Ein neues Schweizer Atomkraftwerk könnte nach Berechnungen der Akademien der Wissenschaften bis zu 43 Milliarden Franken kosten. ETH- und EPFL-Forschende kritisieren diese Schätzung nun scharf als methodisch schwach und intransparent. Im kommenden Februar entscheidet das Stimmvolk über die Aufhebung des Neubauverbots, während die tatsächlichen Finanzfragen für den Bau neuer Reaktoren weiter offen bleiben.
Die Debatte um die Zukunft der Kernenergie in der Schweiz hat eine neue Schärfe erreicht. Nachdem das Parlament im Juni nach einer stundenlangen Debatte und mehreren Abstimmungen beschlossen hatte, das jahrzehntelange Neubauverbot für Atomkraftwerke aufzuheben, entzündet sich der Streit nun an den voraussichtlichen Kosten. Im Zentrum der Kritik steht ein Bericht der Akademien der Wissenschaften, der im Auftrag der Finanzkommission des Nationalrats erarbeitet wurde.
Während diese Studie die Kosten für eine künftige Anlage auf etwa 15 Milliarden Franken beziffert, warnt das Dokument im schlechtesten Szenario vor Gesamtkosten von bis zu 43 Milliarden Franken. Diese enorme Summe treibt Kritiker auf die Barrikaden und wirft grundlegende Fragen zur wirtschaftlichen Machbarkeit auf.
Kritik aus der Forschung an der 43-Milliarden-Schätzung der Akademien
Sieben Wissenschaftler der ETH Zürich, der EPFL Lausanne und des Paul-Scherrer-Instituts (PSI) greifen die Berechnungen in einem gemeinsamen Brief heftig an. Das Dokument liegt der «NZZ am Sonntag» vor und wirft den Autoren der Studie irreführende Arbeit
, fehlende Transparenz
, erhebliche methodische Schwächen
und nicht nachvollziehbare Annahmen
vor.
Ein zentraler Kritikpunkt der Forscher betrifft die mangelnde Nachvollziehbarkeit der Zahlen. Aus dem Bericht gehe nicht hervor, wie genau die Beträge ermittelt wurden. Zudem sei die Arbeit vor der Veröffentlichung nicht unabhängigen Fachexperten zur Gegenprüfung vorgelegt worden. Ein nicht namentlich genannter Forscher aus dem Umfeld von ETH und EPFL kritisierte gegenüber der «NZZ am Sonntag», dass das Papier zwar wie Spitzenwissenschaft daherkomme, ein solcher Ansatz jedoch in keinem Fachjournal eine Annahme finden würde.
Urs Neu verteidigt das Vorgehen und verweist auf erhebliche Unsicherheiten
Urs Neu, der Autor der kritisierten Studie, weist die Vorwürfe zurück. Gegenüber der «NZZ am Sonntag» erklärte er, er habe für seinen Bericht hauptsächlich öffentlich bekannte und zugängliche Zahlen zusammengetragen. Sein Ziel sei es gewesen, die Botschaft zu verbreiten, dass beim Bau neuer Kernkraftwerke erhebliche Unsicherheiten
bestünden. Neu betonte, er habe bewusst auch ein zweites Szenario mit deutlich tieferen Kosten aufgezeigt.
In der aktuellen Diskussion stehen ganz unterschiedliche finanzielle Dimensionen im Raum. Die Studie der Akademien berücksichtigt neben den reinen Baukosten auch die Aufwendungen für die Kapitalbeschaffung. Ungeachtet dieser Faktoren halten die ETH und das Unternehmen Axpo unter günstigen Voraussetzungen auch Gesamtkosten von rund acht Milliarden Franken für durchaus machbar. Die klagenden Forscher betonen, dass sie selbst unter pessimistischen Annahmen niemals von einer Summe im Bereich von 43 Milliarden Franken ausgehen.
Politische Sensibilität und der Blick auf europäische Grossprojekte
Die finanzielle Debatte findet in einem hochsensiblen politischen Umfeld statt. Der Bundesrat will die im Jahr 2017 vom Volk beschlossene Interdiktabstimmung kippen, was den Weg für neue Projekte ebnen soll. Das Thema spaltete im Juni bereits die Eidgenössischen Räte, wo die Tür zum Atomsektor schliesslich geöffnet wurde. Gegen diesen Parlamentsbeschluss wurde jedoch ein Referendum ergriffen.

Aufgrund der anhaltenden Bedenken vieler Abgeordneter hat Bundesrat Albert Rösti zugesichert, dass das Bundesamt für Energie bis Ende des Jahres einen Bericht zur Finanzierbarkeit neuer Anlagen vorlegt. Das letzte Wort hat am Ende ohnehin die Bevölkerung: Ende Februar stimmt das Schweizer Volk über den AKW-Neubau ab, wobei der Kostenfaktor eine zentrale Rolle spielen dürfte.
Ein Blick ins europäische Ausland verdeutlicht die realen wirtschaftlichen Risiken solcher Vorhaben. Jüngste Nuklearprojekte in Europa litten massiv unter Terminüberschreitungen und explodierenden Budgets. Als drastisches Beispiel dient das französische Kraftwerk Flamanville 3: Ursprünglich waren dafür Baukosten von 3,3 Milliarden Euro bei einer fünfjährigen Bauzeit vorgesehen. Bis zur tatsächlichen Inbetriebnahme vergingen jedoch 14 zusätzliche Jahre, während sich die Gesamtkosten um weitere 20,4 Milliarden Euro erhöhten.
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