Das Herisau-Modell: Zwischen Personal und Algorithmus

Die neue Filiale an der Alpsteinstrasse in Herisau markiert einen strategischen Wendepunkt für die Migros Ostschweiz. Während der regulären Geschäftszeiten funktioniert der Laden wie jeder andere Supermarkt: Personal ist vor Ort, berät Kunden und bewirtschaftet die Regale. Doch pünktlich um 19 Uhr schaltet das System in den autonomen Modus um.
In dieser nächtlichen Phase wird der Laden zu einem technologisch gesteuerten Raum. Kunden erhalten den Zutritt entweder per SMS-Validierung über das Smartphone oder mittels Debit- und Kreditkarten. Die Bezahlung erfolgt an den bereits installierten Self-Checkout-Kassen. Auf einer Verkaufsfläche von etwa 295 bis 300 Quadratmetern stehen rund 7.000 Artikel zur Verfügung, was das Sortiment deutlich über das der bisherigen, rein unbedienten Formate hebt.
Die Sicherheit wird durch ein engmaschiges Netz aus Video- und Sensorik überwacht, das laut Blick nicht nur Diebstähle verhindern soll, sondern auch medizinische Notfälle oder Unfälle im Laden erkennen und alarmieren kann.
Strategische Standortwahl und operative Hürden

Die Entscheidung für Herisau, eine Gemeinde mit rund 16.000 Einwohnern, ist kein Zufall, sondern kalkulierte Risikominimierung. Die Migros sieht den Standort als idealen Testlauf, da er eine Mischung aus lokalen Stammkunden und Touristen auf dem Weg in den Alpstein anspricht. Durch die Lage außerhalb eines urbanen Zentrums möchte das Unternehmen die Erfahrungen sammeln, ohne dass die spezifischen, oft komplexeren Rahmenbedingungen einer Großstadt das Ergebnis verfälschen.
Der Weg bis zur Eröffnung war jedoch steinig. Ursprünglich war der Start bereits für den Sommer 2025 geplant. Eine Einsprache gegen die baulichen Anpassungen und die geänderte Nutzung des Objekts verzögerte das Projekt jedoch um ein gesamtes Jahr, bis die Betriebsbewilligung schließlich vorlag.
Auch die Logistik muss an die strengen Schweizer Arbeitsgesetze angepasst werden. Da die Regale nachts sowie an Sonn- und Feiertagen nicht bewirtschaftet werden dürfen, erfolgt das Auffüllen der Warenbestände unmittelbar vor und nach den bedienten Öffnungszeiten.
Das Risiko des unbedienten Handels: Ein teures Experiment?
Die Euphorie über die technologische Innovation muss vor dem Hintergrund der Branchendaten betrachtet werden. Der Markt für autonome Läden in der Schweiz ist ein Friedhof aus gescheiterten Konzepten. Die Valora-Gruppe beendete im Sommer 2023 die autonomen Avec-Box-Läden mangels Nachfrage, und auch die südafrikanische Mutterfirma von Spar beendete das Experiment Spar Go 24 Ende 2024, primär aufgrund von Diebstählen und Vandalismus.
Selbst innerhalb des Migros-Konzerns ist die Bilanz gemischt. Die unbedienten «Teo»-Läden, die auf einem Konzept der deutschen Tochter Tegut basieren, brachten dem Genossenschaftsbund bisher einen Verlust von einer halben Milliarde Franken ein. In Zürich mussten 2024 bereits zwei 24-Stunden-Filialen in Kloten und Dietlikon geschlossen werden, da sie nicht rentabel waren.
Der Erfolg in Herisau wird daher maßgeblich an zwei Faktoren gemessen: der Diebstahlsquote und der tatsächlichen Nutzung in den späten Nachtstunden. Wenn das Modell funktioniert, plant die Migros Ostschweiz, das Konzept noch in diesem Jahr auf weitere Standorte auszuweiten.
Soziale Spannungen und gewerkschaftliche Kritik
Während die Migros den Wunsch der Kunden nach Flexibilität betont, sieht der Gewerkschaftsbund St.Gallen-Appenzell die Entwicklung kritisch. Der Verband warnt vor einer Benachteiligung kleinerer Detailhändler, die weder über die finanziellen Mittel noch über die technische Infrastruktur verfügen, um solche Öffnungszeiten anzubieten.
Neben dem Wettbewerbsdruck stehen die Arbeitsbedingungen im Fokus. Die Gewerkschaft befürchtet negative Auswirkungen auf die Belegschaft und kündigte an, die Entwicklung genau zu beobachten und gegebenenfalls politische Schritte einzuleiten. Dass der Zutritt nachts über eine SMS-Bestätigung geregelt wird, unterstreicht den Versuch, den Zugang zu kontrollieren, ändert aber nichts an der grundsätzlichen Kritik an der Entpersonalisierung des Handels.
Die Migros setzt hier auf eine hybride Lösung. Indem sie die Filiale tagsüber bedient lässt, bewahrt sie die soziale Komponente des Einkaufens, während sie nachts die Kosten für das Personal eliminiert. Ob diese Balance ausreicht, um die Rentabilitätsprobleme früherer autonomer Versuche zu lösen, wird sich nach dem 2. Juli zeigen.