Widerstand in Scheibbs und Gmünd gegen Schließungspläne

Eine inoffizielle Liste des Justizministeriums hat in Niederösterreich für Unruhe gesorgt. Laut einem Bericht des Kurier stehen die Bezirksgerichte in Scheibbs und Gmünd als potenzielle Schließungskandidaten im Fokus. Offizielle Absichtserklärungen des Ministeriums liegen für diese Standorte zwar nicht vor, doch die lokale Politik bereitet bereits Gegenmaßnahmen vor. In der Landtagssitzung wurde das Thema bereits in die Ausschüsse übermittelt, um eine Protestresolution zu verabschieden.
Der Widerstand speist sich aus der Sorge um die regionale Infrastruktur und die wirtschaftliche Attraktivität der Standorte.
„, sagt der Scheibbser Landtagsabgeordnete Anton Erber(ÖVP).Für Erber ist klar, dass ein Gericht auch zusätzliche Arbeitsplätze im Umfeld absichert.“
Anton Erber, Landtagsabgeordneter (ÖVP)
Auch auf kommunaler Ebene wächst der Unmut. David Pöcksteiner, der SPÖ-Bürgermeister von Scheibbs, kritisierte, dass die Informationen lediglich über Medienberichte und nicht über offizielle Kanäle flossen. Er sieht darin eine schleichende Schwächung des ländlichen Raums, wobei er auf die jüngste Verlegung einer Netz NÖ-Filiale von Scheibbs nach Amstetten verwies. Für die Gemeinderatssitzung am 1. Juli plant das Rathaus eine entsprechende Resolution.
„, sagt Pöcksteiner. Der ländliche Raum werde Schritt für Schritt geschwächt, beklagt er. Zuletzt habe erst Netz NÖ ihre Filiale von Scheibbs nach Amstetten verlegt. Im Scheibbser Rathaus wird überlegt, die Problematik in der nächsten Gemeinderatssitzung am 1. Juli zu thematisieren.“
David Pöcksteiner, Bürgermeister von Scheibbs
Die Historie der Justiz-Kürzungen in Niederösterreich

Die aktuelle Verunsicherung ist in Niederösterreich historisch begründet, da das Netz der Bezirksgerichte bereits in mehreren Wellen drastisch reduziert wurde. Die erste große Schließungswelle im Jahr 2002 reduzierte die Anzahl der Standorte österreichweit von 46 auf 32. In Niederösterreich betraf dies damals 13 von 46 Gerichten.
Die Konsolidierung setzte sich in den Folgejahren fort:
Diese Entwicklung hat dazu geführt, dass jede neue Diskussion über Schließungen in den betroffenen Regionen sofort als existenzielle Bedrohung für die bürgernahe Justiz wahrgenommen wird.
Sonderregelung für zweisprachige Gerichte in Kärnten
In Kärnten verfolgt das Justizministerium einen anderen Ansatz. Justizministerin Anna Sporrer (SPÖ) und Volksgruppenministerin Claudia Bauer (ÖVP) präsentierten eine Lösung für die drei zweisprachigen Standorte, die durch den Wegfall eines slowenischsprachigen Richters unter Druck geraten waren. Laut ORF Kärnten werden die Standorte nicht vollständig geschlossen, sondern zusammengelegt.
Die Neuregelung sieht folgende Zusammenlegungen vor:
Sporrer begründete diesen Schritt damit, dass für zwei der Standorte kein Nachfolger für den in Pension gehenden Richter gefunden wurde. Durch die Zusammenlegung soll eine Spezialisierung der Richter ermöglicht werden, sodass beispielsweise Straf- und Familienrecht nicht mehr von derselben Person bearbeitet werden müssen. Zudem sollen bei künftigen Ausschreibungen Personen bevorzugt werden, die Slowenisch beherrschen.
Kritik der slowenischen Volksgruppe an der Neuordnung

Trotz der Sonderregelung stößt der Entwurf auf Widerstand bei den Betroffenen. Marko Oraže, Generalsekretär des Rats der Kärntner Slowenen, sieht laut Die Presse systemische Mängel in der Planung. Ein Kernproblem sei, dass die Möglichkeit, die slowenische Sprache vor Gericht zu verwenden, an den Bezirk gebunden ist und nicht an die Staatsbürgerschaft oder die Zugehörigkeit zur Volksgruppe.
Dies führe zu absurden Situationen: Während St. Jakob im Rosenthal nun dem Gerichtsbezirk Klagenfurt zugeordnet wird und somit unter die Zweisprachigkeitsregelung fällt, bleibt die ebenfalls zweisprachige Gemeinde Rosegg dem Bezirk Villach zugeordnet und verliert diesen Zugang. Zudem wird kritisiert, dass die Gerichtstage in Eisenkappel und Bleiburg nur Slowenischsprachigen offenstehen, während Deutschsprachige nach Völkermarkt reisen müssen, was als Diskriminierung der Mehrheitsbevölkerung gewertet wird.
Ein weiteres zentrales Anliegen der Volksgruppenvertreter ist die Öffnung der zweisprachigen Gerichtsbarkeit für Bewohner von Klagenfurt, da in den letzten Jahrzehnten viele Angehörige der slowenischen Minderheit in die Landeshauptstadt gezogen sind. Hier gibt es bislang keine Einigung mit der Bundesregierung.
Einstimmiger Beschluss der Landeshauptleute in Innsbruck
Die Unruhe in den Regionen führte dazu, dass das Thema auf die Agenda der Landeshauptleutekonferenz in Innsbruck gesetzt wurde. Wie ORF Kärnten berichtet, beschlossen alle Landeshauptleute einstimmig einen Antrag zur „Wahrung eines flächendeckenden und bürgernahen Zugangs zur Justiz“.
Dieser Beschluss ist ein klares Signal an das Justizministerium, dass die Länder eine starke regionale Versorgung priorisieren. Die Landeshauptleute betonen damit, dass Gemeinden das Fundament der öffentlichen Versorgung bilden. Parallel zu den Justizfragen wurden in Innsbruck auch die Stabilisierung der Gemeindefinanzen sowie die Absicherung des Rettungs- und Krankentransportwesens thematisiert.
Während die Bundesregierung auf Kosteneinsparungen durch den Wegfall von Gebäudekosten setzt und betont, dass kein Personal abgebaut wird, bleibt die politische Front zwischen den Ländern und dem Bund insbesondere bei der Umsetzung der Strukturreform gespannt. Die kommenden Wochen werden zeigen, ob die Protestresolutionen aus Niederösterreich und die Forderungen der Landeshauptleute die Liste der 13 gefährdeten Standorte verändern können.
Find more reporting in our Nachrichten section.