Der Konflikt um die UPA-Benennung
Die diplomatische Krise zwischen Warschau und Kiew eskalierte nach einem Dekret vom 26. Mai. In diesem Dokument ordnete Präsident Selenskyj an, eine Einheit der ukrainischen Spezialoperationen nach der Ukrainischen Aufständischen Armee (UPA) zu benennen. Laut dem Dekret solle diese Maßnahme die historischen Traditionen des nationalen Militärs wiederherstellen und die Leistungen der Einheit bei der Verteidigung der territorialen Integrität der Ukraine würdigen.
Für Polen ist die UPA jedoch kein Symbol des nationalen Widerstands, sondern eine Organisation, die für Massenmorde an Polen in den 1940er und 1950er Jahren verantwortlich ist, insbesondere in den während des Zweiten Weltkriegs nazibesetzten Regionen Wolhynien und Ostgalizien. Die historische Last ist so schwerwiegend, dass das polnische Parlament die Verbrechen der UPA bereits im Jahr 2016 offiziell als Völkermord anerkannte.
„Für die Mehrheit der polnischen Gesellschaft bleibt die Ukrainische Aufständische Armee vor allem eine Formation, die für grausame Verbrechen gegen die Bürger der Republik Polen während des Zweiten Weltkriegs verantwortlich ist.“
Karol Nawrocki, Präsident von Polen, via BBC
Die ukrainische Sichtweise weicht davon ab. Kiew argumentiert, dass bewaffnete Formationen auf beiden Seiten – sowohl die UPA als auch polnische Untergrundkräfte – in Angriffe und Vergeltungsmaßnahmen verwickelt waren, die zu massiven zivilen Opfern auf beiden Seiten führten.
Die ukrainische Reaktion und die Rückgabe der Orden
Die Reaktion aus Kiew erfolgte unmittelbar und kollektiv. Selenskyj gab den Orden vom Weißen Adler, den er 2023 als Symbol der Freundschaft zwischen beiden Nationen erhalten hatte, am Samstag zurück. In einer Erklärung betonte er, dass die Auszeichnung nach der Entscheidung von Karol Nawrocki ihre ursprüngliche Bedeutung verloren habe.
„Die Ukraine wird weiterhin offen für alle bedeutungsvollen Formate der Interaktion mit Polen bleiben, um zu versuchen, Fehlinterpretationen der komplexen und schmerzhaften Seiten der Vergangenheit unserer Völker zu vermeiden und einen angemessenen Respekt für alle unschuldigen Opfer des 20. Jahrhunderts zu gewährleisten.“
Wolodymyr Selenskyj, Präsident der Ukraine, via dw.com
Es war nicht nur der Präsident, der protestierte. Eine Welle von Rückgaben hochrangiger ukrainischer Beamter folgte kurz darauf:
Budanov bezeichnete die Entscheidung Nawrockis in den sozialen Medien als ein „Geschenk an den Moskauer Aggressor“, der diese Spaltung gegen beide Länder ausnutzen werde.
Politische Spannungen und die Rolle Moskaus
Die politische Dimension dieses Streits reicht über die symbolische Ebene hinaus. Während Präsident Nawrocki betonte, dass die Entziehung der Ehre die militärische und defensive Unterstützung Polens für die Ukraine nicht beeinträchtigen werde, sehen andere polnische Politiker darin eine gefährliche Eskalation.
Der liberale Premierminister Donald Tusk, ein politischer Rivale Nawrockis, warnte davor, dass ein öffentlicher Konflikt über die Vergangenheit genau das Ergebnis liefert, das der Kreml anstrebt. Tusk gab zu bedenken, dass eine solche Zerrüttung „Putin erfreut und unsere Verbündeten schockiert“.
Auch Außenminister Andrii Sybiha bezeichnete den Schritt Warschaus am 3. Juni als „ein strategischer Fehler … der nur Moskau nützt“. Er forderte beide Seiten auf, die „emotionale Temperatur zu senken“ und die Aufarbeitung sensibler historischer Kapitel den professionellen Historikern zu überlassen.
Historisches Erbe und diplomatisches Risiko
Dieser Vorfall markiert einen herben Rückschlag für die Versöhnungsbemühungen, die zuletzt Fortschritte gezeigt hatten. Im Dezember fand ein Treffen der beiden Präsidenten in Warschau statt, bei dem insbesondere über die Exhumierung polnischer Opfer im ukrainischen Boden gesprochen wurde.
Die zeitliche Komponente verschärft die Situation. In der kommenden Woche ist Polen Gastgeber einer bedeutenden Veranstaltung zum Wiederaufbau der Ukraine nach dem Krieg, an der Selenskyj voraussichtlich teilnehmen wird. Die Frage, wie diese Begegnung unter dem Schatten der entzogenen Orden verlaufen wird, bleibt ungeklärt.
Die strategische Partnerschaft zwischen Polen und der Ukraine ist seit der russischen Invasion im Februar 2022 essenziell. Polen beherbergt Hunderttausende ukrainische Flüchtlinge und ist ein zentraler Knotenpunkt für Waffenlieferungen. Dennoch zeigt dieser Konflikt, dass die Geister des Zweiten Weltkriegs selbst in Zeiten existenzieller Bedrohungen die Gegenwart destabilisieren können. Wenn historische Narrative als politische Waffe eingesetzt werden, riskieren strategische Partner, die Einheit zu verlieren, die sie gegenüber Russland dringend benötigen.
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