Tonnen Getreide verarbeitet. Hier wird die Mühle nicht als Museum, sondern als aktiver Wirtschaftsbetrieb geführt, der elektrisch und mit Windkraft arbeitet.

Die Nachfrage nach traditionell gemahlenem Mehl aus Weizen, Dinkel oder Nischenprodukten wie Buchweizen und Waldstaudenroggen steigt. Dieser Trend ist eine direkte Reaktion auf den Strukturwandel im Bäckerhandwerk.
„Wir haben einen großen Zulauf, das Selbstbacken hat zugenommen. Viele kleine Bäckereien geben auf, die Menschen wollen aber nicht nur Industrieware kaufen.
Diese Entwicklung zeigt eine interessante Verschiebung: Der Konsument übernimmt die Rolle des Veredlers, indem er handwerklich gemahlenes Mehl kauft und selbst backt, weil die lokale Infrastruktur der kleinen Bäckereien wegbricht.
Ein riskantes Experiment mit der Wiesmoor-Mühle
Die wirtschaftliche Lage der traditionellen Windmühlen in Deutschland ist prekär. Von ursprünglich 15.000 Windmühlen sind laut Meyer nur noch fünf gewerblich in Betrieb. Um diesem Sterben entgegenzuwirken, plant die Familie Meyer in Bardowick ein ambitioniertes Projekt: den Aufbau einer zweiten historischen Mühle aus dem Jahr 1860, die ursprünglich aus Wiesmoor in Ostfriesland stammt.
Die Mühle, die jahrelang im Deutschen Museum in München stand und derzeit in Einzelteilen in Containern lagert, soll wieder in Betrieb genommen werden. Es ist ein finanziell geklärtes, aber operational riskantes Wagnis.
„Das wäre einmalig in Deutschland, zwei alte Mühlen in einem Betrieb, die gewerblich mit Wind mahlen.
Sollte dieses Projekt gelingen, wäre es ein Signal für die Machbarkeit von gewerblicher Traditionspflege. Dass der 25-jährige Sohn Juro bereits die Meisterprüfung in Stuttgart bestanden hat und den Betrieb in der siebten Generation fortführen will, gibt dem Vorhaben eine notwendige langfristige Perspektive.
Lokale Erlebnisse zwischen Wegefarth und Gifhorn
Neben den großen wirtschaftlichen Strategien bietet der Mühlentag morgen konkrete, lokale Anlaufstellen. In Wegefarth bei Freiberg öffnet eine historische Mühle von 10 bis 17 Uhr ihre Türen. Wie die Freie Presse berichtet, wird dort versucht, das Bewusstsein für den Wert dieses Denkmals zu schärfen, kombiniert mit einem Volksfest aus Bratwurst und Fassbier.

Parallel dazu setzt das Internationale Mühlenmuseum in Gifhorn auf eine breitere pädagogische Aufbereitung. Über das gesamte Pfingstwochenende gibt es dort Aktionen, wobei am Montag Mahlvorführungen in der Tiroler Wassermühle im Zentrum stehen. Hier dürfen Kinder Getreide per Hand mahlen, was die Brücke zwischen theoretischem Wissen und haptischer Erfahrung schlägt.
- Handwerkliche Praxis: Handmahlen für Kinder in Gifhorn und Bardowick.
- Denkmalschutz: Wiederaufbau-Projekte in Schnepfenthal und Klettbach.
- Regionalwirtschaft: Direktverkauf von Spezialmehlen (Lichtkornroggen, Dinkel) in Bardowick.
- Tourismus: Mühlen-Wanderungen im Harz und an der Elbe.
Der 33. Deutsche Mühlentag verdeutlicht, dass die Mühle heute zwei Funktionen erfüllt: Sie ist einerseits ein museales Relikt einer vergangenen Zeit und andererseits eine Antwort auf die moderne Sehnsucht nach Transparenz und Regionalität in der Lebensmittelkette. Während die Zahl der gewerblichen Mühlen dramatisch gesunken ist, steigt ihr symbolischer und qualitativer Wert für den Endverbraucher.