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Technik und Wissenschaft

Wissenschaftler belegen starken Wandel der Persönlichkeit im Lebenslauf

Wissenschaftler haben anhand von acht Langzeitdatensätzen aus vier Ländern mit insgesamt 166.971 Menschen nachgewiesen, dass sich die Persönlichkeit im Laufe des Lebens stark wandelt. Entgegen der weitverbreiteten Vorstellung eines festen Charakters verändern sich die sogenannten Big-Five-Merkmale, wobei die Gewissenhaftigkeit unter den Big Five über die Lebensspanne insgesamt am stärksten ausschlägt.

Wer glaubt, dass der eigene Charakter im Erwachsenenalter wie in Stein gemeißelt bleibt, irrt gewaltig. Eine in der Fachzeitschrift „Communications Psychology“ veröffentlichte Auswertung zeigt, dass sich die menschliche Persönlichkeit zwischen dem 15. und dem 90. Lebensjahr deutlich wandelt. An der Untersuchung waren Forscher der Universität Zürich, der Texas A&M University, des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin sowie der Health and Medical University Düsseldorf beteiligt. Für ihre Analyse werteten die Wissenschaftler acht große Langzeitdatensätze aus Deutschland, den USA, Australien und den Niederlanden aus.”

Wie sich die Big-Five-Merkmale im Alter verschieben

Im Mittelpunkt der Untersuchung standen die sogenannten Big Five, das in der Psychologie gängigste Raster zur Beschreibung der Persönlichkeit. Dazu gehören Extraversion, Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit, Neurotizismus und Offenheit für neue Erfahrungen. Die Auswertung der Daten von 166.971 Teilnehmern belegt klare Entwicklungsverläufe über die Lebensspanne. Extraversion, Offenheit und die Neigung zu Sorgen und negativen Gefühlen gehen mit den Jahren zurück, während Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit zunehmen.

Besonders auffällig ist der Befund zur Gewissenhaftigkeit. Zählt man sämtliche Bewegungen über einen Zeitraum von 75 Jahren zusammen, landet die Gewissenhaftigkeit auf Platz fünf von insgesamt 32 untersuchten Lebensmerkmalen. Sie bewegt sich damit stärker als das Selbstwertgefühl, die Lebenszufriedenheit oder das Gefühl der Einsamkeit. Nur die Häufigkeit sozialer Kontakte, das persönliche Einkommen, gesundheitliche Einschränkungen und die Schlafdauer schlagen noch stärker aus.

Die systematische Fehleinschätzung des eigenen Charakters

Die Erkenntnisse stehen im diametralen Gegensatz zu dem, was die meisten Menschen über sich selbst annehmen. Um diesen Irrtum zu vermessen, befragte das Forschungsteam um Amanda J. Wright im Vorfeld 887 repräsentativ ausgewählte Erwachsene in den USA. Die Probanden sollten einschätzen, wie stark sich 25 Merkmale zwischen dem 15. und 90. Lebensjahr verändern. Während die Teilnehmer die Veränderungen bei Einkommen oder Gesundheit realistisch einschätzten, lagen sie bei der Persönlichkeit durchgehend daneben.

Die befragten Personen hielten ausgerechnet die Persönlichkeitsmerkmale für besonders unbeweglich und betrachteten Geselligkeit sowie die Neigung zu Sorgen als besonders stabil. Tatsächlich zeigen die realen Paneldaten jedoch, dass sich die Charaktereigenschaften ähnlich stark oder sogar stärker veränderten als viele andere untersuchte Lebensbereiche. Deutschland war in den ausgewerteten Daten doppelt vertreten: durch das Sozio-oekonomische Panel des DIW Berlin, das bereits seit 1984 läuft, sowie durch das Beziehungs- und Familienpanel Pairfam.

Warum der Glaube an das „wahre Ich“ die Entwicklung bremst

Die Autoren der Untersuchung führen diesen weitverbreiteten Irrtum auf tief verankerte kulturelle Vorstellungen zurück. Redewendungen wie bleib dir selbst treu vermitteln beständig die Idee eines festen, unveränderlichen inneren Kerns. Bereits im Jahr 1890 verglich der Psychologe William James den Charakter im Erwachsenenalter mit ausgehärtetem Gips.

Wissenschaftler belegen starken Wandel der Persönlichkeit im Lebenslauf
Photo: ELLE

Gleichzeitig existiert hier ein paradoxer Widerspruch im Alltag. Zwar boomt der Markt für Selbstoptimierung mit Apps und Ratgebern stetig, doch Nutzer verbuchen erzielte Fortschritte offenbar meist als Rückkehr zu dem, was sie ohnehin schon zu sein glaubten. Die Forscher warnen jedoch davor, dass dieser Glaube an eine absolute Unveränderlichkeit handfeste Nachteile mit sich bringt. Wer überzeugt ist, dass der eigene Charakter zementiert ist, versucht seltener, problematisches Verhalten zu korrigieren. Frühere Arbeiten derselben Forschungsgruppe zeigen nämlich, dass sich bestimmte Merkmale wie der Neurotizismus durchaus gezielt beeinflussen lassen, etwa durch entsprechende Interventionen.

Kulturelle Grenzen und verbleibende Unbekannte

Trotz der enormen Datenbasis mit Hunderttausenden gemessenen Verläufen verweisen die Wissenschaftler selbst auf klare Grenzen ihrer Aussagen. So stammen sämtliche ausgewerteten Langzeitdaten ausschließlich aus westlichen Demokratien. Ob sich die beobachteten Muster in gleicher Weise auf andere Kulturkreise übertragen lassen, bleibt in den vorliegenden Auswertungen offen. Dennoch zeigen die Ergebnisse, dass die alltägliche Überzeugung, ein Mensch sei eben einfach so, wissenschaftlich kaum Halt hat.

Wissenschaftler belegen starken Wandel der Persönlichkeit im Lebenslauf
Photo: Berliner Zeitung
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Clara Vogt

Über den Autor

Clara Vogt verantwortet das Ressort Technik und Wissenschaft. Sie schreibt ueber KI, Digitalisierung, Forschung und Innovation und uebersetzt komplexe Entwicklungen in klaren, belastbaren Journalismus.

Alle Beiträge erscheinen nach redaktioneller Prüfung gemäß unseren Redaktionsrichtlinien.

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