Isländische Wähler haben am 29. August 2026 in einem landesweiten Referendum mit 52,8 zu 47,2 Prozent gegen die Wiederaufnahme von EU-Beitrittsverhandlungen gestimmt. Die Beteiligung lag bei 82,5 Prozent. Ministerpräsidentin Kristrún Frostadóttir hatte das Votum zuvor als Chance bezeichnet, um internationale Risiken zu minimieren.
Die Bewohnerinnen und Bewohner Islands haben das Kapitel einer möglichen EU-Mitgliedschaft vorerst geschlossen. Bei der Volksabstimmung am Samstag sprachen sich nach den am Sonntag veröffentlichten Auszählungsdaten 118.040 Wahlberechtigte gegen neue Gespräche aus, während 105.399 Stimmen auf das Ja-Lager entfielen laut Berichten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Das entspricht einem Verhältnis von 52,8 zu 47,2 Prozent bei insgesamt 225.031 abgegebenen Stimmen.
Hohe Wahlbeteiligung und tiefer Graben zwischen Reykjavík und den Regionen
Die Abstimmung mobilisierte die Bevölkerung im Nordatlantik so stark wie seit Jahren keine Wahl mehr. Die Wahlbeteiligung erreichte 82,5 Prozent – den höchsten Wert bei einem Urnengang im Inselstaat seit den Parlamentswahlen im April 2009, wie das ORF berichtete. Damals hatte die Beteiligung bei 85,1 Prozent gelegen.
Bemerkenswert ist vor allem die geografische Verteilung des Ergebnisses. Von den sechs isländischen Wahlkreisen stimmten lediglich die beiden in der Hauptstadt Reykjavík gelegenen Bezirke mehrheitlich mit Ja. Je weiter es von der Küste der Hauptstadt ins Landesinnere und in die ländlichen Regionen ging, desto deutlicher fiel das Nein aus. Im Nordwesten des Landes erreichte der Nein-Anteil 62,9 Prozent, wies die Nachrichtenseite Heimildin aus. Zwischen dem stärksten Ja-Wahlkreis und dem stärksten Nein-Wahlkreis lag eine Differenz von rund 20 Prozentpunkten.
Sicherheitsdebatte und Grönland-Konflikt als Auslöser
Die sozialdemokratische Ministerpräsidentin Kristrún Frostadóttir hatte das Referendum vorangetrieben, nachdem die Diskussion über den Status kleinerer Staaten in einer sich verändernden globalen Sicherheitsarchitektur an Dynamik gewonnen hatte. Auslöser waren unter anderem wiederholte Äußerungen von US-Präsident Donald Trump hinsichtlich des benachbarten, zu Dänemark gehörenden Territoriums Grönland, die in Reykjavík für Unruhe gesorgt hatten. Frostadóttir hatte die Wiederaufnahme der EU-Gespräche im Fernsehen als
bezeichnet, mit dem sich Risiken für die Insel reduzieren ließen.
Gegner des Vorhabens hielten dagegen, dass das Land bereits seit 1951 ein bilaterales Verteidigungsabkommen mit den Vereinigten Staaten unterhält und als Gründungsmitglied der NATO fest in westliche Strukturen eingebunden ist. Auch wirtschaftliche Argumente prägten die Debatte.
Einige Stimmen äußerten sich kritisch zum Zeitpunkt der Abstimmung und verwiesen auf die gesellschaftliche Spaltung.
Die Fischereifrage und der Status im Europäischen Wirtschaftsraum
Im Zentrum der Skepsis stand wie schon beim ersten, in der Finanzkrise des Jahres 2009 gestellten und 2013 abgebrochenen Beitrittsantrag der Fischereisektor. Kritiker warnten vor dem Verlust der vollen Kontrolle über die reichen Fischereigewässer rund um die Insel.
Photo: DIE ZEIT
Wirtschaftlich ist das knapp 400.000 Einwohner zählende Land über den Europäischen Wirtschaftsraum und den Schengen-Raum bereits eng mit Europa verknüpft. Das Votum ändert an diesem Status quo unmittelbar nichts. Island bleibt außerhalb der Europäischen Union, und die bestehenden Handelsstrukturen innerhalb der EFTA-Konstellation mit der Schweiz und Liechtenstein behalten ihre Gültigkeit gemäß den Analysen des Schweizer Außenministeriums.
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Anna Richter leitet das Weltressort von Germanic Nachrichten. Sie berichtet ueber internationale Politik, Diplomatie und geopolitische Entwicklungen mit Fokus auf Kontext, Verlaesslichkeit und Relevanz fuer deutschsprachige Leser.
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