Microsoft plant die Schließung mehrerer Xbox-Studios, darunter Ninja Theory, während Compulsion Games, Double Fine und Arkane über Aussteiger-Deals verhandeln. Wie Heise und The Verge am 16. Juni 2026 berichten, resultiert dieser Schritt aus einer radikalen Restrukturierung unter Xbox-Chefin Asha Sharma, um die sinkenden Gewinnmargen der Gaming-Sparte zu stabilisieren.
Die Schließung von Ninja Theory und das Senua-Paradoxon
Das britische Studio Ninja Theory steht unmittelbar vor dem Aus. Die Belegschaft wurde bereits am Montag, den 15. Juni, in einem Telefonat über die geplante Schließung informiert, berichtet The Verge. Die Nachricht trifft das Team in einem Moment extremer Kontraste: Erst vor wenigen Tagen präsentierte Microsoft auf dem Xbox Games Showcase mit großer medialer Unterstützung den neuen Ableger der Hellblade-Reihe namens Senua.

Die Ironie dieser zeitlichen Abfolge ist kaum zu übersehen. Während die Marketingabteilung von Microsoft noch Pressematerial für das neue Projekt produzierte, wurde intern bereits das Ende des Studios besiegelt. Zwar sucht das Management derzeit nach einem externen Käufer für das Studio und die Markenrechte, doch für die Entwickler bedeutet dies faktisch eine Freistellung. Laut PlayFront reichte der wirtschaftliche Erfolg von Senua’s Saga: Hellblade II, das im Mai 2026 erschien, Microsoft schlicht nicht aus.
Der Fall Ninja Theory verdeutlicht einen brutalen Strategiewechsel. Projekte, die zwar kritisch gefeiert werden und das Image der Marke aufwerten, fallen nun durch das Raster, wenn sie keine massiven Gewinne generieren.
Rettungsversuche: Management-Buy-outs bis zum 30. Juni
Für andere Studios gibt es eine theoretische Chance auf Überleben, wenn auch unter harten Bedingungen. Compulsion Games in Montreal und das in San Francisco ansässige Double Fine verhandeln derzeit über einen Rückkauf ihrer Unabhängigkeit. Auch das Studio Arkane soll laut PlayFront in diese Gespräche über ein Management-Buy-out involviert sein.

Die Frist für diese Verhandlungen ist knapp: Bis zum 30. Juni muss eine Einigung stehen, sonst droht auch diesen Teams die Abwicklung. Ein solcher Schritt in die Unabhängigkeit ist jedoch oft mit massiven Personalabbau verbunden. Bei Compulsion und Arkane melden Mitarbeiter intern bereits, dass Entlassungen laufen. In der Branche führt ein Buy-out in dieser Situation häufig dazu, dass die Belegschaft noch vor der Unterzeichnung halbiert wird.
Betroffen sind Studios mit hochgelobten, aber nischigen Titeln. Compulsion Games glänzte zuletzt mit dem Adventure South of Midnight, während Double Fine an dem Online-Projekt Kiln sowie dem Puzzle-Spiel Keeper arbeitete. Letzteres hatte erst im Mai einen Antrag auf gewerkschaftliche Anerkennung gestellt – ein Signal für die soziale Instabilität innerhalb der Teams.
Finanzielle Erosion und der „Xbox Reset“
Hinter den Schließungen steht ein internes Memo mit dem Titel Next 100 Days: Xbox Reset. Die neue Xbox-Chefin Asha Sharma und Studios-Chef Matt Booty beschreiben darin die finanzielle Lage der Sparte als unhaltbar. Die Zahlen belegen eine tiefe Krise im Geschäftsmodell der Hardware- und Content-Strategie von Microsoft.
| Kennzahl | Wert / Entwicklung |
|---|---|
| Investitionen (letzte 5 Jahre) | Über 20 Mrd. USD (Hardware, Plattform, Content) |
| Jahresumsatz (letzte 5 Jahre) | Rückgang um knapp 500 Mio. USD |
| Aktuelle Gewinnmarge | Ca. 3 % |
| Activision-Blizzard-Übernahme | 69 Mrd. USD |
Die Übernahme von Activision Blizzard für 69 Milliarden Dollar hat die Prioritäten im Konzern verschoben. Microsoft verlangt nun sofortige Milliardengewinne durch etablierte Marken wie Call of Duty. Für experimentelle Kunstprojekte mit dreistelligen Millionenbudgets ist kein Raum mehr. Analysten, die mit IGN sprachen, bezeichnen die betroffenen Studios als brillant für das Ansehen, aber miserabel für die Bilanz.
Die Strategie, den Xbox Game Pass durch den Zukauf zahlreicher mittelgroßer Studios mit exklusiven Inhalten zu füllen, ist gescheitert. Wenn die Hardware-Verkäufe der Series X/S einbrechen und die Abonnentenzahlen stagnieren, sinkt die Toleranz für Nischenprodukte auf null.
Führungsvakuum: Abgänge bei Xbox Game Studios
Parallel zum Personalabbau in den Studios verliert die Führungsebene zwei ihrer prägendsten Köpfe. Craig Duncan, Leiter der Xbox Game Studios, und Stabschefin Louise O’Connor verlassen das Unternehmen. Beide waren über Jahrzehnte bei Microsoft und dem Studio Rare tätig.

Duncan, der Rare mehr als zehn Jahre lang leitete und den Erfolg von Sea of Thieves mitgestaltete, betonte in einer Abschieds-E-Mail seine Stolz auf die Markteinführungen der letzten 20 Monate. O’Connor war zuletzt für das inzwischen eingestellte Projekt Everwild verantwortlich. Ihr Abgang erfolgt genau in dem Moment, in dem Sharma die Bilanz der Sparte radikal verbessern muss.
Die Führung der Xbox Game Studios wird vorerst direkt an Matt Booty berichten. Dieser Machtwechsel signalisiert eine weitere Zentralisierung der Entscheidungen, weg von der kreativen Autonomie der Einzelstudios hin zu einer strikten finanziellen Steuerung.
Die kommenden Wochen werden zeigen, wie tief der Schnitt tatsächlich ausfällt. Der Bloomberg-Journalist Jason Schreier lässt wenig Raum für Optimismus hinsichtlich des aktuellen Kurses.
„Ich kann mit Sicherheit sagen, dass sich die Marke Xbox im Juli drastisch von dem aktuellen Stand im Juni unterscheiden wird.“
Jason Schreier, Bloomberg
Für die Nutzer des Ökosystems bedeutet dies eine schleichende Erosion der Vielfalt. Wo einst charakterstarke Produktionen und riskante Experimente standen, rückt nun die reine Risikominimierung in den Vordergrund. Der Game Pass verliert damit einen Teil seines Kernversprechens: den Zugang zu einer breiten Palette an exklusiven, innovativen Titeln.
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