Forscher warnen in einem aktuellen Bericht vom 13. Mai 2026 vor einer anhaltenden „Leserrezession“ unter US-Schülern. Analysen von über 5.000 Schulbezirken in 38 Bundesstaaten zeigen, dass zwischen 2022 und 2025 nur fünf Bundesstaaten und der District of Columbia signifikante Zuwächse bei den Lesetests verzeichneten. Die meisten Schüler liegen weiterhin fast ein halbes Klassenjahr hinter dem Vor-Pandemie-Niveau zurück.
Die Bildungskrise in den Vereinigten Staaten ist tiefer verwurzelt, als es die bloßen Auswirkungen der COVID-19-Pandemie vermuten ließen. Während viele Bildungspolitiker den massiven Rückgang der schulischen Leistungen primär auf die Lockdowns und den Fernunterricht zurückführten, zeichnet eine neue Analyse von Wissenschaftlern der Universitäten Harvard, Stanford und Dartmouth ein deutlich düstereres Bild. Der Rückgang der Lesekompetenz begann bereits Jahre vor den pandemischen Störungen.
Die Daten des Education Scorecard
Zur Ermittlung des nationalen Zustands analysierten die Forscher Staatstests der dritten bis achten Klasse aus mehr als 5.000 Schulbezirken in 38 Bundesstaaten. Diese Daten flossen in einen nationalen „Education Scorecard“ ein, der präzise Vergleiche zwischen verschiedenen Regionen und Bundesstaaten ermöglicht.
Die Ergebnisse für den Zeitraum von 2022 bis 2025 sind ernüchternd. Nur fünf Bundesstaaten sowie der District of Columbia konnten in diesem Fenster ein bedeutsames Wachstum der Lesetestwerte verzeichnen. Auf nationaler Ebene hinkt das Lesen der Schüler im Vergleich zum Niveau vor der Pandemie immer noch fast einem halben Klassenjahr hinterher. Im Fach Mathematik ist die Situation zwar geringfügig besser, bleibt jedoch ebenfalls hinter den historischen Werten zurück.
Besonders alarmierend ist die langfristige Tendenz. Daten des National Assessment of Educational Progress (NAEP) belegen, dass die Lesetestwerte bei Achtklässlern bereits seit 2013 und bei Viertklässlern seit 2015 kontinuierlich sinken. Die Pandemie wirkte somit nicht als alleinige Ursache, sondern als Brandbeschleuniger eines bereits bestehenden Trends.
Strukturelle Ursachen und die „Lernrezession“
Thomas Kane, Professor an der Harvard University und Mitentwickler des Education Scorecard, beschreibt die Situation als eine systematische Erosion der akademischen Leistungen. Er unterscheidet dabei zwischen dem plötzlichen Schock der Pandemie und einem schleichenden Prozess, der bereits ein Jahrzehnt zuvor einsetzte.
Die Pandemie war der Murenabgang, der auf sieben Jahre stetiger Erosion der Leistungen folgte.
Thomas Kane, Professor an der Harvard University
Laut Kane ist diese Lernrezession
das Ergebnis zweier Hauptfaktoren. Erstens hätten politische Entscheidungsträger ein Frühwarnsystem der testbasierten Rechenschaftspflicht
abgeschaltet, wodurch Defizite im Bildungssystem nicht mehr rechtzeitig erkannt und korrigiert wurden. Zweitens sieht Kane den massiven Einfluss sozialer Medien, die zunehmend die Lebenswelt und die Aufmerksamkeit von Kindern beanspruchen und so das traditionelle Lesen verdrängen.
Die „Lernrezession“ begann vor einem Jahrzehnt, nachdem die politischen Entscheidungsträger das Frühwarnsystem der testbasierten Rechenschaftspflicht abgeschaltet hatten und soziale Medien das Leben der Kinder übernahmen.
Thomas Kane, Professor an der Harvard University
Lokale Erfolge in Modesto und anderen Bezirken
Trotz des nationalen Abwärtstrends gibt es punktuelle Erfolge, die zeigen, dass eine Trendwende möglich ist. Insgesamt identifizierten die Forscher 108 lokale Schulbezirke, die Wege gefunden haben, das Lernen ihrer Schüler wieder zu aktivieren. Ein prominentes Beispiel ist Modesto in Kalifornien.
In den dortigen Grundschulen konnten sowohl die Lese- als auch die Mathematikwerte über die letzten Jahre konsistent gesteigert werden. Lehrkräfte wie Nancy Barajas setzen dabei auf unkonventionelle Methoden, um das Selbstvertrauen der Schüler vor wichtigen Prüfungen zu stärken. Barajas nutzt beispielsweise eine Diskokugel und Musik aus ihrer Playlist, um gemeinsam mit ihren Sechstklässlern eine Vor-Feier
zu veranstalten, bevor die Tests geschrieben werden.
Diese lokalen Erfolge sind laut den Analysen oft eng mit einer grundlegenden Änderung der Lehrmethoden verknüpft. Eine kleine Gruppe von staatlichen Führungskräften hat begonnen, die Art und Weise, wie Schüler das Lesen lernen, grundlegend zu reformieren, um die Erosion der Kompetenzen zu stoppen.
Ausblick auf die nationale Erholung
Obwohl die nationale Lage prekär bleibt, deutet die Existenz der 108 erfolgreichen Schulbezirke darauf hin, dass die Erholung des US-Bildungswesens begonnen hat. Die Herausforderung besteht nun darin, die in Modesto und anderen Bezirken angewandten Strategien zu skalieren und auf eine breitere Basis zu stellen.
Kritisch bleibt die Frage, ob die bloße Rückkehr zu alten Testsystemen ausreicht oder ob die pädagogischen Ansätze an die veränderten Lebensrealitäten der Kinder – insbesondere im Hinblick auf die digitale Mediennutzung – angepasst werden müssen. Die Daten zeigen deutlich, dass eine reine Fokussierung auf die Aufarbeitung der Pandemie-Lücken zu kurz greift, da die strukturellen Probleme bereits lange vor 2020 bestanden.