Menschliche Jäger- und Sammlergesellschaften schliefen im Durchschnitt nicht länger als moderne Menschen. Das zeigt eine vergleichende Auswertung bestehender Daten von Naturvölkern, die der Neurowissenschaftler Randy Nelson mit einem internationalen Team vorstellte. Die Forschung widerlegt damit die verbreitete Annahme, dass der Mensch von Natur aus acht bis neun Stunden Schlaf benötigt.
Der vermeintlich neuzeitliche Schlafmangel erweist sich bei genauerem Hinsehen als Mythos. In einer umfangreichen Übersichtsarbeit untersuchte ein internationales Forschungsteam um den Neurowissenschaftler Randy Nelson von der West Virginia University die Schlafgewohnheiten von drei modernen Jäger- und Sammlergesellschaften. Die Daten zeigen, dass die Hadza in Tansania, die San im südlichen Afrika und die Tsimane in Bolivien im Schnitt lediglich viereinhalb bis sieben Stunden pro Nacht zur Ruhe kommen.
Diese Gruppen leben weitgehend ohne elektrisches Licht und richten ihren Alltag nach dem natürlichen Hell-Dunkel-Zyklus aus. Deshalb gelten sie in der Schlafforschung als wichtiges Fenster in die Lebensweise der Menschheit vor der Industrialisierung. Das überraschende Ergebnis der Datenauswertung rückte bisherige Annahmen über den angeblichen artgerechten Schlaf von Homo sapiens gerade.
Jäger- und Sammlervölker im Schlaftest
Die Schlafdauer der drei untersuchten Naturvölker deckt sich erstaunlich stark mit den Gewohnheiten in modernen Industrieländern. Erstautor Gandhi Yetish von der University of New Mexico in Albuquerque weist darauf hin, dass die Vorstellung einer universellen Acht-Stunden-Nacht ohne moderne Technologie haltlos ist. Trotz unterschiedlicher Gene und Umweltbedingungen zeigen alle drei Gruppen konsistent kurze Schlafmuster.
Auch die These vom traditionellen Zweischlaf in der Nacht widerlegten die Daten. Historische Quellen, die bislang als Beleg für eine geteilte Nacht mit einer längeren Wachphase herangezogen wurden, lassen sich laut den Forschern unterschiedlich interpretieren. Ein festes, generationenübergreifendes Muster eines geteilten Schlafs gab es demnach nicht.
Ebenfalls als unbegründet erwies sich das Konzept des regelmäßigen Tagschlafs. Tagsüber ein Nickerchen einzulegen, ist bei den San, Hadza und Tsimane äußerst unüblich, weshalb das sogenannte Power-Napping kein überliefertes evolutionäres Erbe darstellt.
Abendliche Wachphasen und der Wecker der Natur
Entgegen der Annahme, unsere Vorfahren seien mit dem Sonnenuntergang schlafen gegangen, blieben die Menschen in den beobachteten Jäger- und Sammlergemeinschaften am Abend durchschnittlich gut drei Stunden nach Einbruch der Dunkelheit wach. Das späte Aufbleiben stellt demnach keine moderne Fehlentwicklung dar.
Als natürlicher Wecker dient den Gruppen stattdessen die Temperatur. Die San, Hadza und Tsimane erwachten regelmäßig dann, wenn die über Nacht abgekühlte Luft ihren kältesten Punkt kurz vor Sonnenaufgang erreichte. Dieser Rhythmus sicherte ihnen gleichzeitig reichlich Morgenlicht, das als entscheidender Taktgeber für die innere Uhr fungiert.
Künstliches Licht und der späte Rhythmus heute
Worin sich der Schlaf von Menschen in industrialisierten Staaten von dem früherer Gesellschaften unterscheidet, ist nicht die Dauer, sondern der genaue Zeitpunkt und die Regelmäßigkeit. Während die untersuchten Naturvölker im Einklang mit dem natürlichen Licht aufwachen, verschieben Bildschirme, Smartphones und Energiesparlampen den Schlafrhythmus im modernen Alltag nach hinten.
Das blaue Licht am Abend hemmt die Ausschüttung des Schlafhormons Melatonin. Nelson betont, dass die biologischen Rhythmen des Körpers durch den heutigen Lebensstil anhaltend gestört werden. Ein dauerhaft beeinträchtigter Schlafrhythmus erhöht das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und schwächt das Immunsystem.
Soziale Unterschiede beim gesunden Schlaf
Neben den biologischen Faktoren rückt die Forschung auch die sozialen Rahmenbedingungen von Schlafproblemen in den Fokus. Während moderne Industriegesellschaften unter einer hohen Rate an Schlafstörungen leiden und in vielen industrialisierten Staaten bis zu 20 Prozent der Bevölkerung betroffen sind, ist Schlaflosigkeit in den untersuchten Jäger- und Sammlervölkern völlig unbekannt.

In den modernen Städten hängt die Schlafqualität zunehmend vom sozialen Status ab. Lärm, Hitze und nächtliche Lichtverschmutzung belasten ärmere Bevölkerungsschichten deutlich stärker als wohlhabende Gruppen. Nelson warnt, dass durch die fortschreitende Klimaerwärmung steigende Temperaturen das Einschlafen zusätzlich erschweren und wer sich keine Kühlmöglichkeiten leisten kann, in Zukunft noch schlechter schlafen wird.
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