Ein Forschungsteam um den Harvard-Astronomen Avi Loeb vermutet, dass das astronomische Objekt 1998 KY26 kein natürlicher „dunkler Komet“ ist, sondern die seit September 1988 verschollene russische Raumsonde Phobos 1. Das etwa 11 Meter große Objekt bewegt sich zwischen Erde und Mars und weist eine ungewöhnliche Bahnabweichung ohne sichtbaren Kometenschweif auf.
In der Astronomie gibt es Objekte, die sich weigern, in eine einzige Schublade zu passen. Das Objekt 1998 KY26 ist ein Paradebeispiel für diese Anomalien. Es wird als „dunkler Komet“ klassifiziert – ein Himmelskörper, der die Flugbahn eines Kometen beschreibt, aber die physikalischen Eigenschaften eines Asteroiden besitzt.Das Problem für die Wissenschaftler ist die Diskrepanz zwischen Bewegung und Erscheinung. Normalerweise werden Kometen durch das Ausgasen von gefrorenen Materialien aus ihrer Bahn abgelenkt, was gleichzeitig einen charakteristischen Schweif oder eine Gaswolke erzeugt. Bei 1998 KY26 fehlt dieser visuelle Beweis vollständig, obwohl das Objekt dennoch leicht von seiner erwarteten Flugbahn abweicht. Eine unbekannte Kraft wirkt hier, ohne die typischen Spuren eines natürlichen Ausgasungsprozesses zu hinterlassen.
Die Hypothese von Avi Loeb: Ein menschliches Relikt
Wo andere Forscher nach exotischen natürlichen Erklärungen suchen, sieht Avi Loeb und sein Team eine technologische Ursache. Loeb ist in der Fachwelt für seine unorthodoxen Theorien bekannt, doch diesmal zielt seine Analyse nicht auf außerirdische Zivilisationen ab, sondern auf ein sehr menschliches Versagen aus dem Kalten Krieg.Die Theorie besagt, dass es sich bei dem 11 Meter großen Objekt um die russische Raumsonde Phobos 1 handeln könnte. Die Sonde verschwand bereits im September 1988 aus dem Kontakt mit der Erde. Die Ursache für den Verlust war trivial, aber fatal: ein fehlender Bindestrich in einem von der Erde gesendeten Befehl.Dieser kleine typografische Fehler führte zu einer Kettenreaktion im Bordcomputer der Sonde. Die Lageregelungsdüsen wurden deaktiviert, wodurch das Raumschiff seine Ausrichtung verlor. In der Folge konnten die Solarpaneele nicht mehr korrekt zur Sonne ausgerichtet werden, die Batterien liefen leer, und die Kommunikation riss endgültig ab.„Unsere Analyse kann nicht eindeutig belegen, dass es sich bei 1998 KY26 definitiv um die Sonde ‚Phobos 1‘ handelt.“
Avi Loeb, Harvard-Astronom
JAXA und die Mission im Jahr 2031
Dunkler Komet KometenDie theoretischen Überlegungen von Loeb könnten bald eine empirische Prüfung erfahren. Die japanische Raumfahrtorganisation JAXA plant für das Jahr 2031 einen Besuch bei 1998 KY26. Dabei handelt es sich um eine Erweiterung der „Hayabusa2“-Mission, die bereits im Jahr 2020 erfolgreich Proben vom Asteroiden Ryugu zur Erde zurückgebracht hatte.Sollte die Sonde 2031 tatsächlich auf ein künstliches Objekt treffen, wäre dies ein beispielloser Erfolg der orbitalen Forensik. Es würde bedeuten, dass die Menschheit in der Lage ist, ihre eigenen, vor Jahrzehnten verlorenen Artefakte im tiefen Weltraum wiederzufinden.Die wissenschaftliche Bedeutung dieses Besuchs liegt jedoch in der Klärung der Natur der „dunklen Kometen“. Falls 1998 KY26 ein natürliches Objekt ist, muss die Astronomie erklären, welche Kräfte eine Bahnabweichung ohne Gasemissionen verursachen können. Falls es Phobos 1 ist, wird die Mission zu einer Bergungsoperation von historischem Wert.
Wissenschaftliche Vorbehalte und die Rolle des Peer-Reviews
Dunkler Komet FlugbahnTrotz der faszinierenden Narrative bleibt die Theorie von Loebs Team vorerst eine Hypothese. Die Studie, die diese Vermutung stützt, wurde bisher noch nicht durch ein Peer-Review-Verfahren geprüft. In der Astrophysik ist dieser Schritt essenziell, um sicherzustellen, dass die Daten korrekt interpretiert wurden und keine alternativen natürlichen Erklärungen übersehen wurden.Die Schwierigkeit liegt in der Distanz und der geringen Größe des Objekts. Mit nur etwa 11 Metern Durchmesser ist 1998 KY26 ein winziger Punkt in der Leere zwischen Erde und Mars. Die Bahnanalyse ist präzise, aber die Identifizierung eines spezifischen Objekts allein durch seine Flugbahn bleibt ein statistisches Spiel.Die kommenden Jahre werden daher von einer intensiven Beobachtungsphase geprägt sein. Die Wissenschaft muss abwägen, ob die technologische Theorie die plausibelste ist oder ob 1998 KY26 eine völlig neue Klasse von Himmelskörpern repräsentiert, deren physikalische Eigenschaften wir bisher nicht verstehen.
Clara Vogt verantwortet das Ressort Technik und Wissenschaft. Sie schreibt ueber KI, Digitalisierung, Forschung und Innovation und uebersetzt komplexe Entwicklungen in klaren, belastbaren Journalismus.
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