Bundesfinanzminister Lars Klingbeil hat nach einem Treffen mit UniCredit-Chef Andrea Orcel in Berlin Bedingungen für eine Übernahme der Commerzbank formuliert. Angesichts einer Beteiligung der italienischen Großbank von knapp 50 Prozent pocht die Bundesregierung auf den Erhalt des Frankfurter Sitzes, die Eigenständigkeit des Mittelstandsgeschäfts und den Schutz von über 40.000 Arbeitsplätzen.
Rote Linien im Übernahmepoker: Das Treffen zwischen Klingbeil und Orcel
Lange Zeit hatte sich die Bundesregierung gesträubt, mit Unicredit-Chef Andrea Orcel über dessen Pläne zur Übernahme der Commerzbank auch nur zu reden – und sei es nur höflich und unverbindlich. Bundeskanzler Friedrich Merz und Finanzminister Lars Klingbeil bezeichneten die Übernahmepläne stets als „feindlich“ und unerwünscht und verwiesen für alles Weitere an das Management der Commerzbank. Selbst als Anfang Juli klar wurde, dass die italienische Großbank knapp 50 Prozent an der Commerzbank hielt und Orcel die Absage aus Berlin damit faktisch ignoriert hatte, verwies die Bundesregierung weiterhin an die Konzernzentrale in Frankfurt. Mittlerweile kontrollieren die Italiener aber rund 50 Prozent der Commerzbank-Anteile, so dass eine Übernahme nicht mehr aufzuhalten ist. Die Übernahme der Commerzbank durch die italienische UniCredit ist kaum noch abzuwenden – trotz aller bisherigen Widerstände, auch aus der Bundesregierung. Nun versucht Finanzminister Klingbeil, rote Linien zu ziehen.”
Vor diesem Hintergrund kam es in Berlin zu einem entscheidenden Vier-Augen-Gespräch zwischen Klingbeil und UniCredit-Chef Andrea Orcel. Das Vier-Augen-Gespräch mit Orcel bezeichnete Klingbeil als konstruktiv. Die Bundesregierung hatte sich lange gegen ein solches Treffen gestemmt, weil sie das Vorgehen der Großbank im Übernahmepoker als aggressiv und feindlich empfand.
Forderungen der Bundesregierung zum Schutz des Standorts Frankfurt
Als zweitgrößter Aktionär hält der Bund nach wie vor rund zwölf bis 13 Prozent an der Commerzbank. Die staatliche Beteiligung an der Commerzbank ist ein Überbleibsel aus der mit Steuergeldern Rettung während der globalen Finanzkrise vor fast 20 Jahren. Bei dem Treffen in Berlin machte der Vizekanzler unmissverständlich klar, welche Erwartungen an den Investor gerichtet sind. Der Bund, der die Commerzbank in der Finanzkrise mit Steuermilliarden gerettet hat, hält noch gut 12 Prozent an der Commerzbank und ist damit zweitgrößter Aktionär. Bei einer möglichen Übernahme kommt der Regierung daher eine wichtige Rolle zu. Klingbeil hatte sich im Vorfeld mit Bundeskanzler Friedrich Merz, Hessens Ministerpräsident Boris Rhein, Frankfurts Oberbürgermeister Mike Josef, Commerzbank-Chefin Bettina Orlopp sowie mit dem Betriebsratsvorsitzenden Sascha Uebel abgestimmt, wie es im Ministerium hieß. Das Treffen mit Orcel sollte die Position der Bundesregierung darlegen. Klingbeil wolle erreichen, dass Orcel die Interessen der Beschäftigten ausreichend berücksichtige. Außerdem müsse die fusionierte Bank in ihren Strukturen die Bedeutung des deutschen Marktes abbilden. Bund will zwei Sitze im Aufsichtsrat. Klingbeil pocht im Ringen um eine mögliche Übernahme der Commerzbank durch die italienische Großbank Unicredit auf eine Reihe von Bedingungen. Wir erwarten, dass die Commerzbank eine börsennotierte Aktiengesellschaft mit Sitz in Frankfurt bleibt und ihr starkes Mittelstandsgeschäft fortsetzt – sowohl in Deutschland als auch international
, sagte der Vizekanzler nach dem Treffen.

Lars Klingbeil, Vizekanzler und Bundesfinanzminister, via Tagesschau
Die Konzernzentrale befindet sich im Frankfurter Bankenviertel im Commerzbank Tower, dem höchsten Gebäude Deutschlands mit eine Höhe inklusive der Antenne von 300 Metern. Das Gebäude gehört aber mittlerweile der Lebensversicherungssparte des koreanischen Samsung-Konzerns. Nach Plänen von 2025 soll der Central Business Tower im Bankenviertel ab 2028 zusätzlich von der Commerzbank gemietet werden und 3200 Arbeitsplätze bereitstellen. Klingbeil betonte zudem, dass die Bundesregierung hinter den mehr als 40.000 Beschäftigten der Commerzbank stehe. Damit signalisiert Berlin, dass Stellenabbau und ein Kahlschlag beim Personal keine Option sein dürfen.
Sorgen um den Arbeitsmarkt und die Zukunft des Mittelstandsgeschäfts
Im Zentrum der Bedenken stehen die Belegschaft sowie die Kreditversorgung der deutschen Wirtschaft. Die Bank müsse ihre wichtige Rolle für die Finanzierung der deutschen Wirtschaft und des Mittelstands weiter erfüllen können. Außerdem, so betonte Klingbeil, stehe die Bundesregierung an der Seite der mehr als 40.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Commerzbank. Orcel sieht bei einer Übernahme der Commerzbank Potenzial für Milliardeneinsparungen inklusive des Abbaus Tausender Stellen. Er will zudem das Auslandsnetz der Commerzbank beschneiden. Bei der Commerzbank herrschen Sorgen vor einem Kahlschlag. Zudem gibt es in Frankfurt Befürchtungen bezüglich der strategischen Ausrichtung.

Nächste Schritte im Dialog zwischen Berlin und Mailand
Nach dem ersten offiziellen Austausch zeigten sich beide Seiten dialogbereit. Die Unicredit, die vor rund zwei Jahren bei der Commerzbank eingestiegen war, wirbt seit langem um eine Übernahme des Frankfurter Dax-Konzerns und hat sich den Zugriff auf fast 50 Prozent der Anteile gesichert. Orcel sprach von einem guten und konstruktiven ersten Gespräch, dem zeitnah weitere folgen sollten.

Andrea Orcel, UniCredit-Chef, via Tagesschau
Nun liegt es an beiden Seiten, dieses erste Gespräch zu reflektieren, damit wir einen Weg finden können, der den Interessen aller Stakeholder und Anteilseigner bestmöglich gerecht wird
, erklärte er.
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