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Gesundheit

Regierungsbericht warnt vor Über- und Fehldiagnosen bei ADHS und Autismus

Ein Regierungsbericht warnt vor einer zunehmenden Über- und Fehldiagnose von ADHS und Autismus in England. Zwar steigen die Fallzahlen drastisch an und treiben die Wartelisten auf über 560.000 Menschen, doch Experten befürchten eine Vermischung normaler menschlicher Verhaltensweisen mit behandlungsbedürftigen Erkrankungen und fordern strengere Kontrollen privater Kliniken.

Die Lücke zwischen bevölkerungsweiter Prävalenz und stark steigenden Anfragen

Die Veröffentlichung der umfangreichen Untersuchung lenkt den Blick auf eine bemerkenswerte Diskrepanz. Während die tatsächliche Häufigkeit von ADHS und Autismus in der Bevölkerung über die vergangenen Jahrzehnte weitgehend stabil geblieben ist, schießt die Zahl der Menschen, die Hilfe suchen, steil nach oben. Die amtliche Prävalenz — also die Inanspruchnahme von Diensten und Diagnosen — verzeichnet massive Zuwächse, wie unter anderem die Auswertung zu den offenen Überweisungen zeigt.

Aktuelle Schätzungen gehen davon aus, dass rund 3,8 Prozent der fünf- bis 15-Jährigen von ADHS und 1,2 Prozent der fünf- bis 19-Jährigen von Autismus betroffen sind. Für Erwachsene fehlen vergleichbare Daten weitgehend.

Am Ende des Jahres 2025 warteten mehr als 560.000 Menschen auf eine ADHS-Diagnose — eine Zahl, die das Niveau von 2019 um das Siebzehnfache übersteigt. Gleichzeitig verzeichneten die Behörden im Dezember des Vorjahres mehr als 254.000 offene Überweisungen im Bereich Autismus.

Regierungsbericht warnt vor Über- und Fehldiagnosen bei ADHS und Autismus
Foto: uk.news.yahoo.com

Die Risiken der Übermedikamentisierung und ungenauer Diagnosen

Die Autoren der Untersuchung warnen davor, dass eine ungenaue oder vorschnelle Feststellung der Erkrankungen massiven Schaden anrichten kann. Wenn gesunde, alltägliche Lebenserfahrungen zu medizinischen Problemen erklärt werden, drohe eine schleichende Übermedikamentisierung.

Die meisten Menschen sind manchmal unaufmerksam, ängstlich oder fühlen sich in sozialen Situationen unwohl. ADHS- oder autismusbedingte Züge zu haben bedeutet nicht zwangsläufig, dass eine diagnostizierbare Erkrankung vorliegt.

Autoren des Regierungsberichts, via Yahoo und LBC

In einigen Fällen könne ein Stempel wie ADHS oder Autismus auch Türen verschließen und dazu führen, dass sich Betroffene unnötig eingeschränkt fühlen, so der Bericht. Zudem bestehe die Gefahr, dass die eigentlichen Ursachen wie soziale Umweltfaktoren oder begleitende, andere Erkrankungen übersehen werden.

Der Bericht weist zudem darauf hin, dass Jugendliche mit einer ADHS-Diagnose ein statistisch viermal höheres Risiko aufweisen, außerhalb von Bildung, Arbeit oder Ausbildung zu landen.

Kritik an privaten Anbietern und Versprechen schärferer Regulierungen

Ein zentraler Kritikpunkt der Untersuchung richtet sich gegen die Rolle des privaten Sektors. Private Anbieter führen mittlerweile mehr als die Hälfte aller durch den National Health Service (NHS) finanzierten ADHS-Begutachtungen und ein Drittel der Autismus-Diagnosen durch. Die Kosten für private ADHS-Leistungen sind dabei um rund 252 Prozent gestiegen.

Regierungsbericht warnt vor Über- und Fehldiagnosen bei ADHS und Autismus
Foto: lbc.co.uk

Professor Sir Simon Wessely, der stellvertretende Vorsitzende des Gremiums, verwies auf den Druck, der von kommerziellen Anbietern ausgeht, die entsprechende Tests aktiv bewerben.

Die Regierung kündigte an, die Empfehlungen aufzugreifen. Gesundheitsministerin Yvette Cooper betonte die Bedeutung eines frühzeitigen Ansatzes, der junge Menschen gezielt unterstützt.

Professor Fonagys Bericht hat gezeigt, wie wichtig ein frühzeitiges Eingreifen bei psychischen und neuroentwicklungsspezifischen Erkrankungen ist und wie großes Leid diese verursachen können.

Gesundheitsministerin Yvette Cooper, via BBC

Verbände und Organisationen bewerteten die Veröffentlichung unterschiedlich. Mel Merritt von der National Autistic Society erklärte, der Bericht zeige, dass successive Regierungen autistische Menschen im Stich gelassen hätten, und fügte hinzu, das reale und weitverbreitete Leid erfordere dringend den Aufbau eines unterstützenden Systems. Abigail Ampofo von der Wohltätigkeitsorganisation YoungMinds betonte, dass sich junge Menschen jahrelang für ihre psychische Gesundheit beschuldigt gefühlt hätten, und äußerte die Hoffnung, dass die Untersuchung aufzeige, dass ihre Not nicht ihre eigene Schuld sei, sondern die Systeme versagen.

Der Verband der privaten Gesundheitsanbieter, das Independent Healthcare Providers Network, erklärte hingegen, man wolle eng mit der Regierung zusammenarbeiten, um zeitgerechte und qualitativ hochwertige Begutachtungen sicherzustellen.

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Dr. Lena Hartmann

Über den Autor

Dr. Lena Hartmann leitet das Gesundheitsressort von Germanic Nachrichten. Sie berichtet seit ueber zehn Jahren ueber Praevention, Medizinpolitik und digitale Gesundheit und legt besonderen Wert auf verstaendliche, quellenbasierte Einordnung.

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