Forscher haben erstmals nachgewiesen, dass eine verlängerte Schulpflicht das Gehirn noch Jahrzehnte später vor Demenz schützt. Mithilfe von Daten einer britischen Bildungsreform aus dem Jahr 1972 belegt eine Studie, dass zusätzliches Lernen selbst bei hoher genetischer Veranlagung das Risiko für Alzheimer senken kann.
Daten einer britischen Schulreform beweisen den kausalen Schutz
Lange Zeit war unklar, ob eine längere Schulausbildung tatsächlich das Demenzrisiko senkt oder ob lediglich sozioökonomischer Wohlstand im Elternhaus für bessere Gesundheit im Alter sorgt. Forscher aus den USA haben diesen kausalen Zusammenhang nun zum ersten Mal belegt. Möglich machten dies umfangreiche Datensätze einer britischen Schulreform aus dem Jahr 1972.
Damals wurde die Schulpflicht in Großbritannien so geändert, dass Jugendliche bis zu ihrem 16. statt bis zu ihrem 15. Geburtstag die Schule besuchen mussten. Diese Regelung galt über alle sozialen Klassen hinweg. Dadurch entstanden zwei Bevölkerungskohorten, die sich durch fast nichts außer die Dauer ihrer Schulzeit unterschieden.
Wissenschaftler der Universitäten in Southern California, Wisconsin-Madison und Michigan griffen auf diese Daten zurück. Die Ergebnisse erschienen im Fachmagazin Proceedings of the National Academy of Sciences
.
Mehr als 100.000 Menschen bis zum 66. Lebensjahr begleitet
Infolge der Reform wuchs der Anteil der Schüler, die mindestens bis zum 16. Lebensjahr in der Schule blieben, um 14 Prozentpunkte. Das Forschungsteam folgte mehr als 100.000 Personen, die kurz vor oder nach dem Stichtag am 1. September 1957 geboren wurden, bis zu ihrem 66. Lebensjahr.

Für die Auswertungen nutzten die Wissenschaftler Krankenhausberichte, Todesregister und Selbstangaben aus dem UK‑Biobank-Projekt. Personen, die wegen des Stichtags länger die Schule besuchen mussten, erhielten später seltener eine Alzheimer- oder andere Demenzdiagnose als unmittelbar zuvor geborene Jahrgänge. In der Gesamtanalyse betrug der geschätzte Unterschied rund 0,2 Prozentpunkte.
Geringeres Risiko selbst bei hoher genetischer Vorbelastung
Zusätzlich bezog das Team zahlreiche genetische Risikovarianten ein, darunter das für Alzheimer wichtige APOE-Gen. Dabei zeigte sich ein bemerkenswerter Befund: Eine längere Schulpflicht verringerte die Häufigkeit von Demenzdiagnosen selbst bei Menschen mit der höchsten erblichen Anfälligkeit.
Die Untersuchung macht deutlich, dass eine erbliche Veranlagung kein unabwendbares Schicksal darstellt.
Ungeklärte Mechanismen und der Blick auf künftige Beobachtungsjahre
Wie genau die längere Schulzeit das Demenzrisiko senkt, bleibt wissenschaftlich noch offen. Die zusätzlich absolvierte Schulzeit war in der Untersuchung auch mit einem höheren späteren Haushaltseinkommen und weniger Schlaganfällen und Herzinfarkten verbunden.
Welcher Mechanismus im Einzelnen ausschlaggebend ist, lässt sich aus den Daten nicht ablesen. Auch der genaue quantitative Schutzeffekt lässt sich noch nicht beziffern. Die Studienteilnehmer erhielten ihre Diagnosen bis zum Alter von 65 Jahren, wodurch die untersuchte Gruppe noch vergleichsweise jung war.
Silvia Helena Barcellos betont daher die Bedeutung des Befundes: Es gibt nur wenige Möglichkeiten zur Vorbeugung, weshalb bereits eine einzige Maßnahme einen großen Unterschied ausmachen kann.
Die Untersuchung hat nicht direkt gemessen, ob Nervenzellen oder Hirnstrukturen durch den zusätzlichen Schulbesuch länger erhalten bleiben. Nachgewiesen wurde vielmehr ein messbarer Unterschied in den bis zum Alter von ungefähr 65 Jahren erfassten Diagnosen. Investitionen in die Bildung, die Jahrzehnte vor dem Auftreten erster Symptome erfolgen, entfalten demnach langfristige Wirkungen auf die spätere Gehirngesundheit.