Russische Drohnen- und Raketenangriffe auf die Ukraine haben im viereinhalbjährigen Krieg nach Behördenangaben mindestens 22 Menschenleben gefordert. Besonders schwer traf es ein belebtes Einkaufszentrum in Krywyj Rih sowie Wohngebiete in Charkiw und Mykolajiw, während in Russland und der Ukraine grenzüberschreitende Gegenangriffe die Infrastruktur trafen.
Tödlicher Doppelangriff auf das Einkaufszentrum in Krywyj Rih
Bei Luftangriffen auf die südostukrainische Großstadt Krywyj Rih sind nach offiziellen Berichten mindestens 16 Menschen getötet worden. Der Militärgouverneur des Gebiets Dnipropetrowsk, Olexander Hanscha, berichtete am Abend auf Telegram von massiven Zerstörungen in der Heimatstadt von Präsident Wolodymyr Selenskyj, die rund 350 Kilometer südöstlich der Hauptstadt Kiew liegt. Mehrere Geschäfte in einem belebten Einkaufszentrum gerieten nach den Einschlägen in Brand.
Den Angaben zufolge setzte das russische Militär eine Taktik ein, bei der kurz nach dem ersten Einschlag eine zweite Drohne folgte. Diese zweite Attacke traf das Gebäude rund eine halbe Stunde später und galt nach Darstellung der ukrainischen Führung gezielt den eintreffenden Rettungskräften. Präsident Wolodymyr Selenskyj verurteilte das Vorgehen in seiner Heimatstadt als absolut zynisch und verabscheuungswürdig und forderte die internationale Gemeinschaft zu konsequentem Handeln auf.
„Solche Angriffe sind schlichtweg Terrorakte. Die Welt muss entsprechend darauf reagieren – mit echtem Druck auf den Aggressor. Damit Frieden herrschen kann, muss Russland tatsächlich zur Verantwortung gezogen werden.“
Wolodymyr Selenskyj, Präsident der Ukraine, via ORF
Zu den Verletztenzahlen in Krywyj Rih nannten die Behörden unterschiedliche Angaben aus ersten Meldungen: Während Berichte von mindestens 130 Verletzten, darunter 22 Kinder, sprachen, registrierten spätere offizielle Bilanzen 103 Verletzte, von denen 27 in einem ernsten Zustand ins Krankenhaus eingeliefert wurden. Neun weitere Personen galten nach den Rettungsarbeiten zunächst als vermisst.
Opfer in Charkiw und Beschädigung des Grenzübergangs zu Moldau
Die Angriffe erstreckten sich über mehrere Regionen des Landes. In der ostukrainischen Grenzregion Charkiw kamen nach Angaben des Militärgouverneurs Oleh Synjehubow zwei Frauen im Alter von 66 und 73 Jahren bei einem Drohnenangriff auf das Dorf Lebjaschje ums Leben. Bei derselben Attacke mit sechs Drohnen wurden fünf Wohnhäuser in Brand gesetzt, drei weitere vollständig zerstört und zahlreiche Gebäude beschädigt. Zwei weitere Menschen erlitten Verletzungen.
In der Region Mykolajiw starben amtlichen Medien zufolge mindestens vier Menschen, darunter drei Kinder; eine weitere Frau wurde verletzt. In der südukrainischen Region Odessa traf ein nächtlicher Drohnenangriff den Grenzübergang Tabaky an der Grenze zu Moldau. Der Passagier- und Fahrzeugverkehr an diesem Kontrollpunkt wurde daraufhin vorübergehend eingestellt und auf alternative Übergänge umgeleitet, wie der ukrainische Grenzschutz mitteilte. Die Behörden in Moldau wurden über den Vorfall unterrichtet.
Ukrainische Gegenschläge und Schäden im russischen Hinterland
Die ukrainische Flugabwehr verzeichnete insgesamt 135 eingesetzte russische Drohnen, von denen nach eigenen Angaben 107 abgefangen wurden. Gleichzeitig dehnte Kiew seine Gegenschläge mit Hunderten Drohnen auf das russische Staatsgebiet aus. Die russische Luftabwehr meldete den Abschuss von 325 ukrainischen Drohnen, während in Moskau mehrere Flughäfen wegen Luftalarms vorübergehend ihren Betrieb einstellen mussten.

In der mehr als 1.000 Kilometer Luftlinie von Moskau entfernten Region Perm im russischen Hinterland geriet nach Medienberichten eine Ölraffinerie nach einem Einschlag in Brand. Präsident Selenskyj bestätigte den Angriff auf die über 1.600 Kilometer von der Grenze entfernte Raffinerie sowie auf weitere Ziele. Kremlchef Wladimir Putin räumte bei einer Sitzung des Rats für strategische Entwicklung und nationale Projekte ein, dass die ukrainischen Drohnenangriffe Schaden anrichten, bewertete sie jedoch als wirtschaftlich verkraftbar.
„Logistik- und Lagerkapazitäten müssen wiederhergestellt werden – auch unter Beteiligung des Staats.“
Wladimir Putin, Kremlchef, via Handelsblatt
Putin bezifferte das erwartete Wirtschaftswachstum des Landes für das Jahr 2026 auf etwa ein Prozent und wies die Regierung an, ein Programm zum Wiederaufbau beschädigter Industrie- und Infrastrukturobjekte aufzusetzen. Ungeachtet dieser Angriffe meldete das Verteidigungsministerium in Moskau die Einnahme des Dorfes Selene in der Donezker Region durch russische Truppen.
Diplomatische Positionen und Forderungen an die USA
Vor dem Hintergrund des seit viereinhalb Jahren andauernden Krieges äußerte sich die Führung in Moskau zu den Bedingungen für eine mögliche Beilegung des Konflikts. Der stellvertretende russische Außenminister Sergej Rjabkow erklärte, dass vor allem die USA in der Pflicht seien, da es auf den Einfluss Washingtons auf Kiew und die europäischen Verbündeten ankomme. Zwar zeigten sich die Vereinigten Staaten offen für einen konstruktiven Dialog, doch müssten künftige Vorschläge zur Einigung die tatsächlichen Verhältnisse vor Ort berücksichtigen.
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