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Technik und Wissenschaft

Lebensmittelbetriebe im Vereinigten Königreich sind ins Visier einer europäischen Cyber-Attacke

Lebensmittelbetriebe im Vereinigten Königreich sind ins Visier einer europäischen Cyber-Attacke geraten, bei der die Temperaturen von Kühlgeräten manipuliert wurden. Die britischen Sicherheitsbehörden arbeiteten nach Angaben des National Cyber Security Centre die gesamte Nacht hindurch, um potenziell gefährdete Organisationen zu warnen und vor den Risiken veralteter Steuerungssysteme zu warnen.

Am Montag kam es in sieben europäischen Ländern zu massiven Störungen, bei denen die Thermostate von Kühl- und Gefrieranlagen in Supermärkten teils auf 50 Grad Celsius hochgedreht wurden. Nach Angaben der EU handelte es sich um einen gezielten Versuch, die Lebensmittelversorgungskette zu stören und das Vertrauen der Verbraucher zu untergraben. Betroffen waren unter anderem Märkte von Carrefour, Intermarché und Ikea in Belgien, Coop und ICA in Schweden – wobei die schwedische Handelskette ICA erklärte, ihr System sei von dem dänischen Unternehmen Danfoss bereitgestellt worden, während einige Coop-Märkte über ein anfälliges 4G-Mobilfunknetz verbunden waren –, Delhaize in Luxemburg, Kesko in Finnland, SuperValu in Irland sowie Geschäfte in Estland. Ähnliche Vorfälle hatten bereits vor drei Wochen beziehungsweise Anfang Oktober in Frankreich stattgefunden, als französische Einzelhändler wegen plötzlich überhitzter Kühlgeräte große Mengen frischer und gefrorener Lebensmittel im Wert von Millionen Euro wegwerfen mussten. Die Angriffe nutzten Sicherheitslücken in Systemen zur Fernsteuerung von Kühleinheiten aus, auf die Cybersicherheitsforscher bereits Monate zuvor hingewiesen hatten und die in Frankreich veraltete Technologie mit Werkspasswörtern betrafen. Eine mutmaßliche Hackerserie traf Anfang August auch Kommissariate an mindestens sechs Militärbasen in den Vereinigten Staaten, was vom Pentagon untersucht wird.

Im Vereinigten Königreich bestätigte das National Cyber Security Centre (NCSC), dass es in ein paar wenigen Fällen zur Ausnutzung verwundbarer Technologie kam. Dr. Richard Horne, der Chef des NCSC, teilte im BBC-Radio-Vier-Programm „Today“ mit, dass man die Nacht hindurch gearbeitet habe, um potenziell betroffene Organisationen zu alarmieren. Die britische Vereinigung unabhängiger Fleischlieferanten (AIMS) erklärte gegenüber der BBC, dass einige ihrer mehr als 300 Mitglieder unerwartet als Kollateralschaden in die Angriffe gerieten. Bei zwei Mitgliedern begannen die Kühleinrichtungen abzutauen, während bei einer anderen Einheit die Temperatur auf bis zu 100 Grad Celsius anstieg. AIMS-Sprecher Tony Goodger teilte mit, dass die betroffenen Geräte zu diesem Zeitpunkt leer waren, weshalb keine Lebensmittel verloren gingen. Dennoch müsse der Vorfall allen in der Lebensmittelindustrie an jedem Punkt der Lieferkette als Erinnerung dienen, dass ihre Unternehmen von manchen als Ziele gesehen werden, wie er betonte.”

Cyberattacks Disrupt Supermarket Freezers Across Europe | WION Pulse

Veraltete Technologie und die Rolle künstlicher Intelligenz

Dr. Richard Horne, der Leiter des NCSC, erklärte bei der Vorstellung des Jahresberichts des Zentrums, dass Teams die Nacht hindurch gearbeitet hätten, um britische Organisationen zu alarmieren. Angesichts der Vorfälle betonte er die dringende Notwendigkeit für Unternehmen, in die Sicherheit und Erneuerung ihrer digital gestützten Anwendungen zu investieren.

„Die technologische Basis, auf die wir als Gesellschaft angewiesen sind, wurde nicht in dem Maße finanziell unterstützt, wie es nötig wäre“, erklärte Dr. Richard Horne, Leiter des NCSC.”

Dr. Richard Horne, Leiter des NCSC

Viele Firmen hätten Systeme über deren Lebenszeit hinaus betrieben, diese nicht aktualisiert oder in sicheren, vom Internet getrennten Bereichen gehalten. Solche Versäumnisse schafften Schwachstellen, die für Angreifer wie leichtes Obst, sogenanntes „low-hanging fruit, zu ernten seien. Zudem warnte der britische Cybersicherheitschef vor den wachsenden Gefahren durch automatisierte Bedrohungen:

Supermarket freezers hit by suspected cyberattacks | DW News

„KI in den Händen unserer Gegner“, warnte Dr. Richard Horne, Leiter des NCSC.”

Dr. Richard Horne, Leiter des NCSC

Solche Werkzeuge erlauben es Angreifern laut dem NCSC-Jahresbericht, Schwachstellen in einem bisher unvorstellbaren Ausmaß aufzuspüren und auszunutzen. Bis zum Jahr 2028 rechnet das Zentrum mit massiven Risiken durch KI-gestützte Angriffe, während feindselige Staaten wie Russland und China diese Technologie routinemäßig zur Verfolgung ihrer Ziele einsetzen werden; laut dem Bericht wird zudem vermutet, dass hinter Vorfällen wie dem Binance-Kryptoraub Nordkorea stand, während bei den Kühlschrank-Hacks laut Sophos-Experte Rafe Pilling neben staatlicher Signalisierung und Demonstration von Fähigkeiten auch ein einsamer Hacker („lone-wolf hacker) für persönliche Motive infrage kommt.

Ausmaß der Zerstörung und Reaktionen im Handel

In Kontinentaleuropa trafen die Angriffe Supermärkte, deren Thermostate aus der Ferne manipuliert wurden und deren Steuerungsoftware über das Internet verbunden war. Laut Nick Jackson, dem Direktor für Cyber-Operationen bei Bitdefender, könnten Unternehmen langsam bei Updates sein, weil diese Zeit zum Laufen erfordern und Maschinen dabei offline sein müssen, oder schlicht weil Betreiber nicht daran denken; die belgische Kühlschrankgruppe Sabcobel wies darauf hin, dass die Auswirkungen des Hacks am Montag weitaus schlimmer hätten ausfallen können, wenn sie nicht nach dem Angriff in Frankreich am 12. Oktober mit dem Patchen der Kühlschränke begonnen hätten. Tom Cheshire, der Sicherheitskorrespondent von Sky News, erklärte zu den Hacks in mainland Europe, sie hätten gezeigt, dass es sich um eine die gesamte Gesellschaft betreffende Angelegenheit handele („Have shown us that this is an all of society thing, a message we keep hearing from government, but one that is really, really true), und Dr. Horne ergänzte, dies verstärke Warnungen des Verteidigungsministers, dass Menschen im Vereinigten Königreich Lebensmittel, Wasser und Notfallvorräte bevorraten sollten.

Cyberattack Sends Supermarket Fridges Into Chaos Across Europe

NCSC warnt vor anhaltender Bedrohung der Infrastruktur

Paul Chichester, der Direktor für Operationen beim NCSC, betonte, dass die Auswirkungen im Vereinigten Königreich zwar minimal waren, die Behörde jedoch mit den beteiligten Unternehmen zusammenarbeite. Die Cybersicherheitsbehörde bewertet die Vorfälle als Mahnung, dass jahrelang „tech on the cheapbetrieben wurde und Organisationen angesichts drohender leerer Supermärkte und Stromausfälle handeln müssen.

Unser früherer Bericht: Cyberangriff manipuliert Kühlsysteme in Supermärkten mehrerer europäischer Länder

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Clara Vogt

Über den Autor

Clara Vogt verantwortet das Ressort Technik und Wissenschaft. Sie schreibt ueber KI, Digitalisierung, Forschung und Innovation und uebersetzt komplexe Entwicklungen in klaren, belastbaren Journalismus.

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