Die Generalkonferenz für Maß und Gewicht entscheidet über das mögliche Aus der Schaltsekunde ab Mai 2027. Grund für die Reform ist eine jüngst messbare Beschleunigung der Erdrotation, die weltweit IT-Infrastrukturen und Rechenzentren vor ungetestete Risiken stellt.
Die Zeitmessung steht vor einer fundamentalen Umstellung. Zwischen dem 13. und 15. Oktober 2026 berät die Generalkonferenz für Maß und Gewicht (CGPM) im französischen Versailles über die Abschaffung der Schaltsekunde. Die finale Bestätigung des Gremiums soll am 15. Oktober erfolgen. Damit könnte das seit Jahrzehnten praktizierte Verfahren zur Synchronisation unserer Uhren bald der Vergangenheit angehören.
Hintergrund der Debatte ist das Zusammenspiel zweier unterschiedlicher Zeitskalen. Die Koordinierte Weltzeit (UTC) basiert auf der extrem konstanten Messung von Atomuhren. Die astronomische Zeit (UT1) richtet sich hingegen nach der Erdrotation, deren Geschwindigkeit durch Wind, Meeresströmungen, Gezeitenkräfte und den Drehimpuls zwischen Erdkern und Erdmantel ständigen Schwankungen unterliegt.

Warum die Erdrotation beschleunigt und das System unter Druck gerät
Über Jahrtausende hinweg wurde die Erdrotation durch die Gezeitenkräfte von Mond und Sonne gebremst. Doch in den vergangenen Jahren hat sich die Erdrotation laut CGPM leicht beschleunigt. Der Astronom Daniel Gambis deutet im Pariser Institut des International Earth Rotation Service
(IERS) auf zwei astronomische Uhren, mit denen sich Aussagen über die Bewegung von Himmelskörpern machen lassen.
Zuletzt wurde Ende 2016 eine Schaltsekunde eingefügt. Die zusätzliche Sekunde wurde in der Vergangenheit entweder am Ende des 30. Juni oder des 31. Dezember eingeschoben, wodurch diese eine Minute dann 61 statt der üblichen 60 Sekunden hatte.
Klimafaktoren dämpfen den Prozess zwar zeitweise. Dieser Effekt verzögert das Eintreten einer negativen Schaltsekunde, hebt das Grundproblem aber nicht auf. Dennoch halten es Experten für durchaus denkbar, dass es erstmals erforderlich wird, eine Sekunde zu streichen anstatt hinzuzufügen, um UT1 und UTC wieder in Einklang zu bringen.
Welche Risiken drohen durch eine negative Schaltsekunde in Rechenzentren
Durch die Beschleunigung steigt der CGPM zufolge die Wahrscheinlichkeit, dass eine solche Minus-Schaltsekunde in den nächsten Jahren notwendig würde. Ein solcher Wegfall ist historisch beispiellos, und es bleibt völlig offen, ob sich die Sekundenkürzung ohne Zwischenfälle durchführen lässt. Eine negative Schaltsekunde wäre ein ungetestetes Szenario mit unbekanntem Schadenspotenzial. Zahlreiche Betriebssysteme und Anwendungen gehen architektonisch davon aus, dass Schaltsekunden ausschließlich positiv sind, also hinzugefügt werden, während ein Abzug von einer Sekunde in diesen Systemen schlicht nicht vorgesehen ist.
Für Menschen bleibt sie meist unbemerkt, in Computersystemen kann sie jedoch Störungen verursachen. Auch kritische Infrastruktur wie Energieversorgung, Telekommunikation oder Verkehr brauchen laut Generalkonferenz CGPM eine konstante Zeit ohne Anpassungen.
Systeme, die auf dem Network Time Protocol (NTP) basieren, reagieren auf Schaltsekunden je nach Konfiguration unterschiedlich, wobei ältere Implementierungen mit einem negativen Zeitsprung nicht umgehen können und das besonders für Maschinen gilt, die seit Jahren ohne Update im Betrieb laufen. Zeitstempel steuern Prozessleitsysteme, sichern Transaktionsprotokolle und sind die Grundlage für Audit-Trails in regulierten Branchen.
Der Zeitplan für die Reform und die geplante Umstellung bis 2027
Die Industrie befürchtet der CGPM zufolge erhebliche technische Vorbereitungen und zusätzliche Kosten. Um Risiken vorzubeugen, soll die Schaltsekunde deshalb rasch ganz abgeschafft werden – nach bisherigem Vorschlag zum 20. Mai 2027.
Google und Meta setzen bereits auf eine Methode namens „Leap Smearing“. Dabei wird die betreffende Sekunde nicht schlagartig eingefügt oder entfernt, stattdessen verteilen die Systeme die Zeitdifferenz auf 24 Stunden, indem jede einzelne Sekunde des Tages um einen Bruchteil einer Mikrosekunde gestreckt oder gestaucht wird, wobei Meta dieses Verfahren nach dem Ausfall 2012 einführte. Der Ansatz funktioniert intern, schafft aber ein neues Problem: Unterschiedliche Betreiber setzen unterschiedliche Implementierungen ein, was zu minimalen Zeitabweichungen zwischen Systemen führt, die eigentlich synchron laufen sollen.”
Wird die Schaltsekunde abgeschafft, werden sich UTC und UT1 nach und nach weiter voneinander entfernen, wodurch die Uhrzeit stärker vom Stand der Sonne am Himmel abweichen würde – für den Alltag wäre das aber noch für lange Zeit bedeutungslos. Abgesehen davon weicht die offizielle Uhrzeit aufgrund von Zeitzonenbreiten, geografischen Koordinaten und der Sommerzeit ohnehin bereits im Alltag von der realen Sonnenzeit ab. Vor allem Fachleute, die beruflich mit astronomischen Messungen oder der Erdvermessung beziehungsweise Geodäsie betraut sind, könnten von der Modifikation betroffen sein. In der industriellen IT gilt derweil: Eine präzise und verlässliche Zeitbasis ist kein Randbereich der IT-Administration, sondern ein essenzieller Stabilitätspfeiler für den laufenden Betrieb – und während der Beschluss im Oktober 2026 in Versailles das Problem nicht ad hoc löst, schafft er völlig neue institutionelle Leitplanken.