Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass der Frauenanteil in Berufen nicht nur symbolisch wirkt, sondern maßgeblich die Berufswahl beeinflusst. Zudem sorgt eine legendäre Mystery-Serie dafür, dass junge Frauen gezielt den Weg in männerdominierte MINT-Fächer und das FBI einschlagen.
Die Entscheidung von Frauen für oder gegen einen Beruf wird stark durch die dort herrschende Geschlechterverteilung geprägt. Das belegen Auswertungen neuer psychologischer Untersuchungen von Forschern an der Emory University, deren Ergebnisse in der Fachzeitschrift PLOS One veröffentlicht wurden. Die Untersuchungen umfassten Reihen von Fragebogenexperimenten mit insgesamt 1.680 erwachsenen Teilnehmenden im Alter von 18 bis 64 Jahren, darunter 851 Frauen und 829 Männer.
Dabei zeigte sich, dass Frauen deutlich mehr Interesse an Arbeitsplätzen zeigten, bei denen ein höherer Frauenanteil abgebildet wurde. Dies galt selbst dann, wenn die Stellenanzeigen Fähigkeiten erforderten, die traditionell eher mit Männern assoziiert werden. Studienkoautorin Stella Lourenco betonte die Tragweite dieser Dynamik.
Manche Menschen mögen Geschlechterrepräsentation vor allem für symbolisch halten – dass es einfach schön ist, wenn Frauen in einem Bereich repräsentiert sind.
Stella Lourenco, Psychologieprofessorin an der Emory University
Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Geschlechterrepräsentation weitreichendere Folgen hat. Sie ist vielleicht der Hauptgrund dafür, ob sich Frauen überhaupt für einen bestimmten Beruf entscheiden.
Stella Lourenco, Psychologieprofessorin an der Emory University
Der Scully-Effekt und das Erbe von Akte X in MINT-Berufen
Dass fiktive Vorbilder reale Berufswege massiv verändern können, zeigt das seit Jahren als Scully-Effekt bekanntes Phänomen. Bereits in den 1990er-Jahren jagten die Agenten Scully und Mulder in der Mystery-Serie Akte X dem Unerklärlichen nach (hier berichtet die Gaming-Platte über das Phänomen). Insbesondere die von Gillian Anderson dargestellte Agentin Scully wurde für Generationen junger Frauen zum Vorbild und motivierte sie zum Einstieg in männerdominierte Fachbereiche.
Eine Untersuchung des Geena Davis Institute aus dem Jahr 2018 belegte diese Entwicklung mit konkreten Zahlen. Demnach starteten 63 Prozent der Frauen, die Agent Scully kannten, ihre Karrieren in MINT-Domänen – Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik – mit mehr Selbstbewusstsein. Bei Fans der Serie lag die Wahrscheinlichkeit, in einem MINT-Bereich zu arbeiten, um 50 Prozent höher. Darstellerin Gillian Anderson berichtete wiederholt, dass ihr junge Frauen schrieben, sie hätten Berufe in der Medizin, der Wissenschaft oder beim FBI ergriffen, weil die Serienfigur ihnen eine Vorreiterrolle vorgelebt hatte.
Kulturelle Hürden und die Mechanik der Berufswahl
Um die Mechanismen hinter diesen Karriereentscheidungen besser zu verstehen, testeten die Psychologen an der Emory University verschiedene Einflussfaktoren wie Vorstellungen über Brillanz, Hingabe und das Phänomen der sogenannten masculinity contest culture
. Letzteres beschreibt Arbeitsumgebungen, die als aggressiv, kompetitiv und stark auf traditionell männliche Stereotype ausgerichtet wahrgenommen werden. In entsprechenden Experimenten mussten Teilnehmende einschätzen, wie stark sie sich an Arbeitsplätzen zugehörig fühlen würden.
Die Auswertungen zeigten deutliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Frauen legten in den Befragungen durchgehend den höchsten Wert auf das erwartete Vorhandensein von Kolleginnen, da dies als Indikator für ein unterstützendes und inklusives Betriebsklima dient. Männer äußerten zwar ebenfalls ein höheres Zugehörigkeitsgefühl für von ihrem Geschlecht dominierte Bereiche, zeigten dabei jedoch weitaus geringere Schwankungen.
Wir wollten herausfinden, in welchem Maße die derzeitige Geschlechterrepräsentation für die beruflichen Präferenzen von Frauen von Bedeutung ist.
Stella Lourenco, Psychologieprofessorin an der Emory University
Ist das wichtiger als die Vorstellungen darüber, was man braucht, um in einem bestimmten Bereich erfolgreich zu sein, und die damit verbundene Arbeitsplatzkultur?
Stella Lourenco, Psychologieprofessorin an der Emory University
Ein selbsterstärkender Kreislauf für künftige Generationen
Die Erkenntnisse aus den psychologischen Untersuchungen verdeutlichen, dass mangelnde weibliche Präsenz in bestimmten Berufsfeldern nicht nur das Resultat früherer Entscheidungen ist, sondern selbst als Ursache für anhaltende Ungleichgewichte wirkt. Laut den Forschern handelt es sich um einen selbsterstärkenden Kreislauf.
Während vor einem Jahrhundert in den Vereinigten Staaten die Erwerbstätigkeit von Frauen außerhalb des Hauses noch eine Seltenheit war, stieg der Anteil bis zum Jahr 2023 laut Daten des U.S. Bureau of Labor Statistics auf 77 Prozent der Frauen im arbeitsfähigen Alter. Dennoch bleiben Diskrepanzen in technik- und forschungslastigen Branchen bestehen. Die aktuellen wissenschaftlichen Daten unterstreichen, dass die Sichtbarkeit von Frauen in Medien und Berufswelt unmittelbar mit der Bereitschaft künftiger Generationen verknüpft ist, diese Branchen überhaupt erst zu betreten.
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