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Wiener Festwochen sagen Auftritt von Peter Thiel ab

Die Wiener Festwochen haben am Samstagabend, dem 30. Mai 2026, den geplanten Auftritt des US-Tech-Milliardärs Peter Thiel abgesagt. Der Demokratieskeptiker sollte am 7. Juni über den Antichristen und das Weltende diskutieren. Intendant Milo Rau begründete den Schritt mit einer zu hohen Zahl an Absagen seitens der beteiligten Künstler, die das Gesamtprogramm gefährdet hätten.

Die Absage im Namen des Gesamtprogramms

Die Absage im Namen des Gesamtprogramms
cluster (priority): Kronen Zeitung
Die Entscheidung fiel am Samstagabend. Intendant Milo Rau und Geschäftsführerin Artemis Vakianis beendeten damit eine hitzige Kontroverse, die das Festival seit Mitte Mai begleitete, als im Rahmen der „Republic of Gods“ die Einladung an Peter Thiel bekannt wurde. Offiziell hieß es, die Entscheidung sei nach einer „eingehenden Reflexion unterschiedlicher Positionen“ getroffen worden. Dabei ergibt sich ein paradoxes Bild: Das Stimmungsbild im sogenannten „Rat der Republik“ sowie ein einstimmig positives Statement von drei externen Expertinnen und Experten hatten ursprünglich für die Durchführung der Veranstaltung gesprochen. Doch die künstlerische Basis rebellierte. Eine wachsende Zahl von Beteiligten des Programms sprach politisch oder ethisch motivierte Absagen aus. Für die Geschäftsführung erreichte dieser Boykott ein Ausmaß, das die Festwochen in einem „untragbaren Umfang“ geschwächt hätte. „Nicht um jeden Preis: Ich nehme die kritischen Stimmen sehr ernst. Aus meiner Verantwortung für das Gesamtprogramm musste ich mich leider gegen die geplante Veranstaltung mit Peter Thiel entscheiden, obwohl ich diese extrem spannend und thematisch konsequent gefunden hätte.“Milo Rau, Intendant der Wiener Festwochen Rau betonte, dass ein Beharren auf dem Termin im Widerspruch zu seiner Wertschätzung für die Kunstschaffenden gestanden hätte.

Theologie trifft Realpolitik: Thiels Einfluss

Theologie trifft Realpolitik: Thiels Einfluss
cluster (priority): wien.ORF.at
Der geplante Diskurs am 7. Juni im Hotel Intercontinental trug den Titel „Armageddon und Antichrist? Von der Theologie zur Realpolitik“. Thiel, der durch PayPal reich und durch die Überwachungssoftware Palantir einflussreich wurde, gilt als einer der potentesten Proponenten der Silicon-Valley-Rechten. Seine Positionen sind radikal: Er tritt gegen Multilateralismus und die freiheitliche Demokratie ein. In jüngster Zeit hat er sich zudem als Prediger theologisch-philosophischer Konzepte präsentiert, die sich mit dem bevorstehenden Ende der Welt befassen. Diese apokalyptische Weltsicht, in der der Antichrist an der Übernahme der Welt arbeitet, machte ihn für viele Kritiker zur falschen Wahl für ein öffentliches Forum in Wien. Neben seinem finanziellen Gewicht wiegt vor allem sein politischer Einfluss. Als Unterstützer von Donald Trump und Mentor von dessen Vizepräsidenten JD Vance agiert Thiel als strategischer Kopf hinter weitreichenden politischen Verschiebungen in den USA.

Der Konflikt im Odeon Theater

Rede von Ulf Poschardt bei den Wiener Festwochen 2025
Bevor die Absage erfolgte, versuchten die Festwochen, die Kontroverse zu institutionalisieren. Am Freitagnachmittag fand im Odeon Theater eine öffentliche Debatte unter dem Titel „Soll Peter Thiel bei den Wiener Festwochen sprechen?“ statt. Die Stimmung war geladen. Milo Rau sah sich mit harten Vorwürfen konfrontiert. Kritiker bezeichneten Thiel nicht als Grenzgänger, sondern als „echten Kriminellen“ und „faschistoiden Machtdespoten“. Einem Mitglied des „Rats der Republik“ – einem Gremium aus 80 Wiener Bürgern, Intellektuellen und Künstlern – war die Einladung ein zu hohes Zugeständnis. „denn wer Extremisten eine Plattform gibt, normalisiert ihre Positionen“Ein Mitglied des Rats der Republik Rau verteidigte sein Konzept ursprünglich mit dem Argument, er wolle einen der mächtigsten Männer der Welt „vor den Vorhang“ holen, um ihn in einem antagonistischen Setting mit demokratischen Werten zu konfrontieren. Ziel sei es gewesen, die „inhumane Seite des Tech-Bros“ offenzulegen. Er versprach absolute Öffentlichkeit und eine starke politische Gewichtung der Veranstaltung.

Wolfgang Palavers Kritik an der Ausladung

Wolfgang Palavers Kritik an der Ausladung
cluster (priority): news.google.com
Nicht jeder sah in der Absage einen Sieg der Ethik. Prof. Wolfgang Palaver, Theologe und Thiel-Kenner, der die Debatte gemeinsam mit dem Milliardär hätte führen sollen, kritisierte die Entscheidung. Palaver hatte bereits während der Debatte den Eindruck, dass viele Medien und Menschen nicht verstünden, was Thiel tatsächlich tue. Für den Theologen war die Argumentation, man dürfe Thiel nicht „salonfähig“ machen, haltlos. Thiel sei ohnehin fast täglich in den Medien präsent und benötige keine Bühne in Wien, um Gehör zu finden. „Ihn nun auszuladen, bedeute die große Chance zu vertun, ihm Fragen zu stellen und seine Thesen kritisch zu diskutieren“Prof. Wolfgang Palaver Palaver plädierte dafür, die Denkweise von Menschen mit solch enormer Macht zu verstehen, da ein effektiver Widerstand und alternative Modelle nur durch eine Analyse jenseits von „groben Etiketten“ möglich seien.

Politische Spannungen und künstlerischer Widerstand

Die Affäre belastet das Verhältnis zwischen der künstlerischen Leitung und der Stadtpolitik. Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler (SPÖ) zeigte sich in einem Interview mit Der Standard verständnisvoll gegenüber den Kritikern. Für Kaup-Hasler ist die Provokation durch Milo Rau keine Premiere; der Intendant habe in seinen drei Jahren an der Spitze der Festwochen bereits mehrfach für Unruhe gesorgt. Dass die künstlerische Gemeinschaft nun massiv gegen die Plattform für Thiel aufbegehrte, zeigt die tiefe Kluft zwischen dem experimentellen Anspruch des Intendanten und den ethischen Grenzen der beteiligten Akteure. Die Absage markiert einen Wendepunkt in der aktuellen Ausgabe der Festwochen. Während Rau die „thematische Konsequenz“ der Einladung betonte, wog das Risiko eines künstlerischen Kollapses schwerer. Die Frage, ob ein demokratisches Forum auch jenen Raum bieten muss, die die Demokratie ablehnen, bleibt damit im Raum stehen – allerdings ohne die Antwort, die ein direktes Gespräch mit Peter Thiel hätte liefern können.
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Jonas Becker

Über den Autor

Jonas Becker verantwortet das Nachrichtenressort von Germanic Nachrichten. Sein Fokus liegt auf schneller, praeziser und sauber verifizierter Berichterstattung zu Politik, Gesellschaft und aktuellen Entwicklungen in Deutschland.

Alle Beiträge erscheinen nach redaktioneller Prüfung gemäß unseren Redaktionsrichtlinien.

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