May el-Toukhy ist beim diesjährigen Filmfestival in Venedig die einzige Regisseurin im Wettbewerb. Die dänisch-ägyptische Filmemacherin kritisiert diesen Umstand als tief verankertes strukturelles Problem der gesamten Branche, während sechs italienische Filmverbände die Auswahlkommission scharf angreifen.
Wenn die 83. Internationalen Filmfestspiele von Venedig ihre Türen öffnen, blickt die Filmwelt auf eine beunruhigende Statistik. Von den zwanzig Filmen, die im September im Hauptwettbewerb um die Auszeichnungen konkurrieren, stammt genau eine Regiearbeit von einer Frau. Die dänische Filmemacherin May el-Toukhy vertritt mit ihrem Werk Woman Unknown als einzige alleinige Regisseurin den weiblichen Teil der Filmschaffenden im offiziellen Wettbewerb, während eine spätere Dokumentar-Koproduktion von Rachel Szor und Yuval Abraham das Feld um eine weitere weibliche Perspektive ergänzte. Das von sechs italienischen Filmverbänden geäußerte Unbehagen über diese Schieflage trifft auf eine Regisseurin, die das Problem weit jenseits des aktuellen Festivaljahrgangs verortet.
Ein strukturelles Problem von historischem Ausmaß
Die ungleiche Verteilung der Plätze ist nach Ansicht von el-Toukhy kein Zufallsprodukt des aktuellen Auswahlprozesses, sondern das Resultat einer jahrzehntealten Mechanik in der Filmindustrie. Bei einer Pressekonferenz im Vorfeld der Premiere ihres historischen Psychothrillers machte die Filmemacherin deutlich, dass die Hürden für Regisseurinnen den gesamten Werdegang durchziehen. Sie gab an, in vielen verschiedenen Situationen die einzige Frau gewesen zu sein. Die Benachteiligung beginne direkt nach dem Abschluss an den Filmhochschulen, zeige sich bei der Vergabe von Budgets für Erst- und Zweitfilme und spiegele sich im Verhalten von Schauspielern und Medien wider, die männliche Regisseure allzu oft zu Genies stilisierten.
„It tells us there’s still lots of work to do,“
May el-Toukhy, Danish director
Die dänische Regisseurin, deren dritter Spielfilm nach Long Story Short und Queen of Hearts nun auf dem Lido gezeigt wird, verweist darauf, dass diese strukturellen Barrieren älter seien als das Kino selbst. Ihr aktueller Film greift diese Thematik der weiblichen Unsichtbarkeit in einem historischen Kontext auf.
Italienische Filmverbände kritisieren den Qualitätsbegriff
Die Debatte um den Frauenanteil in Venedig rief auch die Verbände 100autori, Anac, Air3, Doc/it, Ewa sowie Women in Film Television & Media Italia auf den Plan. In einer gemeinsamen Stellungnahme kritisierten die Organisationen die Programmauswahl der Festspielleitung scharf. Festivaldirektor Alberto Barbera hatte bei der Programmpräsentation erklärt, man sei selbst über das Ergebnis überrascht gewesen und habe gehofft, mehr qualifizierte Filme von Regisseurinnen zu finden.
Die Verbände wiesen diesen Rechtfertigungsversuch zurück. Qualität sei keine neutrale oder objektive Kategorie, sondern ein Konzept, das von Machtverhältnissen, kulturellen Prägungen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen geformt werde. In ihrer Erklärung hinterfragten die Verbände, ob die Maßstäbe der Auswahlkommissionen noch zeitgemäß seien, und erinnerten daran, dass das Festival in Venedig bereits im Jahr 2018 die Initiative 50/50 by 2020
unterzeichnet hatte, um die Gleichberechtigung in der Filmbranche zu fördern.
Frauen im Visier der Nachkriegsgesellschaft: Der Inhalt von Woman Unknown
Vor diesem Hintergrund liefert el-Toukhys Wettbewerbsbeitrag einen thematischen Kontrapunkt. Das Drama spielt im Sommer 1945 in Dänemark, wenige Monate nach dem Ende der deutschen Besatzung. Im Mittelpunkt steht Marie, dargestellt von Mathilde Arcel, die als Nanny und Hausmädchen arbeitet und kurz vor der Heirat mit ihrem älteren Arbeitgeber steht. Marie hütet ein gefährliches Geheimnis aus der Kriegszeit: Sie hatte eine Beziehung zu einem deutschen Soldaten eingegangen, was sie zur Zielscheibe jener Verfolgung machte, die als Abrechnung mit den sogenannten horizontalen Kollaborateurinnen stattfand.

Kritiker hoben die formale Strenge und die emotionale Wucht des von Nordisk Film Production realisierten Dramas hervor. Die Figur der Marie, die sich in einem klaustrophobischen bürgerlichen Umfeld bewegt, spiegelt die historische Unterdrückung und den harten gesellschaftlichen Druck wider, unter dem Frauen jener Epoche standen. Während die Gesellschaft die Hauptlast der Schuld auf diese Frauen projizierte, machten viele andere Bürger im Alltag ungestört Geschäfte mit den Besatzern.
Persönlicher Einsatz und der Weg nach vorn
Trotz der anhaltenden Debatte um die mangelnde Diversität im Wettbewerb überwiegt bei der Regisseurin die Erleichterung über die Premiere. Für den Film hat el-Toukhy in den vergangenen Monaten ihre eigenen Reserven aufgebraucht. I’ve worked 16 hours a day for more than a year. I’ve spent all my savings. I’ve used every part of me to make this film
, erklärte sie im Interview. Die Einladung in den Wettbewerb von Venedig sehe sie angesichts dieses enormen Kraftakts bereits als persönlichen Sieg an, während die Diskussionen über die strukturelle Zukunft der Filmförderung und Festivalauswahl weitergehen.

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