Scott Pelley wurde am Dienstagabend von CBS News gefeuert, nachdem er in einer hitzigen Personalsitzung mit dem neuen Executive Producer Nick Bilton und Chefredakteurin Bari Weiss kollidiert war. Der langjährige Korrespondent von 60 Minutes wirft der Führung nun vor, das Personal mit Lügen zu täuschen, während die Netzwerkspitze von Insubordination spricht.
Es ist ein Beben in den Grundfesten des US-amerikanischen Qualitätsjournalismus. Dass Scott Pelley, eine Institution des Fernsehens, so abrupt und unter derart explosiven Umständen aus dem prestigeträchtigsten Programm von CBS ausscheidet, ist mehr als nur ein Personalstreit. Es ist das Symptom einer tiefgreifenden Identitätskrise bei einem Sender, der gerade versucht, seine DNA unter neuer Führung und neuen Eigentümern neu zu definieren.
Die Eskalation: „Sie ermordet 60 Minutes“
cluster (priority): NPR
Der Bruch vollzog sich nicht schleichend, sondern in einem Moment extremer Aggression. Am Montagmorning kam es zu einer Personalsitzung, die laut Insiderberichten schnell außer Kontrolle geriet. Im Zentrum stand der neue Executive Producer Nick Bilton, ein ehemaliger Tech-Reporter der New York Times und Investigativjournalist von Vanity Fair. The Guardian bestätigte, dass Pelley in diesem Treffen frontal gegen die Strategie der neuen Chefredakteurin Bari Weiss wetterte, die im Oktober an die Spitze des Netzwerks getreten war.
Als Bilton suggerierte, dass Weiss die Institution liebe, konterte Pelley mit einer Bitterkeit, die in den heiligen Hallen von 60 Minutes beispiellos ist. Er warf ihr vor, das Programm gezielt zu zerstören.
„Sie ermordet ‘60 Minutes’. Sie liebt diesen Ort nicht. Sie wurde geholt, um ihn zu töten, und genau das tut sie.“
Scott Pelley, Korrespondent bei CBS News
Pelley griff dabei nicht nur die Vision von Weiss an, sondern hinterfragte offen die Qualifikationen von Bilton für seine neue Rolle. Für die Netzwerkführung war dies der Punkt, an dem aus einer journalistischen Differenz eine unentschuldbare Insubordination wurde.
Das Kündigungsschreiben und der Vorwurf der Ungebührlichkeit
cluster (priority): The Washington Post
Die Reaktion der Führung folgte mit chirurgischer Härte. Am Dienstagabend erhielt Pelley eine Nachricht von Bilton, in der er die sofortige Beendigung des Arbeitsverhältnisses mitteilte. Das Kündigungsschreiben lässt keinen Raum für Interpretationen: Pelley wurde mit sofortiger Wirkung aus wichtigem Grund entlassen.
Bilton beschuldigte Pelley darin, das erste Treffen mit der Belegschaft „gekapert“ zu haben, um ihn und seine Absichten mit bemerkenswerter Unhöflichkeit und Verachtung herabzusetzen. Aus Sicht der Führung war Pelleys Verhalten nicht mehr mit der professionellen Führung des Programms vereinbar. Pelley hingegen sieht sich als Verteidiger der journalistischen Integrität und der DNA der Sendung, die er seit 2004 prägte.
Der Vorwurf der Heuchelei: „Disingenuous“
Warum Scott Pelley von „60 Minutes“ Bari Weiss beschuldigt, die CBS-Nachrichtensendung zu „ermord…
Die Geschichte nahm am Mittwoch eine neue Wendung, als Bari Weiss in einer Telefonkonferenz mit dem Personal versuchte, die Lage zu beruhigen. Weiss behauptete, man habe versucht, das Gespräch mit Scott Pelley zu suchen und einen Weg zurück zu finden, was jedoch gescheitert sei. Sie betonte, man habe nicht gewollt, dass es zur Entlassung kommt, aber Pelley habe diesen Weg selbst gewählt.
Pelley reagierte prompt und nannte diese Darstellung in einer Antwort an Medienvertreter unaufrichtig. Laut Forbes wirft er Weiss und dem Präsidenten des Netzwerks, Tom Cibrowski, vor, von Anfang an offen feindselig gewesen zu sein. Pelley behauptet, dass die Aussicht auf seine Entlassung bereits in den ersten 15 Sekunden eines Treffens am Dienstag zur Sprache kam und dass die Führung ihn etwa zehn Minuten lang blockiert habe, anstatt seine Fragen zu den jüngsten Entlassungen im Team zu beantworten.
„Diese Führungskräfte können das Vertrauen der Belegschaft nicht mit Lügen gewinnen. Das ist gegenteilig zu allem, wofür wir stehen, und offenbart eine Verachtung für das, was Journalisten tun.“
Scott Pelley, ehemaliger Korrespondent bei CBS News
Während Cibrowski Pelley noch als integralen Bestandteil des Netzwerks pries und einräumte, dass die Veränderungen viel zu verarbeiten seien, ist das Vertrauensverhältnis zwischen dem Star-Journalisten und der neuen Führung endgültig zerstört.
Ein „Blutbad“ in der Redaktion
cluster (priority): news.google.com
Pelleys Sturz ist kein isoliertes Ereignis, sondern der Höhepunkt einer beispiellosen Säuberungswelle bei 60 Minutes. In den letzten Wochen wurde das Programm systematisch entkernt. Die Liste der Abgänge liest sich wie ein Who-is-Who des CBS-Journalismus:
Tanya Simon: Die langjährige Executive Producerin wurde entlassen.
Cecilia Vega & Sharyn Alfonsi: Zwei prominente Korrespondentinnen wurden ohne spezifische Begründung gefeuert.
Anderson Cooper: Verließ die Sendung bereits im letzten Monat aus Sorge über die Richtung der Berichterstattung.
Drei Top-Produzenten: Ebenfalls im Zuge der Neuausrichtung entlassen.
Das Ergebnis ist eine fast leere Bühne. Von dem einst hochkarätigen Ensemble sind nur noch drei Vollzeit-Korrespondenten übrig: Lesley Stahl, Bill Whitaker und Jon Wertheim. Berichten zufolge prüfen diese nun, ob sie ebenfalls zurücktreten sollen. Die Sendung, die kurz vor dem Start ihrer 59. Staffel steht, wird nun verstärkt auf Korrespondenten aus dem gesamten Netzwerk zurückgreifen müssen.
Die politische Dimension: Die Ellison-Ära
Um zu verstehen, warum 60 Minutes gerade jetzt in diesen Aufruhr gerät, muss man den Blick auf die Eigentümer werfen. NPR analysiert die Situation als Teil eines größeren Kampfes um die Medienkontrolle in der Trump-Ära. Die Milliardärsfamilie Ellison – Larry und David Ellison – kaufte Paramount, die Muttergesellschaft von CBS, im letzten Sommer.
Die Ellisons haben ihre Geschäftsinteressen eng mit den politischen Interessen von Präsident Trump verknüpft. Neben CBS kontrollieren sie nun die US-Operationen von TikTok und streben die Übernahme von Warner Bros. Discovery an, dem Mutterkonzern von CNN. In diesem Kontext wirkt die Installation von Bari Weiss, einer bekannten Meinungsmacherin, als Chefredakteurin wie ein strategischer Schachzug, um die redaktionelle Ausrichtung von CBS News grundlegend zu verschieben.
Was Scott Pelley als „Mord“ an der Sendung bezeichnet, sehen die neuen Eigentümer vermutlich als notwendige Modernisierung oder ideologische Neuausrichtung. Für die Zuschauer bleibt die Frage, ob 60 Minutes seine Rolle als unabhängige Instanz des investigativen Journalismus überleben kann, wenn die Grenze zwischen Eigentümern, politischer Macht und redaktioneller Freiheit so stark verschwimmt.
Sophie Krueger leitet das Unterhaltungsressort von Germanic Nachrichten. Ihr Schwerpunkt liegt auf Film, Streaming, Popkultur und prominenten Entwicklungen mit redaktioneller Einordnung und sauberer Quellenlage.
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