Ukrainische Truppen haben im Rahmen einer als Operation Vivaldi
bezeichneten Offensiven 176 Quadratkilometer im Norden der Oblast Donezk zurückerobert. Dies teilte die US-Denkfabrik ISW am Samstag unter Berufung auf den ukrainischen General Andrij Bilezkyj mit, während Präsident Wolodymyr Selenskyj am Mittwoch einen Frontbesuch in Lyman abstattete.
Entgegen der Behauptung des Kremls und des russischen Generalstabs, wonach russische Truppen an der Front in der Ostukraine durchgehend vorrücken, zeigt die aktuelle Lage ein anderes Bild. Allein im September verlor Russland demnach mehr Gelände in der Ukraine, als es gewann – ein Minus von rund 81 Quadratkilometern im vergangenen Monat.
Operation Vivaldi
und die Rückeroberung bei Lyman
Im Zentrum der jüngsten ukrainischen Geländegewinne steht die mehrstufige Operation Vivaldi
. Ziel des Einsatzes war es, den russischen Angriff auf wichtige ukrainische Stützpunkte im Osten des Landes zu erschweren. Der ukrainische General Andrij Bilezkyj erklärte, dass dabei 176 Quadratkilometer im Norden der Oblast Donezk zurückerobert wurden. Die ukrainische Armee setzte bei dieser Operation auf strikte Geheimhaltung und das Überraschungsmoment, weshalb Erfolge erst mit Verzögerung öffentlich gemacht wurden.
Am Mittwoch gab der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj zudem einen Truppenbesuch in Lyman an der östlichen Front bekannt. In Onlinediensten erklärte er, dort im Raum Lyman im Einsatz befindliche Soldaten getroffen und ihnen Abzeichen verliehen zu haben. Ein veröffentlichtes Video zeigte Selenskyj an der Seite des ukrainischen Verteidigungsministers Jewhenij Chmara sowie weiterer hochrangiger Offiziere. Lyman war zuvor über mehrere Monate hart umkämpft.
Zweifel an Moskowiter Berichten und falsche Frontangaben
Die ukrainischen Erfolge offenbaren auch Diskrepanzen in der russischen Informationskette. Anfang September behauptete der russische Präsident Wladimir Putin, die Stadt Swjatohirsk mit ihrem wichtigen orthodoxen Kloster befinde sich in russischer Hand. Kurz darauf zeigte sich General Bilezkyj in einem Video ohne Helm mitten in der Stadt. Diese Aufnahmen verstärkten Zweifel daran, dass Putin von seinem Generalstab wahrheitsgemäß über die tatsächliche Frontlage unterrichtet wird.
Die ISW hält es für unklar, ob Putin wisse, dass die von ihm präsentierten Zahlen falsch seien, oder ob er schlicht fiktive Angaben zur Lage an der Front
übernehme. So hatte Putin zuvor behauptet, die russischen Streitkräfte hätten im September mehr als 1.300 Quadratkilometer erobert. Das ISW und der ehemalige britische Armeeangehörige und Militärblogger Shaun Pinner erklärten am Mittwoch, dass die russischen Streitkräfte durch Täuschungsmanöver in die Irre geführt wurden und den wirklichen ukrainischen Angriff schlicht verschliefen.
Fokusverschiebung auf zivile Ziele und strategische Vorteile
Weil die russische Sommeroffensive mit zahlreichen toten Soldaten teuer erkauft war, verlegt Moskau seinen Schwerpunkt seit geraumer Zeit auf Angriffe gegen zivile Ziele und Energieeinrichtungen. Der US-Militärhistoriker Phillips O’Brien vom Center for Strategic and International Studies (CSIS) in Washington erklärte am Mittwoch, dass dies den enormen strategischen Vorteil darstelle, den Russland konsequent nutze.
Russland könne täglich zivile Ziele – Krankenhäuser, Universitäten, Märkte – in dem Wissen angreifen, dass die Ukraine zwar dasselbe tun könnte, jedoch zu menschlich sei, um das zu tun.
Phillips O’Brien, Militärhistoriker am Center for Strategic and International Studies (CSIS)
Trotz der ukrainischen Geländegewinne warnt das ISW vor anhaltenden Gefahren. Die Operation Vivaldi
hat zwar das strategisch wichtige Ziel erreicht, die großräumigen Einkesselungsversuche des Festungsgürtels aus ukrainischen Städten zu stören, doch rücken russische Truppen weiterhin von Süden her auf einige Städte vor und dringen in die östliche Stadt Kostjantyniwka ein. In Donezk, wo die Ukraine derzeit noch rund 20 Prozent des Territoriums hält, dauern die schwersten Kämpfe an.
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