Ein neues Energieprojekt namens Sila Atlantik plant, Solar- und Windstrom aus Marokko über eine 4800 Kilometer lange Unterseeleitung bis nach Deutschland zu leiten. Das rund 40 Milliarden Euro schwere Vorhaben knüpft an die historische Desertec-Vision an und soll voraussichtlich in den 2030er-Jahren in Betrieb gehen.
Die Idee, große Energiemengen aus den Wüsten Afrikas nach Europa zu transportieren, gilt als Jahrzehnte alt und musste in der Vergangenheit Rückschläge hinnehmen. Nun unternimmt ein deutsch-marokkanisches Entwicklungsteam einen neuen Anlauf. Im Süden des nordafrikanischen Staates, nahe dem kleinen Dorf Msied am Rande der Sahara, soll nach den Plänen der Gesellschaft Sila Atlantik eines der größten Infrastrukturvorhaben entstehen, die Europa jemals vorgesehen hat. Auf einer Fläche von 1500 Quadratkilometern – was mehr als der dreifachen Größe von Wien entspricht – sind Wind- und Solarparks mit einer Leistung von insgesamt 15 Gigawatt sowie umfangreiche Batteriespeicher geplant.
Technische Dimensionen und geplante Finanzierung des Wüstenstrom-Projekts
Das technische Herzstück des Vorhabens besteht aus zwei Gleichstromkabeln, die den Strom über eine Distanz von 4800 Kilometern auf dem Meeresboden transportieren sollen. Zusammen sollen die Leitungen eine Übertragungsleistung von 3,6 Gigawatt erreichen. Die Gesamtkosten des Projekts veranschlagen die Planer auf etwa 40 Milliarden Euro. Thies Clausen leitet bei Sila Atlantik den Bereich Politik und Kommunikation und betont die strategische Bedeutung des Vorhabens, um Erzeugungszentren über große Distanzen zu verknüpfen. Finanziell und strategisch wird das Projekt neben den Initiatoren auch von deutschen Energiekonzernen getragen.
Der Zeitplan sieht vor, dass das erste der beiden Kabel Mitte der 2030er-Jahre Strom nach Deutschland liefert. Die Inbetriebnahme des zweiten Strangs ist für die Zeit um 2038 vorgesehen – genau in jenem Jahr, in dem in Deutschland das letzte Kohlekraftwerk vom Netz gehen soll. Im Vergleich zu heimischen Solaranlagen, die im Jahresmittel nur auf etwa 1000 Volllaststunden kommen, soll die Kombination aus marokkanischer Sonneneinstrahlung, Windkraft und Batteriespeichern rund 7000 Volllaststunden erreichen. Damit könnte die Anlage eine Verlässlichkeit aufweisen, die sonst nur von Atom- oder Kohlekraftwerken bekannt ist.
Parallelen und Lehren aus dem gescheiterten Desertec-Vorhaben
Bereits vor zwanzig Jahren versuchte die Industrieinitiative Desertec, Europa mit sauberem Strom aus der Sahara zu versorgen, scheiterte jedoch an internen Streitigkeiten, dem Ausstieg zahlreicher Unternehmen und den damals enorm hohen Kosten für solarthermische Kraftwerke. Ein weiterer Versuch folgte im Jahr 2021 durch das britische Unternehmen Xlinks, das marokkanischen Strom nach Großbritannien leiten wollte. Dieses Vorhaben scheiterte schließlich daran, dass die britische Regierung eine langfristige Preisgarantie über 25 Jahre verweigerte.
Die Initiatoren von Sila Atlantik sehen die Voraussetzungen heute deutlich günstiger. Photovoltaik und Windenergie sind in den vergangenen Jahren massiv im Preis gesunken, und auch Batteriespeicher sind wirtschaftlicher geworden. Zudem hat die durch geopolitische Konflikte schmerzlich bewusst gewordene Energieabhängigkeit Europas das Interesse an diversifizierten Bezugsquellen gesteigert. Um den früheren Vorwurf einer einseitigen Ausbeutung afrikanischer Ressourcen zu vermeiden, betont Thies Clausen laut den Berichten, dass das Projekt als Vorhaben auf Augenhöhe im intensiven Austausch mit marokkanischen Akteuren entstehen soll.
Politische Verhandlungen und die Einbindung des Mittelmeerraums
Inzwischen fordert Rabat mehr, da die Regierung ein offizielles Regierungsabkommen mit Garantien aus Berlin forderte und zudem verlangte, dass Strom in beide Richtungen fließen können muss.
Ähnliche Verbindungen sind mit dem Kabel Elmed zwischen dem tunesischen Kap Bon und Sizilien ab 2028, dem Projekt Gregy zwischen Ägypten und Athen sowie einer Leitung zwischen Israel, Zypern und Griechenland im Bau oder in der Planung. An der Straße von Gibraltar zeigt sich bereits, wie ein solches Netz in der Praxis funktioniert: Spanien und Marokko tauschen je nach aktueller Marktlage und Erzeugungskapazität Strom in beide Richtungen aus.
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