Sexuelle Belästigung im Gesundheitswesen ist ein strukturelles Problem, das Tausende Pflegekräfte in Deutschland und der Schweiz betrifft – und eine aktuelle #Medtoo-Studie zeigt, wie tief die Hierarchien und Abhängigkeitsverhältnisse in Kliniken die Kultur der Straflosigkeit prägen.
Laut einer gemeinsamen Untersuchung der Universitäten Freiburg, Heidelberg, Tübingen und Ulm wurden 42 Prozent der befragten Pflegekräfte in Ausbildung während ihrer Studienzeit Opfer sexueller Belästigung – viele von ihnen mehrfach im selben Jahr. Fast die Hälfte der Befragten gab an, solche Vorfälle bei Kollegen beobachtet zu haben. Die Studie, die unter dem Hashtag #Medtoo läuft, deckt auf, wie weit verbreitet das Problem ist und warum Betroffene oft schweigen.
Die erschütternden Erfahrungsberichte: „Von allen belästigt“
Eine anonyme Pflegekraft beschreibt in der „Bild“ eine Realität, die viele Betroffene teilen: „Von allen belästigt – von Patienten, vom Sicherheitspersonal, von anderen Pflegern und Ärzten.“ Besonders gravierend sind die Fälle, in denen Vorgesetzte wie Oberärzte Grenzen überschreiten. Eine Pflegekraft berichtet, wie sie während einer Besprechung unter vier Augen zu ihrem Sexleben ausgefragt wurde: „Er fragte, ob ich es hart mag und was ich nach der Arbeit machen würde.“ Die Betroffene setzte Grenzen, doch die Situation zeigt, wie tief die Machtgefälle in Kliniken wirken.
Besonders tragisch ist, dass viele Betroffene solche Vorfälle einst als „normal“ empfanden. Eine Pflegekraft erzählt, man habe ihr damals gesagt, sie müsse „solche Situationen aushalten können“. Erst später habe sie erkannt, dass dies falsch war. Nach der Geburt ihres Sohnes verließ sie den Beruf – ein Schicksal, das viele teilen.
Die Systematik der Straflosigkeit: Warum Schweigen die Regel ist
Friedrich München, Sprecher der sächsischen Krankenhausgesellschaft, erklärt im Interview mit dem MDR, dass die hierarchischen Strukturen in Kliniken und die damit verbundenen Abhängigkeitsverhältnisse sexuelle Belästigung begünstigen. „Wir haben Ärztinnen und Ärzte, die in einem langen Ausbildungsverhältnis stehen – und da bestehen tatsächlich starke Abhängigkeiten zu vorgesetzten Ärzten.“ München betont, dass es nicht nur um Sexualität geht, sondern um Machtmissbrauch in allen Formen.
Die Angst vor Vergeltung und die Unsicherheit über rechtliche Schritte halten viele Betroffene davon ab, Vorfälle zu melden. Eine Studie des SECO und des Eidgenössischen Büros für Gleichstellung zeigt, dass sexuelle Belästigung im Gesundheitswesen die Attraktivität des Pflegeberufs massiv mindert. Der Schweizerische Berufsverband der Krankenschwestern und Krankenpfleger (SBK) hat mit der Broschüre „Verstehen Sie keinen Spaß, Schwester?“ einen Leitfaden erarbeitet, um Betroffene zu unterstützen und Arbeitgeber in die Pflicht zu nehmen.
Was die #Medtoo-Studie für den Pflegeberuf bedeutet
Die Studie unterstreicht, dass sexuelle Belästigung im Gesundheitswesen kein Einzelfall, sondern ein systematisches Problem ist. Die Zahlen sind alarmierend: 42 Prozent der Pflegekräfte in Ausbildung wurden belästigt, 49 Prozent haben solche Vorfälle bei anderen beobachtet. Die Studie zeigt auch, dass viele Betroffene die Vorfälle nicht melden – aus Angst vor Konsequenzen oder weil sie die Situation als „normal“ akzeptieren.
Der SBK hat gemeinsam mit der Fachstelle für Gleichstellung der Stadt Zürich und der Gewerkschaft Unia das Portal belaestigt.ch ins Leben gerufen, um Betroffene zu beraten und Arbeitgeber in die Verantwortung zu nehmen. Die Broschüre „Leitfaden für den Umgang mit Gewalt am Arbeitsplatz“ (ICN 2001) bietet konkrete Handlungsanweisungen für Pflegekräfte und Arbeitgeber.
Was jetzt passiert: Rechtliche Schritte und Präventionsmaßnahmen
Der SBK unterstützt betroffene Pflegekräfte rechtlich und bietet Schutz vor Vergeltungsmaßnahmen. Doch die eigentliche Herausforderung liegt in der Veränderung der Kultur: Wie lassen sich Hierarchien abbauen, in denen Machtmissbrauch gedeiht? Die Studie zeigt, dass viele Betroffene erst Jahre später erkennen, dass sie nicht allein sind – und dass ihre Erfahrungen nicht „normal“ sind.

Die #Medtoo-Studie ist ein Weckruf. Sie zeigt, dass es nicht ausreicht, einzelne Täter zu bestrafen – es braucht eine grundlegende Reform der Strukturen, die Machtmissbrauch ermöglichen. Die Frage ist nicht mehr, ob es sexuelle Belästigung im Gesundheitswesen gibt, sondern wie schnell und entschlossen die Verantwortlichen handeln, um diese Kultur zu beenden.
Die Studie macht deutlich: Schweigen ist keine Lösung. Die Pflegekräfte verdienen einen Arbeitsplatz, an dem sie sicher und respektiert sind – ohne Angst vor Belästigung oder Vergeltung.