Die Regale in unseren Supermärkten, Drogerien und Baumärkten wirken stabil, doch hinter den Kulissen brodelt es gewaltig. Wer glaubt, dass die aktuellen Spritpreise nur ein Ärgernis für Pendler an der Zapfsäule sind, unterschätzt die Dynamik. Dirk Engelhardt, der Chef des Bundesverbands Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL), warnt vor einer „Teuerungsrate durch die Hintertür“. Da rund 85 Prozent aller Waren per Lkw transportiert werden, schlägt jeder Cent mehr beim Diesel direkt auf den Preis der Butter oder des Bohrers durch. Wir beobachten hier gerade eine Kettenreaktion, die mittelständische Transportunternehmen in den Ruin treiben könnte.
Die Rechnung, die nicht mehr aufgeht
Die Zahlen sind brutal. Diesel kostet aktuell 2,38 Euro pro Liter – das sind rund 55 Cent mehr als vor dem Ausbruch des Iran-Kriegs. Für einen privaten PKW-Fahrer ist das ärgerlich, für einen Logistikbetrieb ist es existenzbedrohend. Engelhardt rechnet vor: Ein typischer Lkw verbraucht etwa 30 Liter auf 100 Kilometer. Bei einer monatlichen Fahrleistung von 10.000 Kilometern entstehen allein durch die Preissteigerung Zusatzkosten von 1.642 Euro pro Fahrzeug und Monat. Auf das Jahr gerechnet sind das rund 20.000 Euro pro Laster.
Ein Betrieb mit einer Flotte von 50 Lkw muss similarly quick eine Million Euro an zusätzlichen Kosten stemmen. Das Problem liegt in den extrem dünnen Margen der Branche. Die Gewinnspannen liegen im Durchschnitt oft nur zwischen 0,1 und 1,5 Prozent vom Umsatz. Solche Beträge lassen sich nicht einfach „wegatmen“. Die Unternehmer müssen die Kosten an die Endverbraucher weitergeben, weil sie sonst schlichtweg zahlungsunfähig werden.
Ein Brief an Kanzler Merz und der Blick nach Polen
Die Verzweiflung in der Branche führt zu politischem Druck. Mehrere Verbände, darunter auch der Bundesverband Möbelspedition und Logistik (AMÖ) sowie der Bundesverband für Eigenlogistik & Verlader (BWVL), haben einen Brief an Bundeskanzler Friedrich Merz geschickt. Sie fordern konkrete Entscheidungen und eine zeitlich begrenzte Kostenbremse, um eine Insolvenzwelle zu verhindern. Die Angst ist real: Bis zu 100.000 Arbeitsplätze könnten verloren gehen, was etwa 15 Prozent aller Lkw-Fahrer in Deutschland betrifft.
Besonders bitter empfinden die deutschen Unternehmer den Vergleich mit den Nachbarn. In Polen haben die Behörden die Spritsteuer gesenkt und Preise gedeckelt. Das Ergebnis ist ein Netto-Dieselpreis, der aktuell 29 Cent pro Liter unter dem deutschen Niveau liegt. Für eine 50-Lkw-Flotte bedeutet dieser Unterschied einen Wettbewerbsvorteil von über einer halben Million Euro pro Jahr. Zudem können ausländische Lkw Deutschland oft komplett durchqueren, ohne im teuren Inland tanken zu müssen.
Ein zentraler Streitpunkt bleibt die CO2-Abgabe. Die Branche beklagt eine Doppelbelastung, da die CO2-Komponente sowohl im Kraftstoffpreis als auch in der Maut enthalten ist. Diese Doppelbesteuerung kostet die Firmen schätzungsweise 17 bis 20 Cent pro Liter zusätzlich.
Die Flucht in die E-Mobilität: Rettung oder Risiko?
Einige Unternehmer versuchen, den Teufelskreis aus fossilen Brennstoffen und Preisvolatilität zu durchbrechen. In Rheinland-Pfalz gibt es Pioniere wie den Logistiker TST aus Worms. Das Unternehmen investiert Millionen in E-Lkw und baut ein eigenes Ladenetz auf, das durch Photovoltaik auf den Hallendächern gespeist wird. Das Ziel ist die Klimaneutralität bis 2035.
Doch dieser Weg ist steinig. Hans Ludwig aus Dreis-Brück investiert zwar über eine halbe Million Euro in eine Ladestation und kauft E-Lkw für jeweils 300.000 Euro, doch das ist erst der Anfang für seine 60 Trucks. Andere, wie Peter Schmitt aus dem Westerwald, zögern noch. Die Investitionskosten sind gigantisch und die öffentliche Ladeinfrastruktur reicht bei weitem nicht aus. Während die Vision der Unabhängigkeit vom Ölmarkt lockt, bleibt die finanzielle Hürde für viele mittelständische Betriebe fast unüberwindbar.
Was bedeutet die „Teuerungsrate durch die Hintertür“ konkret für mich?
Das bedeutet, dass steigende Dieselpreise nicht nur die Transportkosten erhöhen, sondern dass Spediteure diese Mehrkosten über Surcharges (wie den Dieselfloater) an die Handelspartner weitergeben. Diese geben die Kosten wiederum an die Kunden weiter. Am Ende steigen die Preise für Lebensmittel und Alltagsgüter im Supermarkt, obwohl diese Produkte selbst vielleicht gar nicht teurer in der Herstellung wurden.
Wie hoch sind die Mehrkosten pro Lkw wirklich?
Bei einem Verbrauch von 30 Litern auf 100 Kilometer und einer monatlichen Strecke von 10.000 Kilometern kostet ein Lkw aktuell etwa 1.642 Euro mehr pro Monat als vor dem Iran-Krieg. Das summiert sich auf etwa 20.000 Euro pro Jahr und Fahrzeug.
Könnten E-Lkw die Lösung gegen die Preissteigerungen sein?
Theoretisch ja, da sie die Abhängigkeit vom Dieselpreis beenden. In der Praxis scheitert dies jedoch oft an den massiven Anschaffungskosten (bis zu 300.000 Euro pro Lkw) und der fehlenden Ladeinfrastruktur. Nur wenige finanzstarke Unternehmen können derzeit den Sprung wagen, während viele mittelständische Betriebe auf staatliche Entlastungen hoffen.